vonSchröder & Kalender 23.06.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
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Erst gestern erfuhren wir, dass unser Autor Hans Dieter Heilmann bereits am 15. Mai 2019 gestorben ist. H.D. war in der Bewegung wegen seiner Unbedingtheit gefürchtet, weil er zahllosen Menschen mit dem nackten Arsch ins Gesicht gesprungen war. Er war ein Bürgerschreck und der einzige wirkliche Anarchist, dem wir begegnet sind, der seinen Idealen treu blieb bis zur Selbstverleugnung. Er konsumierte nichts Überflüssiges, das ging von der niedrigsten Befeuerung seiner Kohleöfen, die höchstens bis zwölf Grad heizen durften, damit das Wasser nicht in den Leitungen gefriert, bis zur Benutzung von uralten Schreibmaschinen, die er von Tüftlern reparieren ließ. Produkte wie Computer und anderer »Tinnef« durften nicht benutzt werden, ebenso wenig gewisse Wörter und Wendungen, die er uns in einer »gelben Liste« zugehen ließ, deren Titel lautete: »Liste des schädlichen und unerwünschten Sprachguts«.

Solches war natürlich auch selbstironisch gemeint, der Mann hatte also bei aller Unbedingtheit auch Humor. Nur hörte der bei ihm auf, wenn er vermutete, dass sich einer seiner Freunde in den Medien prostituiert. Keinesfalls durfte man nämlich dem ›Spiegel‹ oder sonst welchen Blättern Auskünfte geben, eigentlich auch nicht für Geld schreiben, alles das, was normal war, war bei Heilmann verboten. Und vor allen Dingen durfte man »Themen nicht ausbeuten«! Heilmann witterte wegen des Biss-Buches, wofür  er ein vierzigseitiges Nachwort schrieb, dass dieser Verleger Schröder und diese Kalender versuchten, eines seiner heiligen Anliegen medial zu verwursten. Er glaubte uns nicht, dass wir in bester Absicht lediglich Material sichern wollte, und hielt uns für Verräter an der guten Sache.

Nach einem Essen bei Andreas Biss redeten wir während eines Spaziergangs. Nein, eigentlich war es eher ein Gewaltmarsch immer rund ums Karree Bleibtreu-, Niebuhr-, Schlüter-, Mommsenstraße. Ich trug meinen französischen Reservistenkoffer aus schwarz gespritztem Blech, er war gefüllt mit den Notizen und Unterlagen für ein Biss-Filminterview. Heilmann und ich brüllten uns so an, dass die Passanten vor uns wegspritzten und die Straßenseite wechselten. Einmal stieß ich in meiner Wut, weil ich ihm keine kleben wollte, den Blechkoffer wie ein Kugelstoßer zehn Meter weit weg, so dass der Koffer polternd übers Pflaster schrammte. Davon bekam er Kratzer, seither schimmerte das Aluminium durch die schwarze Lackierung. HD und ich krakeelten wie Verrückte, die arme Barbara lief zwischen uns und versuchte zu schlichten. Sie wurde niedergebrüllt, der eine schrie ihr von links, der andere von rechts ins Ohr. Erst nachdem wir drei- oder viermal im Stechschritt um den Block gerannt waren, hatten wir uns ausgetobt.

Ich zog dann die Filmvereinbarung mit Andreas Biss aus dem Koffer, erst danach glaubte Heilmann, dass es noch keinen Vertrag mit einem Fernsehsender gab und sein Vermarktungsverdacht war halbwegs entkräftet. Wir setzten uns ins ›Café Bleibtreu‹, um über sein Nachwort zu sprechen und unterhielten uns fünf Stunden lang darüber das bislang nur in Heilmanns umfangreichem Zettelkasten steckte, niedergeschrieben war davon noch kein Wort. Ausgehend von den Schilderungen des Andreas Biss hatte HD sich vorgenommen, das Bild zu korrigieren, welches Adolf Eichmann kurz vor seiner Verhaftung und während des Prozesses in Jerusalem in diversen autobiographischen Aussagen und Texten von sich zeichnete. Darin stellte sich Eichmann als einen Menschen dar, der nur strikte Befehlserfüllung, Gehorsam und Treue kannte, also lediglich seine Pflicht tat. Heilmann fand bei seinen Studien einen anderen Eichmann, auch einen anderen als Hannah Arendt, die den Mann im Glaskasten als Bürokraten und Schreibtischtäter charakterisierte, der ohne innere Bewegung Menschen zur Vernichtung brachte. Für Heilmann war Adolf Eichmann das Vollbild eines tückischen Zwangscharakters und fanatischen Zerstörers von Menschenleben, des hässlichen Deutschen schlechthin. Und er sah in Hannah Arendts Theorie von der ›Banalität des Bösen‹ letztendlich eine Salvierung der Untaten, weil sie die Beweggründe der Mörder verflacht und damit das einzigartige Menschheitsverbrechen so banalisiert, als sei es jederzeit wiederholbar und die Täter seien austauschbar. Im Laufe dieses langen Gespräches fiel auch der Satz: »Das Böse ist nie banal«, der dann auch in Heilmanns Essay stand.

Nun hofften wir, dass endlich die Debatte über Hannah Arendts gefährliche These geführt würde, die allenfalls hätte lauten müssen ›Die Banalität des Schlechten‹. Schweigen im Walde. Erst 1999, also vierzehn Jahre nach Erscheinen des Buches, war die Botschaft bei den Sinngebern angekommen und übrigens auch in Israel. Jehuda Bauer, Forschungsleiter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, scheint Heilmanns Essay inzwischen sogar sehr genau gelesen zu haben, denn neulich erklärte er im Zusammenhang mit der Diskussion um die Veröffentlichung der wiederentdeckten Eichmann-Memoiren im ›Spiegel‹: »Arendt hatte unrecht. Das Böse ist niemals banal« – natürlich ohne Heilmann als Quelle zu nennen!

Und noch eine Bemerkung zum Thema ›Biss-Rezeption in Israel‹: Es scheint eine traurige Tatsache zu bleiben, dass der Name Andreas Biss auf den Ehrentafeln der Gerechten dort niemals zu lesen sein wird. Ich aber war fest entschlossen mitzuhelfen, dass dem Heldenmut des ollen Biss Gerechtigkeit widerfährt, trotz seiner Sonderlichkeiten und – ja, man muss es aussprechen – seiner Gemeinheiten. Dieser extrem konservative Kerl fiel nämlich sogar seinem treuesten Förderer Heilmann in den Rücken. Obwohl der doch sein Buch an März vermittelt hatte, schwärzte er ihn bei mir an, beschimpfte aber auch März als »kommunistischen Verlag«. Er schrieb an CDU-Politiker in Berlin, das Nachwort zu seinem Buch sei ein »linkes Pamphlet« und er, Biss, sei »wieder mal übertölpelt worden«.

Das Buch von Andreas Biss und Heilmanns Nachwort ist lange vergriffen, aber natürlich noch bei diversersen Antiquariaten erhältlich.
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Andreas Biss, ›Wir hielten die Vernichtung an. Kampf gegen die ›Endlösung‹ 1944‹. Mit einer Nachbemerkung von H.D. Heilmann. Mit zahlreichen Dokumenten, 13 Faksimeles, Zeittafel und Register. Brosch., 404 Seiten. März Verlag, 1978 (nur noch antiquarisch erhältlich).
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war (ist) die Himmler-Forschung noch nicht soweit. Das sind die Gründe, warum die main-stream-Literatur der intentionalistischen Finalisten das Biss’sche Informationsangebot nicht wahrnehmen wollte.
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(HDH / BK / JS)

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