vonChristian Ihle 03.08.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Spider-Man: Brand New Day (2026, Destin Daniel Cretton)
im Kino

Vier Jahre sind vergangen, seit wir das letzte Mal bei dem Spinnenmann vorbeigeschaut haben. Peter Parker existiert nicht mehr, aber Spider-Man beschützt New York City besser als je zuvor. Es läuft gut für unseren anonymen Helden, bis eine ungewöhnliche Verbrechensserie ihn in ein Netz aus Rätseln verwickelt, das größer ist als alles, dem er sich bisher stellen musste.

Auch die vierte Folge des Tom-Holland-Spiderverse wiederholt die gleichen Fehler wie die bisherigen drei Episoden, was besonders schade ist, da der direkte Vorgänger „No Way Home“ von 2021 nicht nur der beste Spidey seit den frühen Sam Raimi – Tagen war, sondern auch einer der wenigen wirklich gelungenen Marvel-Filme des letzten Jahrzehnts.

Die eigentlich herrlich für sich allein stehenden Spider-Man-Filme werden seit dem Übergang von Sony zu Marvel mit so viel Stumpfheit in das MCU geprügelt, dass all die mühsam aufgebaute Nahbarkeit und Emotionalität wieder und wieder mit random Gastauftritten auf Null gefahren wird.

Im Kern ist „Brand New Day“ ein Coming-Of-Age-Drama, dessen zentrale Romanze dank Zendaya und Holland auch emotional überzeugt. Immer wenn „Spider-Man“ dagegen zu sehr den Superhelden- und Marvel-Fanservice bedient, verliert der Film nicht nur jedes Pacing, sondern auch das, was ihn eigentlich ausmacht.
Wenigstens hat er aber – im Gegensatz zu den meisten Filmen seines Genres – diesen Kern. (6/10)

The Voice of Hind Rajab (2025, Kaouther Ben Hania)
zur Leihe

„The Voice of Hind Rajab“ rekonstruiert den wahren Notruf der sechsjährigen Hind Rajab, die im Januar 2024 nach einem Beschuss ihres Familienautos in Gaza-Stadt stundenlang in Todesangst auf Hilfe wartete

Quasi das „The Guilty“ des Gaza-Kriegs: „The Voice of Hind Rajab“ spielt bis zum Ende ausschließlich in einer Notrufzentrale.

Ein kleines Mädchen liegt zwischen ihren erschossenen Verwandten und der Notrufhelfer versucht verzweifelt, ihr Rettung schicken zu lassen. Das ist manchmal fast unangenehm nah, weil „The Voice of Hind Rajab“ die Original-Tonband-Aufnahmen der Hilfsanrufe dieses echten Vorfalls verwendet und darüber seine Notrufzentralen-Situation fantasiert. (6/10)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025, Curry Barker)
im Kino

„Obsession“handelt von dem schüchternen Bear, der sich mit einem magischen Wunsch-Zweig die Liebe seiner Kollegin Nikki (Inde Navarrette) erzwingt, woraufhin die Romanze in einen blutigen Albtraum umschlägt.

Ein verblüffend großer kommerzieller Hit (mit 261 Mio $ Einspiel der sechsterfolgreichste Film des Jahres in den USA at the time of writing), gerade weil „Obsession“ auf den ersten Blick wie dein üblicher kleiner Horror-Film von nebenan spielt und weder in Besetzung noch Effekten oder Witz bis zu Originalität etwas fundamental Neues zu bieten hätte.

Die Stärke von Curry Barkers erstem richtigen Feature-Film liegt in der durchgehend unangenehmen Atmosphäre, die – über den Umweg eines alten Horror-Tropes (ein Spielzeug, das böse Kräfte entwickelt) – tief in eine toxische Zweierbeziehung einsteigt.

„Obsession“ hat nur wenige Gewalteruptionen und ist in seiner Ausstattung unspektakulär braungrau-realistisch (bei einem Budget von 750.000$ vielleicht auch wenig verwunderlich), fühlt sich aber ständig intense an.

Kein Film-des-Jahres-Material wie beispielsweise Ari Asters frühe Filme, aber hinterlässt schon Eindruck – insbesondere dank einer wahnsinnigen Performance von Inde Navarrette in der weiblichen Hauptrolle. (7/10)

Adel verpflichtet (1949, Robert Hamer)
zur Leihe

Der Filmklassiker erzählt die Geschichte von Louis, der sich rächen will, nachdem seiner Mutter die Aufnahme in die adelige Familiengruft verwehrt wurde. Er ermordet nacheinander die acht Erben, die vor ihm in der Thronfolge des Herzogtums stehen, wobei alle Opfer von Alec Guinness gespielt werden

Eine Erbschleicher-Schnurre mit schwarzem Humor, die für ihre Entstehungszeit schon mit gewagter Selbstverständlichkeit nonchalant über Leichen geht. Vermute dass gerade das damals schon für eine zusätzliche Brisanz des Films gesorgt hat, die nun gut 80 Jahre später nicht mehr so recht wirkt. Dennoch eine gelungene, scharfzüngige Komödie, die auch einiges über das Klassensystem Englands zu erzählen weiß.

P.S.: Es ist schon Jahrzehnte her, dass ich Hallervordens „Die Rache der Enterbten“ gesehen habe, aber kann es sein, dass sich Didi ein paar seiner Ideen hier bei Alec Guiness & Co geliehen hatte & zum Beispiel Kongo-Otto schon von weitem dem Admiral D’Ascoyne aus „Adel verpflichtet zuwinkt? (6/10)

Schatten der Nacht (2024, Türker Süer)

„Schatten der Nacht“ begleitet zwei Brüder, den treuen Leutnant Sinan und seinen staatskritischen Bruder Kenan, während der dramatischen Putsch-Nacht 2016 in der Türkei

Recht schweigsamer türkischer Film mit eigentlich interessanter Ausgangsposition: der zum Militär loyale Leutnant Sinan soll seinen eingesperrten Bruder an ein Militärgericht überstellen. Während dieser Nacht geschieht der Gülen-Putsch und alle im Verborgenen liegenden politischen Einstellungen werden ans Tageslicht gezerrt.

Leider etwas zu schweigsam und enigmatisch. Zudem hatte ich das Gefühl, dass hier viel politischer und soziokultureller Subtext mitschwingt, der für einen ausländischen Beobachter nicht immer sofort zu entziffern ist, also ein Film, der womöglich für jemand mit tiefer Kenntnis der türkischen Gesellschaft stärker wirkt. (5/10)

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/popblog/2026/08/03/filmtagebuch-von-spider-man-zu-obsession/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert