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vonSchröder & Kalender 28.05.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südwestlicher Richtung.

Das Mainzer LiteraturBüro hat uns eingeladen. Am Freitag, den 30. Mai, werden wir im Haus am Dom aus unserem Text: ›Der Bericht des braven Zöllners Sascha‹ lesen und darüber mit Johannes Ullmaier sprechen.

Deshalb bringen wir heute eine Passage, die wir natürlich in Mainz nicht lesen werden:

Mein zweiter Hund Bobby machte Probleme, Mit ihm würde ich in diesem Zustand nicht die Abschlußprüfung bestehen, das war klar. Also mußte ich ihm sein Fehlverhalten abgewöhnen und blieb sechs Wochen länger in der Hundeschule. Ich wollte ihn unbedingt so weit bringen, daß ich ihn nach Zinnwald mitnehmen konnte, und verschob meine geplante Urlaubsreise zum Bergsteigen in die Hohe Tatra. Zwei Ausbilder mußten notgedrungen auch in der Hundeschule bleiben – sie hätten natürlich gern Urlaub gemacht. Wir arbeiteten gemeinsam daran, Bobby in den Griff zu kriegen.

Bei der Abschlußprüfung gab es dann einen Eklat: Ich hatte den Hund so weit trainiert, daß er sich vor den richtigen Lkw setzte und mich intensiv ansah. Auf diese Art zeigte er mir: Hier drin befindet sich eine Person. Da Bobby aber keinen eingebauten Menschen verbellte, unterstellte man mir: »Herr Zachwitz, geben Sie es zu, Sie haben gewußt, wo die Person eingebaut ist!« Ich widersprach: »Könnt ihr euch nicht vorstellen, daß ich am Verhalten des Hundes erkenne, ob einer drin ist!« Das wollte der Prüfer nicht einsehen. Und der Test wurde wiederholt. Als Bobby immer wieder den richtigen Lkw ausdifferenzierte, mußte er sich geschlagen geben.

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© Bundesministerium der Finanzen
In Zinnwald teilte man mir dann doch einen anderen Hund zu. Mein Ajax war ein ordentlicher Personensuchhund. Ein normaler Arbeitstag mit ihm lief so ab: Ich kam eine halbe Stunde früher und ließ Leo im Auslaufgelände frei laufen. Zu Beginn der Schicht machte ich den Test, bei dem der Hund die eingebaute Person verweisen muß. Unser Dienst dauerte anschließend acht Stunden, während dieser Zeit schnüffelte Leo die Lkw ab, ich nahm Zolldokumente entgegen, prüfte die Versandscheine und die Warenbegleitdokumente.

Wer über die Südgrenze fuhr, wollte weiter nach Ungarn, in die CSSR oder nach Österreich. In den 80er Jahren fuhren auch viele Lkw bis in den Iran oder Irak, weil damals der »Saddam Damm« gebaut wurde. Seit dem Sturz von Saddam Hussein heißt der Stausee »Mosul-Talsperre«. Skandinavische Lkw schafften dorthin jede Menge Material. Wenn also ein dänischer Lkw zum Beispiel in Rostock reinkam, wurden Transit-Dokumente ausgestellt, womit er die DDR durchfahren konnte. Wir entwerteten diese Papiere dann vor der Ausreise und kontrollierten die Plomben, mit denen unsere Kollegen die Wagenladungen bei der Einreise versiegelt hatten. Danach suchten wir in den Kabinen der Fahrer nach versteckten Personen sowie nach Waffen, stellten fest, ob sie die mitgeführten Devisen richtig angegeben und DDR-Währung bei sich hatten. Zum Schluß kümmerten wir uns um nicht genehmigte Druckerzeugnisse. Ich hätte damals viel darum gegeben, die Spiegel- und Art-Magazine behalten zu dürfen. Wenn ich sie bei der Kontrolle in die Finger bekam, konnte ich die Hefte nur flüchtig durchblättern, dann mußte ich sie abgeben. Sehnlichst wünschte ich mir, diese beiden Magazine einmal in Ruhe lesen zu können. Und nach der Wende habe ich Spiegel und Art sofort abonniert.

Zu den nicht erlaubten Druckerzeugnissen gehörten auch Pornohefte, zwei solcher Hefte habe ich einmal abgezweigt – ich gebe es zu –, obwohl es verboten war. Aber mit meiner Sammlerleidenschaft hatte das nichts zu tun, denn ich sammle bibliophile Erotika. An Pornographie bin ich nicht mehr und nicht weniger interessiert als andere Männer auch. Hatte allerdings ein Kollege Pornohefte eingezogen, dann ging nichts mehr bei uns. Die Grenze wurde mit Absperrkegeln zugestellt, und alle Zöllner strömten ins Kontrollhäuschen. Auch die tschechischen Kollegen von der anderen Seite schlossen dann ihre Schlagbäume und besuchten uns eilends. Nun wurden diese Hefte »festgestellt und ausgewertet«, so hieß es im Amtsdeutsch. Danach mußten sie abgegeben werden, vielleicht zum persönlichen Gebrauch von Erich Honecker und Erich Mielke? Jeder der beiden Erichs soll ja eine große Pornosammlung besessen haben.

(Fortsetzung folgt)

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›Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit‹
Diskussion und Lesung mit Barbara Kalender, Harriet Köhler, Thomas Kapielski, Jörg Schröder und Johannes Ullmaier.


Wir würden uns über Euer Kommen am Freitag, den 30. Mai, 20.00 Uhr freuen. Ort der Veranstaltung: Haus am Dom, Liebfrauenplatz 8, Mainz.
Eintritt: 8 € / erm. 6 €

(BK / JS)

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