vonSigrid Deitelhoff 24.07.2022

Prinzenbad-Blog

Freibad-Wetter, gefühlte Wassertemperatur, Gespräche und Gedanken unter der Dusche – der Blog über Deutschlands berühmteste Badeanstalt.

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Ja, es stimmt schon: Die Ausschreitungen im Columbiabad vor ein paar Tagen waren schon heftig und die Vorfälle hatten laut Polizeipräsidentin Barbara Slowik eine neue Qualität. Aus Frust über ihren Rauswurf waren mehrere junge Männer im Sommerbad am Columbiadamm mit Reizgas und Knüppeln auf die Security losgegangen. Das ist nicht entschuldbar.

Nach der Massenschlägerei im Sommerbad am Insulaner titelte die B.Z. am 18. Juli 2022: „So gefährlich sind Berlins Freibäder“. Dort heißt es dann unter der Rubrik „Thema des Tages“: „Sie zogen Pistolen (aus Plastik), feuerten mit Wasserstrahlen. Es waren die jüngsten Auslöser für Zoff in Berliner Freibädern.“

Weiter wird in der B.Z. eine 5-Jahres-Bilanz von 451 Strafverfahren wegen Gewalt in den Berliner Bädern aufgeführt. Gutsituierte und „brave“ Berliner Bezirke (wie z.B. Köpenick, Steglitz, Zehlendorf, Mitte), denen wir keine Gewalttaten in ihren Bädern zutrauen würden, führen aber die Gewalttaten-Statistik an. Friedrichhain-Kreuzberg taucht hingegen erst im unteren Teil der Liste auf (29 Delikte in 5 Jahre).

Für mich stellt sich nun die Frage, warum in diesem Zusammenhang (Statistik der Delikte und der Berichterstattung über die Schlägerei in den diversen Freibädern) gerade wieder ein Foto vom Prinzenbad den Artikel in der B.Z. schmückt. Diese Art der Bildauswahl kennen wir PrinzenbadlerInnen leider nun schon seit Jahren. Insbesondere im Zusammenhang mit Randale im Columbiabad wird sofort ein Foto vom Prinzenbad publiziert. Vielleicht liegt es daran, dass das Prinzenbad die berühmteste Badeanstalt Deutschlands ist. So nach dem Motto, wenn wir mit einem Prinzenbad-Foto den Aufmacher über Gewalt in den Freibädern bebildern, verkauft sich der Artikel und somit die Zeitung vom Tag besonders gut.

Aber nicht nur die Fotoauswahl ärgert mich. In den letzten Jahren waren immer wieder schlecht recherchierte Artikel und sogar Falschmeldungen in der B.Z. und der Bildzeitung zum Thema „Krawalle im Prinzenbad“ zu lesen. 2019 erwirkten die Berliner Bäderbetriebe eine Gegendarstellung. Nach Ansicht der Stammgäste bräuchte es eigentlich mal eine PR-Gegenoffensive der Berliner Bäderbetriebe, um den alljährlich immer wiederkehrenden Fake News über das Prinzenbad Einhalt zu gebieten.

Darüber hinaus läßt auch die Berichterstattung anderer Zeitungen über Randale in den Berliner Bädern in der Regel zu wünschen übrig. Sie bleibt m.E. meistens an der Oberfläche und berücksichtigt nicht den Aspekt, dass sich gerade im Mikrokosmos Freibad eine gesamtgesellschaftliche Situation widerspiegelt. Nicht nur in Freibädern werden Randalen angezettelt. Das Phänomen der zunehmenden Aggressivität findet sich in den letzten Jahren auch vermehrt in anderen öffentlichen Räumen, wie z.B. in Fußballstadien, Einkaufszentren, Bars und in öffentlichen Verkehrmitteln (um nur einige wenige zu nennen). Das sollte uns als Gesellschaft zu Denken geben. Nur die Phänomene zu beschreiben reicht nicht. In rasendem Tempo finden gesamtgesellschaftliche Veränderungen statt, die in fundamentale Fragen übersetzt werden müßten – auch mittels gut recherchierter und in die Tiefe gehender, analytischer Berichterstattung. Übrigens: In diesem Sinne stellen nur einige wenige Artikel rühmliche Ausnahmen da, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:

