vonChristian Ihle 19.08.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Teil 2 von „A Year In The Life Of A DIY-Noise-Band: Things Get Broken“* – Teil 1 hier

Things get broken #6: „Helen“

Diagnose: Knöchelbruch.

Die Anspannung vor unserem Heimspiel im Berliner Technoclub RSO ist uns schon im Vorfeld anzumerken. Die bisher größte Berliner Headliner-Show von Gewalt steht an. Freunde, Bekannte und viele andere Musiker*Innen alle kommen. Wir laden unser Equipment aus, Helen läuft den nicht beleuchteten Gang in Richtung Bühne und stürzt ab. Sie hatte die 40cm hohe Stufe nicht gesehen. Ihr Knöchel schwillt an – Tränen, Zittern, Angst. Wird wahrscheinlich eine Bänderdehnung sein. Sol und ich machen den Soundcheck zu zweit. Die Umstände sind schwierig. Zwar ist die Anlage fett, aber das Mischpult steht hinter der Bühne und unsere Amps blasen nach vorne raus. Elektrokohle (coole Band) eröffnet. Ich muss Helen mit Hilfe von Fans & Freunden auf die Bühne schleppen. Sie kann das Konzert tatsächlich spielen. Alles geht schief, Monitore brechen zusammen, durch die kleine Bühne pfeift immer irgendwas. Wir hören die ganze Zeit nur Lärm. Wir bringen das Konzert irgendwie über die Runden. Mir scheint, das Publikum verzeiht uns.
Die nächsten Tage verbringen wir bei Ärzt*inen und in Krankenhäusern. Diagnose: Knöchelbruch.
Chefärztin: „Damit können sie unmöglich ein Konzert gespielt haben, wir müssen auf jeden Fall operieren“.
Fuck.

Drei Tage nach der OP sitzen wir mit Helen im Flieger (es ist absolut fantastisch, mit einem Krankheitsfall zu reisen, zumindest was Checkin und Sicherheitskontrolle angeht).
Unser Inzwischen-Manager Apo hat uns tatsächlich zu zwei Shows in Thessaloniki und Athen verholfen.
In Thessaloniki spielen wir auf einer Art Stadtfest in einer etwas überdimensionierten Halle. Es kommen über 200 Leute, die vom ersten Takt unserer Drum Machine mit uns sind. Apo hat tolle Arbeit geleistet und wirklich jeden Gast einzeln eingeladen. Keine(r) hat es bereut.

Kurz durchschnaufen und dann nach endlosem hin und her entscheidet Helen die nächsten Shows nicht mitzuspielen. Jena / Lippstadt / Stuttgart liegen vor uns. Zu zweit, als Sleaford Gewalt quasi.
Es ist etwas anderes. Irgendwie mehr arty und gleichzeitig aufgeräumt. Während Jena und fucking Lippstadt ganz gut dahin gehen, wird Stuttgart ein Desaster. Wir klingen nicht gut – warum auch immer. Tell A Vision hat vorher den ganzen Raum zum Schwofen gebracht. Wir leeren ihn. Es ist, als würde nichts von dem, was wir spielen, als Musik beim Publikum ankommen.

Das ist schon das Beste am Live-Spielen – man kann sich niemals sicher sein. Gerade denkst du, du bist eine einzige Explosion, dann bist du plötzlich einfach nur Scheisse. „Music is a hungry ghost“.

Die nächsten beiden Konzerte in Kassel und Charleroi versucht Helen wieder mitzuspielen. Boah, welcher Trottel hat denn diese Tour gebucht (ich)? Die Strecken sind so weit, dass Helens Fuß dermaßen anschwillt, dass er nicht mehr in die Orthese passt. So geht das nicht.

Things Get Broken #7: „Patricks Gitarre“

„Leider kann das Konzert erst sehr spät anfangen, weil wir warten müssen, bis die Tiere schlafen“

Sol und ich gehen zu zweit auf den letzten Teil der Tour. 6000 Kilometer von Antwerpen bis Belgrad und zurück. Die Benelux Shows mit der befreundeten Industrial Band Xtort sind seltsam. Wir spielen in Gemert (80 Einwohner). „Leider kann das Konzert erst sehr spät anfangen, weil wir warten müssen, bis die Tiere schlafen“, WTF?
Und nein, wir sind nicht so etwas wie Rammstein.

Aber Antwerpen ist cool. Wir sind wohl doch eher eine urbane Band.
Als ich ins Publikum renne, um mit den Leuten „Deutsch“ zu brüllen, reiße ich meine 1962er Gibson SG um, sie fällt und bricht. Bis heute habe ich mich nicht getraut, mir das gute Stück nochmal anzusehen. Fuuuuuck. Things get broken.

