vonSchröder & Kalender 29.06.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert heute nicht.
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Dies ist ein Text aus ›Schöder erzählt‹:  An Barbaras Geburtstag suchen wir uns einen Ort aus, an dem wir noch nicht waren, aber eigentlich immer wollten. Nun wollten wir zum Tegeler See und dort auch das Schloss besichtigen. Denn als Hilfshumanisten wissen wir ja, dass die Familie von Humboldt dort ein Schloss bewohnte. Die beiden berühmten Brüder – der weit gereiste Naturforscher Alexander und Wilhelm, der Gründer der Humboldt-Universität – sind sozusagen die Kulturväter Berlins.

Auf dem Balkon frühstückten wir in aller Ruhe, und um Punkt neun zogen wir los. Vor dem Hauseingang empfing uns eine kleine Mieterversammlung: Doktor Mendelsohn und seine Frau schwatzten mit Familie Krause. Der olle Metzger Krause hatte ein T-Shirt an mit großem New-York-Aufdruck. Ich zeigte darauf und sagte: »Hör mal, das geht aber nicht! Da muss doch Berlin draufstehen!« Mendelsohn, der gerade vom Urlaub aus Tel Aviv zurückgekommen war, schob nach: »Natürlich, Herr Krause, Sie können doch nicht ein Hemd mit diesem Dorf drauf tragen!« Die neugierige Frau Krause kümmerte sich nicht um Hemdenwitze, sondern fragte: »Wo wollen Sie denn hin heute?« Barbara antwortete: »Wir machen einen Ausflug nach Tegel, da waren wir noch nie.« Darauf sie: »Ich auch nicht. Ich kenne nur Wilmersdorf und meinen Schrebergarten in Charlottenburg. Als ich vor zwei Jahren zu meinem Sohn sagte: »Ich war noch nie in Sanssouci, hat er mir eine Fahrt dahin spendiert.«

So ist das bei den Ureinwohnern in Metropolen, die siebzig Jahre in ihrer Stadt wohnen. Es ist schon fast Standard, dass die Londoner oder New Yorker nur ihr Quarter oder ihre Hood kennen. Frau Krause fand es also ziemlich verwegen, dass wir Wilmersdorf verlassen wollen und nach Tegel fahren. Das ist typisch für die Kiezmentalität. Aber wenn man es weiter denkt, könnte man an diesem Beispiel klarmachen, wie schrecklich für solche Alteingesessenen eine Entmietung ist. Die Familie Krause kann sich jetzt keine Wohnung in ihrem Bezirk leisten und wird an den Rand von Berlin in eine Platte gedrängt.

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Foto: Barbara Kalender
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Rein in die U9 Richtung Osloer Straße, wir fuhren bis zum Leopoldplatz und wechselten in die U-Bahn nach Alt-Tegel. Als wir an der Endstation aus der Tiefebene hochkamen, standen wir auf einem Platz, der so aussieht wie jeder beliebige Platz in einem Außenbezirk. Von dort aus führt eine Straße zum Tegeler See, eine typische Touristenstrecke wie in einem Seeort: ein Restaurant nach dem anderen, dazwischen ein Frühstückslokal, ein Café, ein Steakhouse, ein Inder … Das war überraschend, so etwas hatten wir in Berlin nicht erwartet, diese gastronomische Rollbahn wie an der Ostsee. Und überall standen Tische vor den Lokalen, die Leute saßen draußen, tranken, aßen und unterhielten sich angeregt. Trotz der frühen Stunde strebten zahlreiche Menschen zum See hinunter, denn die ersten Schiffstouren starten um zehn Uhr.

 

Direkt am See liegt rechts ein Ausflugslokal mit großer Sonnenterrasse, Kegelbahnen und Sälen für Veranstaltungen. Die Speisekarte mit Saisongerichten gefiel uns, und ich schlug vor: »Wenn wir nichts Besseres entdecken, essen wir mittags hier.« Vor der ›Tegeler Seeterrasse‹ gibt es einen größeren Platz mit Bänken, links davon beginnt die Greenwichpromenade, eine Platanenallee führt am Seeufer entlang. Nachträglich lasen wir in einem Stadtführer: »Sie gehört zu den schönsten Berliner Seepromenaden.« Das stimmt. Vor uns lag der große Tegeler See, man roch das Wasser und war sofort in Urlaubsstimmung. »Fantastisch!«, rief Barbara, »warum waren wir noch nie hier?!« Dann spazierten wir unter den Platanen am See entlang.

Fortsetzung folgt
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Von Mai 1990 bis Juni 2018 erschien unser Work in Progress. ›Schröder erzählt‹ begann mit der ersten Folge ›Glückspilze und endete mit der letzten Folgen ›Der Glücksgott‹. Es entstanden 68 Folgen nebst sechs Treuegaben in 7 Buchbinderkassetten, 3.760 Seiten.

Die Texte von ›Schröder erzählt‹ wurden mit denen der Brüder Goncourt, Benvenuto Cellinis ›Vita‹, Giacomo Casanovas Memoiren, Jules Vallès’ ›Jacques Vingtras‹ und Samuel Pepys’ Tagebüchern verglichen. Es gab in den letzten 26 Jahren zahlreiche Presseveröffentlichungen, insgesamt 826 Rezensionen.

In der Zeitschrift ›Merkur‹, Heft Dezember 2011, erschien Gerhard Henschels Essay »Näher an die Wahrheit ran. Das kulturhistorische Mammutwerk ›Schröder erzählt‹. Wir zitieren daraus: »In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur stehen die Lieferungen des Werks ›Schröder erzählt‹ einsam da. Es gibt zahllose Autobiographien, Tagebücher und Briefbände von Veteranen des Kulturbetriebs, doch es ist nichts darunter, was Schröders Erzählungen gleichkäme, sei es an Umfang, Unverschämtheit, Welthaltigkeit, Angriffslust, Eigensinn oder Witz, und auch die Herstellungsweise und der Vertrieb der Erzählungen sind einzigartig: Sie entstehen in Gesprächen zwischen Jörg Schröder und seiner Lebensgefährtin Barbara Kalender, gelangen von der ersten Abschrift in mehreren gemeinsamen Lektoratsgängen zur endgültigen Textgestalt, erscheinen mehrmals jährlich im Desktop-Publishing- Verfahren und werden einer gegenwärtig dreistelligen Zahl von Abonnenten zugestellt.«

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(BK / JS)

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2020/06/29/ausflug-zum-tegeler-see-1/

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