„Angstort Freibad“ von Carolina Schwarz, taz vom 10.7.22
„Provokateure am Pool“ von Saara von Alten, Tagesspiegel vom 8.7.22

Foto oben: ©Sigrid Deitelhoff

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https://blogs.taz.de/prinzenbad/2022/07/24/alle-jahre-wieder/

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kommentare

  • Was will man von so einem Revolverblatt wie der BZ auch erwarten.
    Da nimmt man es mit der Wahrheit eben nicht so genau, Hauptsache die Auflage steigt.
    Allerdings hat man diesmal in der Presse von Tätern mit arabischen Wurzeln geschrieben.
    Dann war klar dass es alle anderen mit ausländischen Wurzeln nicht gewesen sind.
    Man muss eben Ross und Reiter nennen und nicht immer nur rumeiern

  • Ich empfinde das Wort „Migrationshintergrund“ auch als ungeeignet, denn im Zusammenhang mit den diskutierten Vorfällen in Berliner Sommerbädern geht es nicht um Migranten aus irgendwelchen Herkunftsländern, sondern unangenehm auffallen tun immer wieder welche aus dem arabischen Raum. Migranten aus Osteuropa oder Vietnam mit diesen „in einen Topf“ zu werfen, wäre in der Tat diskriminierend.

  • Solche Artikel werden geschrieben, um Erregungszustände in den (sozialen) Medien zu erzeugen und damit verbunden geht es um ‚Klickzahlen‘. Und wenn dann unwissende Politikerinnen oder Politiker, wie die aktuelle Bundesinnen-ministerin sich darüber zu profilieren versuchen, dann entsteht eine solche Phantomdiskussion. Also cool bleiben und das folgende Plädoyer für Anarchie im Schwimmbad aus der Süddeutschen lesen! Robert

    Freibad oder Unfreibad?

    Nach Randalen an einer Wasserrutsche in Berlin häufen sich die Forderungen nach mehr Kontrolle. Soziologe Albert Scherr rät zur Gelassenheit und erklärt, warum er die Anarchie im Schwimmbad für notwendig hält, SZ 7.7.22
    Albert Scherr, 63, ist Soziologieprofessor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Nach seinem Studium war er einige Jahre als Jugendsozialarbeiter unterwegs. Mit seinem zehn Jahre alten Enkel geht er gerne ins Freibad.

    In einem Freibad in Berlin-Neukölln eskaliert ein Streit an der Rutsche, einer jungen Frau wird mit einer Wasserpistole die Nase gebrochen, dann sollen bis zu 250 Badegäste die Polizei bedrängt haben. Es ist nicht der erste Tumult am Beckenrand in diesem Jahr, der Boulevard und einige Bademeister fordern bereits mehr Sicherheit auf der Liegewiese. Albert Scherr, 63, ist so etwas wie ein Freibadexperte. Der Soziologieprofessor lehrt an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und hat zu Jugend und Migration geforscht – und zu Konflikten im öffentlichen Raum.

    SZ: Was ist in den deutschen Freibädern los, Herr Scherr?

    Albert Scherr: Nichts Ungewöhnliches.

    Aber gerade ist mal wieder überall die Rede von Tumulten auf der Liegewiese, an der Rutsche, am Eisstand.

    Ich halte das für ein typisches Sommerloch-Thema. Es gibt einen Konflikt, manche sehen dann sofort den Zerfall der öffentlichen Ordnung, das hat fast etwas Rituelles, alle paar Jahre passiert das im Sommer. Ein Freibad ist eben einer der wenigen öffentlichen Räume, wo Menschen, die einander fremd sind, sich begegnen und miteinander ein Verhältnis finden müssen. Niemand hat einen festen Liegeplatz, nirgends ist geschrieben, wer wann welche Rutsche benutzen darf, das müssen die Badegäste miteinander regeln. Und da gibt es natürlich auch Konflikte.

