vonChristian Ihle 22.02.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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The Testament of Ann Lee (Mona Fastvold)

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Von Manchester nach Amerika. Das Leben ist trist, die Tiefschläge hart, doch die religiöse Ekstase bleibt.
Mona Fastvold, die gemeinsam mit Bradley Corbet das Drehbuch sowohl für „The Testament Of Ann Lee“ als auch für „Der Brutalist“ geschrieben hat, erzählt die Lebensgeschichte der Gründerin des religiösen Shaker-Movements, einer christlichen Freikirche, die sich vor allem durch in die Ekstase gesteigerte Gottesdienste auszeichnete.

Die große Stärke des etwas überlangen Films sind genau diese Szenen der reinen Ekstase, die in unendlichen, hackeligen Rundbewegungen fantastisch choreographiert und noch besser musikalisch instrumentiert sind. Daniel Blumberg (of YUCK*-Fame), Oscar-Gewinner für „Brutalist“, transformiert die simplen Shaker-Lieder in hymnische Klatsch-und-Schrei-Orgien, die wie ferale Versionen des Arcade-Fire-Debüts klingen. Jede dieser Szenen ist ergreifend, mitreissend, ja eben: ekstatisch! Bitte gleich noch einen zweiten Oscar hinterher für Blumberg!

Leider ist aber die zwischen diesen Momenten stattfindende Lebenserzählung der Ann Lee das Gegenteil von wild. Ein Biopic von Wiege zu Wiege, das brav alle wichtigen Stationen abhakt, aber nur von Amanda Seyfrieds großen Augen lebt, in denen sich so viel mehr abspielt als die Leinwand zu zeigen vermag.

* finde Blumbergs Werdegang immer wieder erstaunlich, war seine kleine feine Brit-Indie-Band doch eine schön krachige Pixies-Verbeugung, die man seinen Soundtracks nicht mehr wirklich anhört:

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The Only Living Pickpocket in New York (Noah Segan)

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Jeder Film, der mit einer NYC-Montage zu LCD Soundsystems „New York I Love You But You’re Bringing Me Down“ beginnt, hat mein Herz schon gewonnen. Noah Segans „The Only Living Pickpocket in New York“ bleibt auch im Folgenden eine einzige Liebeserklärung an den Schmelztiegel Amerikas, an seine Aufstiegsversprechen, die enttäuschten Hoffnungen und zerplatzen Träume.

John Turturro als alternder Taschendieb, der mehr und mehr am Hang der Menschen zu bargeldlosem Zahlen verzweifelt, lässt alle Traurigkeit der Welt in seinen Augen ablesen, aber auch immer noch den Schalk des ewigen Stehaufmännchens durchblitzen. Wenn die moderne Welt nun wie eine Faust auf ihn niederfährt, akzeptiert er sein Schicksal, stattet den wichtigsten Stationen seines Lebens einen Besuch ab und hat einen letzten Taschenspielertrick auf Lager, mit dem er zum Abschied noch einmal alle Register zieht.

Ein berührender Film, der weniger wie anfänglich angedeutet als Thriller wirkt, sondern als wehmütiger Abschied ans alte New York und an ein Leben verpasster Chancen. Ein NYC-Film wie „Uncut Gems“ der Safdie-Brüder, doch statt der dortigen ADHS-Dosis hier mit aller Ruhe in wunderbar konzisen 88 Minuten erzählt.
Mein liebster Film der Berlinale.

New York, I love you
But you’re bringing me down

Like a death of the heart
Jesus, where do I start?

But you’re still the one pool
Where I’d happily drown

Sad Girlz (Fernanda Tovar)

Der Gewinner der Jugendfilmreihe der diesjährigen Berlinale erzählt von der innigen Mädchenfreundschaft zwischen Maestra und Paula, die ins Wanken gerät, als auf einer Party aus Paulas Flirt mit einem Jungen Sex ohne Einwilligung wird. Am interessantesten ist, wie Paula zunächst selbst begreifen muss, dass ihr eine Vergewaltigung widerfahren ist. Erst langsam sinkt das ganze Ausmaß der Tat in ihr Bewusstsein.

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