Die Österreich-Konzerte in Innsbruck und Linz laufen super, so haben wir auch nur noch 11 Stunden bis nach Belgrad. Wir sind komplett fertig, als wir ankommen, müssen ca. 100 Stufen und Meter unser Zeug runter in den „Klub Under“ schleppen. Ein cooler Goth Laden unweit vom historischen Zentrum.
Die Vorgruppe (Name Vergessen) tritt mit echten Wikingerhelmen auf und das Publikum sieht unfassbar aus – von Lack/Leder bis Whiteface – wir sind in jedem Fall underdressed und „unterschlafen“. Das Konzert wird super. Serben scheinen das Ding mit Aggression und Tanzen und Spaß sehr gut unter einen Hut zu kriegen.

Belgrad ist nicht ohne. Während die Hinfahrt zu einem Restaurant mit dem Taxi 6€ kostet, kostet die Rückfahrt für die gleiche Strecke plötzlich 50€. Ich schlage dem Fahrer einen Kompromiss von 12€ vor, doch er besteht darauf (wegen seines Bosses) mich an den Ausgangspunkt zurückzufahren, ohne Entgelt. Ok, das will ich mir nicht entgehen lassen. Dort angekommen, bietet mir der Boss an, mich für 12€ wieder zurückfahren zu lassen. Das ist mir zu blöd, ich laufe.

Bevor wir nach Belgrad fuhren, wurden wir gewarnt, nicht in die Nähe von Demonstration gegen das russlandfreundliche Regime zu geraten. Die seien nämlich bürgerkriegsähnlich und dabei schon mehrere Demonstranten erschossen worden. Das gesamte Regierungsviertel ist militärisch abgeriegelt.
Als ich nach meiner fruchtlosen Taxifahrt hin und her dann nachts um 01.00 Uhr dort wieder vorbeikomme – stehen ca 1.000 vermummte Serben wild skandierend vor 1.000 Soldaten mit Maschinengewehren. Toll Patrick, auf keinen Fall in die Nähe kommen. Serbische Parolen klingen extrem gewaltsam. Ich renne die nächsten 400 Meter heim.

Wir verbringen einen Offday in Budapest, spielen für Wiener Verhältnisse eine recht gechillte Show im Chelsea, treffen in München im Import/Export unsere Freunde Bernd und Tara. Zum Glück müssen wir in der gleichen Nacht nach Augsburg (Hotels in München sind unbezahlbar), so dass die Party nicht vollends eskaliert. Trotzdem hat es gut getan, mal wieder mit anderen Menschen zu reden als nur Sol, ich und die Musik. Bei all der Arbeit („Das ist gute Arbeit“) darf man nicht vergessen, dass Gewalt ein Fest ist. Auch für uns selbst.

Der Dreikönigskeller in Frankfurt platzt aus allen Nähten, der Club hat extra für uns eine Nebelmaschine gekauft und bläst diesen kleinen Keller dermaßen voll, dass wir nicht sagen können, ob überhaupt jemand da war. Fühlen uns, als wären wir Spiritualized. Auch cool.

Ab nach Düsseldorf. Treffen uns im Vorfeld mit den Leuten von Propaganda für die wir einen Remix gemacht hatten. Sehr angenehme Leute. Sol und ich sind nun wirklich auf unsere Zweier-Show eingespielt. Es ist abartig laut und knallt total. Wir spielen am absoluten Limit und nach jedem Song frag ich mich, warum nur 150 Leute vor uns stehen und nicht 1000.
Doch der moderne Mensch scheint eher auf einfachste Massen hypnotische Triggerpunkte zu stehen. Uns beschleicht das Gefühl, dass die derzeitige erfolgreiche Musik ein faschistischer Vorbote der gesellschaftlichen Entwicklung ist.
Damit meine ich nicht nur so Rotz wie Frei:wild usw. sondern auch die ganzen TikTok-Alleinunterhalter*Innen, die ihr Publikum in einer gefühligen Bierseligkeit vereinen und in Sicherheit wiegen. Deren Konzerte sind also näher an Urlaubsanimationsprogrammen denn an Liveshows.

Wir fahren weiter nach Winterthur. Guter Club, zwei Schweizer Vorbands (oh je) und ganze 22 Tickets im Vorverkauf. Die Veranstalterin fragt noch, ob es ok wäre, wenn wir mit den sieben anderen Musikern in einem Zimmer schlafen. No. Not ok. Das kann was werden.

Hier wurde ein eingebetteter Medieninhalt blockiert. Beim Laden oder Abspielen wird eine Verbindung zu den Servern des Anbieters hergestellt. Dabei können dem Anbieter personenbezogene Daten mitgeteilt werden.

Höflichkeitshalber schauen wir uns die erste Künstlerin Verbrennung Dritten Grades an. Als wir runter kommen sehen wir so etwas wie die weibliche Jason Williamson (Sleaford Mods). Extrem guter Flow, großartige Beats und die besten deutschsprachigen Texte seit Ewigkeiten. Der ganze Raum, letztlich dann doch ganz gut gefüllt, ist am Springen, Tanzen und Bangen. Wir machen mit und haben Spass. Das war shockingly gut.
Chaufau aus Lausanne knallt auch total, eine Mischung aus MGMT und LCD Soundsystem nur etwas noisiger. Wer hätte das gedacht. Auch unser Konzert wird ein Fest. Wir feiern die ganze Nacht, liegen uns in den Armen. Die Chaufaus sind so betrunken, dass sie ihr eigenes Zimmer nicht finden. Sie landen dann doch bei uns. Der Gitarrist verwendet Sols Handtasche als Kissen. Rock’n Roll dream.