    In einigen Bädern wird inzwischen der Zugang zur Rutsche kontrolliert. Braucht es mehr Regeln?

    Das halte ich für die falsche Lösung! Wir leben in einer Welt, in der Menschen aus unterschiedlichen Milieus, Zusammenhängen und Altersgruppen kaum noch ins Gespräch kommen, jeder lebt in seiner Blase, wir gehen uns aus dem Weg. In einer Demokratie müssen wir aber zu gemeinsamen Prozessen kommen. Und das sind doch spannende Fragen, die da am Beckenrand ausgetragen werden: Wie gehen wir miteinander um? Wie können wir uns gegenseitig so respektieren, dass niemand die Grenzen des anderen überschreitet? Wie wollen wir miteinander leben? Das Freibad ist ein hervorragendes soziales Lernfeld. Wenn da einer von außen die Spielregeln vorgibt und durchsetzt, wird den Menschen diese Möglichkeit zum Lernen genommen.

    Deutschlands oberster Bademeister sieht das offenbar anders. Peter Harzheim vom Bundesverband Deutscher Schwimmmeister hat gerade in der „Bild“-Zeitung erklärt, er würde am Wochenende mit seinen Enkeln nicht ins Freibad gehen. Wie halten Sie das?

    Also, ich habe einen zehnjährigen Enkel im angeblich so gefährlichen Berlin. Und ich gehe gern mit ihm ins Freibad, ehrlich gesagt habe ich mich noch nie unwohl oder bedroht dort gefühlt, im Gegenteil. Ich finde es toll. Vor ein paar Jahren gab es noch Debatten über die ganzkörperbekleideten Muslima, heute ist das in Berlin ganz normal, knapp bekleidete Frauen und ganzkörperbekleidete Muslima baden gemeinsam im Becken, niemand stört sich daran. Wenn ich die Länge der Badehosen und Bikinis vorschreibe, dann kann sich niemand mehr über die anderen ärgern – aber es sieht eben auch niemand mehr, dass andere Leute anders sind.

    In diesem Jahr wird übers Oben-ohne-Schwimmen debattiert. In Göttingen hatte eine Person, die sich selbst nicht als Frau identifiziert, deshalb Hausverbot erhalten und sich gewehrt. Nun läuft ein Experiment: An Wochenenden dürfen alle Schwimmbadgäste oben ohne baden.

    Warum nicht? Zusammenleben ist ja keine Wohlfühlveranstaltung. Dazu gehört eben auch, dass andere Leute Dinge tun, die mir nicht gefallen müssen, aber zu ihren Freiheitsrechten gehören. Man muss die Unterschiedlichkeit schon aushalten können.

    In Berlin kontrollieren manche Freibäder die Taschen ihrer Gäste, Bademeister Harzheim geht noch einen Schritt weiter: Er findet, die Badbetreiber müssten auch die Gäste besser aussuchen.

    Die völlige Überwachung des Einlasses also? Jeden rauswerfen, der dreimal zu laut gerufen hat? Wenn ich die liberale Gesellschaft ernst nehme, dann kann ich doch nicht aus einem Freibad ein Unfreibad machen. Ein Freibad ist doch keine Bundeswehrkaserne.

    Harzheim wünscht sich auch ein härteres Durchgreifen der Polizei. Wie stark muss die Polizei an der Pommesbude auftreten?

    Der Staat kann doch nicht in allen Konfliktfeldern durchregieren, da müssten wir die Zahl der Polizisten verfünffachen, die Innenstädte überwachen, auch im Freibad müsste man dann ständig damit rechnen, von Beamten beobachtet und kontrolliert zu werden. Schrecklich! Bestimmte Bereiche liegen in der Verantwortung der Bürger, und das ist auch gut so.

    Manche Bäder setzen eher auf private Sicherheitskräfte. Im Rheinbad in Düsseldorf etwa soll das geholfen haben, nachdem die Polizei das Bad im Sommer 2019 dreimal komplett geräumt hatte.

