„Sylvester Stallone bekam mit seinen Bildern 2021 im Osthaus Museum in Hagen eine Retrospektive eingerichtet, was man nur so auffassen kann, dass dem Direkter jeder kunsthistorische Orientierungssinn abhanden gekommen ist. Stallone produziert mit flottem Pinselstrich vulgär machohafte Gemälde, in denen er oft seinen muskelbepackten Körper zeigt, gern auch mit einer Knarre in der Hand. Was bedeutet die Malerei für den Rambo-Darsteller persönlich? Nach seinen eigenen Worten führt sie „zu deutlicher Stressreduktion“.
Johnny Depp gestaltet Siebdrücke mit Promi-Porträts im Stil der Pop-Art, die man nur als belanglos bezeichnen kann. (…) Wie Depp klischeehaft hervorhebt, benutzt er die Kunst um seine „Gefühle auszudrücken“. Die Arbeiten sehen jedoch aus, als wären sie von einem aalglatten Grafikdesigner für billige Hotelzimmer entwickelt worden.
Sharon Stone, die ebenfalls mit großem Ehrgeiz der Malerei nachgeht, vermarktet ihre bunten Gemälde mit haarsträubendem Pathos: „Ich habe diese Werke geschaffen, um die Essenz der reinen Kreativität zu verstehen, die aus der tief empfundenen Wahrheit kommt.“ Dafür nimmt sie nach eigenem Bekunden mit Kontakt mit Geistern aus dem Jenseits auf, die ihr als Inspiration dienen.
Die schlimmsten Auswüchse künstlerischer Ambitionen produziert Adrien Brody. (…) Dabei schätzt er sein künstlerisches Talent hoch ein: „Ich fühle mich gesegnet“, sagt er. Dieses Selbstbewusstsein ist schön für ihn, doch die Kunstkritiker übergießen seine naiven Bilder mit Spott und Häme. (…) Die Bilder seine „grauenhaft“ und „etwa so subtil wie ein Vorschlagshammer“. (…) Für die Interpretation gibt Brody den Betrachtern eine Hilfestellung: Man solle die Bilder gesellschaftskritisch lesen. Diesen Anspruch lösen sie jedoch in keiner Weise ein, sondern sind in ihrer Banalität einfach nur zum Fremdschämen. Passenderweise wurden dem Publikum bei der Vernissage in New York künstlich schmeckende Kaugummis gereicht, die man nach dem Kauen partizipatorisch auf eines der Bilder kleben sollte.“
(Hubertus Butin in der FAZ)
Kunst darf und soll kritisiert werden. Ob einem Sylvester Stallones Malerei gefällt, ist selbstverständlich Geschmackssache. Man kann seine Arbeiten als zu laut, zu expressiv, zu plakativ oder auch schlicht als nicht gelungen empfinden. Darüber lässt sich diskutieren.
Wenn man ein Werk öffentlich derart abqualifiziert, sollte man es allerdings wenigstens einigermaßen zutreffend darstellen.
Die Beschreibung, Stallone produziere vor allem „vulgär machohafte Gemälde“, in denen er seinen muskelbepackten Körper zeige, gern mit einer Waffe in der Hand, wird der Bandbreite seines Werkes schlicht nicht gerecht. Ein erheblicher Teil seiner künstlerischen Arbeit lässt sich weder auf Rambo noch auf Waffen oder das Image des Actionstars reduzieren.
Stallone malte bereits lange bevor er als Schauspieler berühmt wurde. Seine Bilder greifen sehr unterschiedliche Themen auf und sind teilweise stark autobiografisch geprägt. Darin finden sich Figuren und Alter Egos, mythologische Motive wie Herkules, persönliche Erfahrungen und Lebensphasen ebenso wie Menschen aus seinem familiären Umfeld. Auch seine Frau und seine Töchter finden Eingang in seine Kunst. Daneben setzt er sich natürlich mit Figuren auseinander, die sein Leben und seine öffentliche Wahrnehmung geprägt haben. Dazu gehören auch Rocky und Rambo. Gewalt, Körperlichkeit und Waffen kommen in einzelnen Arbeiten durchaus vor. Sie zum bestimmenden Merkmal seines gesamten Werkes zu erklären, ist jedoch eine bemerkenswerte Verkürzung.
Besonders befremdlich finde ich deshalb auch die Behauptung, dem Direktor des Osthaus Museums müsse aufgrund der Stallone-Retrospektive „jeder kunsthistorische Orientierungssinn abhanden gekommen“ sein. Das ist keine begründete Auseinandersetzung mit einer Ausstellung oder einem künstlerischen Werk, sondern zunächst einmal eine Abwertung.
Man muss Stallones Bilder nicht mögen. Man muss sie auch nicht für große Kunst halten. Aber gerade eine kritische Betrachtung gewinnt doch erst dann an Gewicht, wenn sie sich ernsthaft mit dem beschäftigt, was sie beurteilt.
Kritik darf scharf sein. Sie sollte nur das Werk treffen, das tatsächlich existiert, und nicht eine Karikatur davon.