vonChristian Ihle 10.10.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Valley Girl (1983, Martha Coolidge)
auf amazon prime

Eines meiner großen Faszinosa ist die Darstellung von Punk im Film – und vor allem das unbedarfte Unverständnis, mit dem er in den frühen 80ern aufgenommen wurde. „Valley Girl“ ist hier ein schönes Beispiel, denn diese „West Side Story“-esque Geschichte bezieht sich eigentlich auf eine tief in Klassismus getauchte Rivalität verschiedener Stadtbezirke. Doch weil wir 1983 schreiben, wird „Valley Girl“ eben punkig angestrichen. Die Girls (& Boys) aus dem Valley sind die reichen Schnepfen, die „Punks“ aus Hollywood (!?) die räudigen Straßenköter. Nur dass räudig hier halt heißt, dass Nic Cage einen wilden Anzug trägt!

Noch kurioser wird es beim Soundtrack, der einen erstaunlich großen Raum einnimmt. Denn es wäre ja ein leichtes, die ästhstischen Unterschiede und Klassendifferenzen über die Songs zu coden, aber im Grunde hören beide Seiten sich an New Wave anlehnenden Power Pop wie The Plimsouls oder Josie Cotton*, die auch jeweils live im Film auftreten (schönster Cut aber wohl „I Melt With You“ von Modern English). (6/10)

* interessanter Fun Fact: ursprünglich war also WIRKLICH ein Punk-Soundtrack geplant: „The end credits show songs by the Clash, Culture Club, Bananarama, and the Jam, but these songs are not heard in the film. After the film was completed, problems arose in acquiring the music rights and substitute songs had to be dubbed. Altogether the music rights cost $250,000 on top of the film’s original $350,000 budget“.

Unabomber (2026, Janus Metz)
auf Netflix

Fast schon beeindruckend, wie es Netflix gelingt, selbst einen Film über einen der interessantesten Weirdo-Terroristen so egalig aufzubereiten.

Die eine Hälfte des Films ist die Origin Story des Unabombers, leidlich unterhaltsam. Die andere Hälfte ist die tatsächlich KOMPLETT spannungsfrei inszenierte Jagd nach Ted Kaczynski in der Gegenwart.

Dabei wäre doch eine Verhandlung von Kaczynski, der den technischen Fortschritt verachtete und in ihm eine Gefahr für die Menschheit sah, in Zeiten von AI-Doomsday-Albträumen aktueller denn je!
Eine wirklich vergebene Chance. (4/10)

The Chronology of Water (2025, Kristen Stewart)
zur Leihe

Ungefähr so hatte ich mir unbesehen einen Film vorgestellt, bei dem Kristen Stewart erstmals auf dem Regiestuhl sitzt. Bewusst arty und ein gestreckter Mittelfinger zum Mainstream, zuweilen aber auch schon so bemüht arty als würd sie mit einer Fahne „Rettet das Independent Kino!“ durch die Stadt marschieren.

Dieses Biopic über die Autorin Lidia Yuknavitch (gespielt von Imogen Poots, die sich wirklich mit allem, was sie hat, in diese Rolle wirft) ist auch inhaltlich ein hartes Stück, sind die Missbrauchszenen doch schwer zu ertragen. Stewart filmt diese aber mit einer gelungenen Mischung aus Körperlichkeit und Abstraktheit. Sie glättet nie die Schlimmheit der Szenen, bietet aber ein eskapistisches Wegdriften an, wenn es wirklich zu viel wird.

Im letzten Drittel verliert sich „Chronology Of Water“ ein wenig, was auch daran liegt, dass die Männer-Bekanntschaften von Yuknavitch/Poots absteigend öder werden, was womöglich gut für Yuknavitchs Leben war, aber nun nicht zwingend den Film zu einem Klimax verhilft. (7/10)

The Dinner (2017, Oren Moverman)
zur Leihe

Ein seltsamer Film. Erwartet hatte ich eine spritzige Komödie à la „Gott des Gemetzels“, aber bekommen ein Familiendrama, das ständig Abzweigungen in Flashbacks genommen hat und gern vor sich hin doziert.

„The Dinner“ wirkt so völlig zerrissen und sehr unruhig – eventuell sollte das auch Feature und nicht Bug sein, aber so richtig klar wird das nicht. Völlig bizarr ist ein mehrminütiges, psychedelisches Essay über die Schlacht von Gettysburg, dessen Sinn sich mir auch nicht erschlossen hat.

Irgendwo versteckt sich in diesem Material ein interessanter Film, doch gefunden habe ich ihn nicht. (5/10)

Jimmy Carr: The Best of Ultimate Gold Greatest Hits (2019, Brian Klein)
auf Netflix

Jimmy Carr ist quasi der britische Fips Asmussen. Hier ist nix mit sich schlängelnden Geschichten und spätem Payoff, eingelebten Charakteren und absurden Philosophierereien nee, hier gehts zack Pointe! zack zack Pointe! bis dir der Kopf schwirrt und das schiere Handwerk des Witzemachers dich überwältigt.

Dadurch wirkt Carr – zumindest auf mich – nie edgy/gefährlich/verstörend, selbst wenn etliche Jokes wirklich hart an den Rand gehen, Päderasten-Scherze (oder Rassismus/Rape/takeyourpick) inklusive, weil es so offensichtlich schlicht um den Aufbau des Witzes geht und er für mich nie wirkt, als hätte er an irgendeinem Thema ein ernsthaftes Interesse (im Gegensatz zum Beispiel zu Ricky Gervais, dessen Standup ja in den letzten Jahren der Versuch ist, seine Twitter-Diskussionen noch mal allein auf der Bühne komödiantisch runterzubeten). Dieser Old-School-Stand-Up, der aber – unabhängig vom Inhalt – schlicht so irre gut gemacht ist, wirkt auf seine Art ziemlich erfrischend.

Am schönsten fand ich tatsächlich eine Szene, in der er einen um-die-Ecke-gedachten „Neuseeländer ficken Schafe“-Witz* einem nichtlachenden Zuschauer erklärt. 15 Sekunden und sein komplettes Handwerk ist erläutert. Im Guten wie im Schlechten. (7/10)

*

„A guy I went to university with, he’s a kiwi. I hadn’t seen him in 25 years. We reconnected, went out, got drunk, I remember I asked him „how many sexual partners have you had in your life?“ and he started to count and fell asleep.“

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