    Das kann in dem konkreten, lokalen Fall geholfen haben, aber das war damals eine spezifisch aufgeladene Situation, die sich dann auch wieder beruhigt hat. Das kann man doch nicht verallgemeinern.

    Was dann tun gegen Konflikte?

    Sie aushalten. Eine liberale Gesellschaft hat einen Preis, den Preis, dass auch mal was schiefgeht. Wenn ich jeden Konflikt von vornherein vermeiden will, lande ich am Ende in einem Überwachungsstaat. Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit. Ich weiß schon, wenn ich das jetzt sage, dann läuft mein Postfach wieder über mit wütenden Mails. Aber auch mit einer gebrochenen Nase und bedrängten Polizisten kann man doch leben. Konflikte, auch körperliche Auseinandersetzungen, gibt es jeden Tag auch in der Bahn, im Bus, im Fußballstadion, überall da eben, wo Menschen zusammentreffen, die einander nicht vertraut sind.

    Aber sind Schwimmbäder nicht besondere Orte, weil es da auch um nackte Haut und kulturelle Regeln geht?

    Ich glaube nicht, dass die Bekleidung einen Unterschied macht. Aber es gibt natürlich andere informelle Regeln. Wenn Sie mal in die Fankurve eines Fußballstadions gehen, werden Sie feststellen, dass dort ein hohes Maß an Selbstregulation herrscht. Es gibt organisierte Gruppen, es gibt Sprecher, die sagen, was geht und was nicht. Ins Freibad geht der Einzelne, da gibt es keine gemeinsame Grundorientierung, da herrscht viel mehr Anarchie. Wie in der Bundesbahn.

    Am Beckenrand kommt dazu die Hitze, die Personalnot. Auch wirtschaftlich geht es den Bädern nicht gut.

    Klar, Hitze und Alkohol begünstigen Konflikte. Ob sie wirklich mit der Personalsituation zusammenhängen, weiß ich nicht. Da müsste man sich das konkrete Bad in Berlin-Neukölln ansehen. Wir reden doch über lokale Ausnahmesituationen, nicht darüber, dass es in Freibädern in Deutschland generell ständig kracht. Ich mag keine Verallgemeinerungen. Das gilt übrigens auch für die Diskussion um die angeblich so gefährlichen jungen Migranten. Es geht hier nämlich nicht um kulturelle Missverständnisse. Menschen, die eine Weile hier leben, haben doch gelernt, dass es unterschiedliche Be- und Entkleidungsregeln gibt, und gehen gelassen damit um.

    Also alles kein Problem?

    Ich halte die Konflikte für unproblematisch. Freibäder sind doch kein Stressort, in dem sich alle ständig bedroht fühlen. Wenn das wirklich so wäre, würde keiner mehr hingehen. Klar, es gibt mal eine Auseinandersetzung, aber eigentlich herrschen hier Friede, Freude und Pommes.

  • Liebe Sigrid,
    ich unterschreibe jedes Wort! Mag sein, dass das Prinzenbad mal ein Problembad war, aber das liegt viele Jahre zurück!!!! Natürlich haben wir viele Gäste mit Wurzeln aus aller Herren Länder ( ich weigere mich , das Wort „Migrationshintergrund“ zu benutzen, für mich ist DAS pure Diskriminierung),aber das Pubertierende ihre Grenzen austesten, gab es schon immer, nur nannte man sie Halbstarke oder Rocker ….An uns Erwachsenen liegt es, den richtigen Ton zu finden, wenn es zu Problemen kommt und nicht gleich nach der Polizei zu schreien und die Kids zu kriminalisieren.Seit 24 Jahren stehe ich in der Cafeteria und in all den Jahren gab es zwei erwähnenswerte Vorfälle bei uns! Hochgerechnet auf die Besucherzahl möchte ich meinen, dass sich die Anzahl der Geschehnisse im Promillebereich bewegt!
    Ich wünsche uns allen weiterhin eine friedliche Saison,
    Daggi
    Ich finde, diese Artikel sind ruf-bzw geschäftsschädigend!

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