Next Show Karlsruhe. Alte Hackerei. Sold out. Great show. Ab nach Berlin. 3 Tage frei. Dann treffen wir unsere Freunde von Plattenbau auf der MS Stubnitz in Hamburg. Den ganzen Tag werden wir von einem fünfköpfigen Kamerateam begleitet. Die Regisseurin Hannah Weissenborn dreht eine Doku über die Berliner Szene. Wir sind begeistert (not). Helen ist wieder dabei, sie hat ihre Beinschiene mittlerweile abgelegt, läuft aber noch an Krücken. Genau so will man gefilmt werden. Sol und Ich sind von den Strapazen der letzten Wochen und der Alkohol/Nikotin-Kur auch nicht gerade in best shape. Doch die Interviews sind feinfühlig und das Team filmt dezent. Wir sind gespannt was dabei rauskommt.
Die Stubnitz ist ein einmaliger Ort, Wände aus Metall – extrem nette Veranstalter*Innen und Unterstützung, es ist ziemlich voll, doch das Publikum irgendwie verhalten. Steckt man nicht drin. Nach dem Konzert deeptalks mit Plattenbau dann ab in die Koje. Boatpeople müsste man sein.

Things get broken #8: „The bass“

Wahrscheinlich hat Lydia Lunch recht mit dem Mann, der mit seinen Stiefeln auf unseren Gesichtern steht. Für Immer und Immer. Und wahrscheinlich können wir da auch nichts machen. Aber zumindest möchten wir ihm dabei nicht mehr die Schuhe putzen.

One more Time. Ludwigshafen. Hochkultur „Theater im Pfalzbau“.
Kontrastprogramm. Wir sind der Aftershow-Act zu Thomas Ostermeiers (Schaubühne Berlin) Stück „Changes“. Ein durchaus interessantes Kammerspiel, in dem die beiden Schauspieler*Innen alle paar Minuten in andere absolut alltägliche, 23 verschiedene Rollen schlüpfen.
Ich bin nervös, mein Vater sieht uns zum ersten Mal spielen, das Durchschnittsalter des Publikums ist circa 70, es ist taghell im mit 250 Gästen sehr gut gefüllten Gläsernen Foyer.
Der Auftritt ist gespickt mit technischen Pannen. Mikro fällt aus, Gitarrensaite reisst und zu guterletzt fällt Sols Bass komplett aus. Es passt zur Tour, dass diesmal Helen und ich das Konzert nur zu zweit zu Ende bringen.
Das Publikum ist höflich. Der Wein ist gut.
Es ist auf jeden Fall sehr erfrischend und interessant, in anderen Zusammenhängen aufzutauchen.

nwieweit eine Band wie Gewalt wichtig ist, steht in Anbetracht der politischen Lage in den Sternen.
Wie es mit Gewalt weiter geht auch. Ich drücke es mal mit Lydia Lunch aus. (fantastischer Podcast, wenn man auf schlechte Laune steht):

„What to expect from the future? A fat guy with his boots standing on your face. And it will last forever and ever!“

Wir werden wohl neue Musik machen, neue Texte schreiben, Zeit miteinander verbringen. Wir werden hoffentlich mehr Konzerte spielen nächstes Jahr.
Ja, wahrscheinlich hat Lydia Lunch recht mit dem Mann, der mit seinen Stiefeln auf unseren Gesichtern steht. Für Immer und Immer. Und wahrscheinlich können wir da auch nichts machen. Aber zumindest möchten wir ihm dabei nicht mehr die Schuhe putzen.


Teil 1: GEWALT: 2025 – Things get broken (1/2)

Things get broken #generell

Streaming zahlt nicht. Strukturen sind weggebrochen oder zu teuer. Fördertöpfe sind versandet. Gute Bands (Human Abfall, Hope, lvm) lösen sich auf. Clubs u. Veranstalter melden Insolvenz an. Verwertungsgesellschaften scheinen mit der Datenflut überfordert.
Auf der anderen Seite stehen explodierende Kosten, Inflation, Unsicherheit und eine technologische Entwicklung, die Geld immer weiter in Richtung Tech-Billionaires verschiebt.

Um dem Kreislauf zu entkommen und stattdessen einen eigenen zu gründen, haben wir nun den

INNEREN ZIRKEL

Wir haben Goodies und Bits & Pieces und tonnenweise wilde, ungezügelte Nähe. Kommt in unseren Inneren Zirkel.


* ursprünglich ist Wagners Text im Rahmen des Newsletters von Gewalt erschienen.

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/popblog/2026/08/19/gewalt-2025-things-get-broken-2-2/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert