vonSchröder & Kalender 24.09.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Was die Sitten und Gebräuche der Händler angeht, da fällt mir eine Geschichte ein, die meine Mutter mir als Kind erzählte. Sie handelt von Marcel König, ihrem Galan, der Ende der Zwanziger an der Technischen Hochschule in Berlin studierte. Er war ein rumänischer Jude, seine Eltern besaßen in Bukarest eine Kette mit Waschsalons. Sie waren nicht nur wohlhabend, sondern reich, hielten ihren Sprössling aber trotzdem kurz, wie es reiche Menschen oft tun. Sein monatlicher Scheck reichte gerade mal für sein Zimmer, das Essen und die Studiengebühren. Marcel konnte also keine großen Sprünge machen. Trotzdem zog er sich elegant an, wie meine Mutter nicht müde wurde zu betonen, weil ihr das sehr gefiel.

Diese Eleganz konnte sich Marcel nur leisten, weil er sich bei den »Kleiderjuden« – wie das damals hieß – im Scheunenviertel einkleidete. Marcel berichtete Edith immer wieder stolz, wie günstig er seinen neuen Anzug erworben hatte. Denn beim Handeln hatte er einen Trick: Er machte sich sehr früh auf zu den jüdischen Trödlern, bevor die noch einen anderen Kunden hatten. Marcel wusste, dass die Händler aus Aberglauben den ersten Kunden des Tages nicht gehen lassen wollten, ohne ihm etwas verkauft zu haben. Also, egal ob Second Hand oder Vintage, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Deshalb gehen wir das nächste Mal gleich nach dem Aufstehen zum Flohmarkt, mal sehen, ob es funktioniert.

Mit den Marotten der Reichen ist es so eine Sache. Meine Mutter erzählte mir oft Geschichten über meine Großmutter väterlicherseits. Oma Schröder konnte nur Klavier spielen, häkeln und sticken. Trotzdem fixierte sie ihre wallenden Gewänder mit zig Sicherheitsnadeln, anstatt die Risse zu vernähen. Sie lebte mit dem Großvater, der Prokurist einer Handelsgesellschaft war, in einer Wohnung in der Kreuzberger Urbanstraße. Dieses Haus hatte ursprünglich den Urgroßeltern gehört. Aber da meine Großeltern später ohne Dienstboten auskommen mussten, ließ sie alles verlottern, besonders in der Küche türmte sich das schmutzige Geschirr, die Schimmelpilze wuchsen aus der Spüle. Nichts durfte aus der Wohnung verschwinden. Verzweifelt bestellte der Großvater, als seine Frau einmal in der Kur war, einen Schrotthändler, um Zeitungen und sonstigen alten Kram abholen zu lassen. Nach ihrer Rückkehr stellte die Großmutter halb Berlin auf den Kopf und fand schließlich den Trödler. Für den doppelten Preis brachte sie ihn dazu, ihr Gerümpel wieder herauszuklauben und zurück in die Wohnung zu karren.

Nicht verarmt, jedoch verglichen mit dem früheren Reichtum der Familie lebten die Großeltern bescheiden und mit einem Nießbrauchrecht bis zu ihrem Tode in dem Haus in der Urbanstraße neben dem Pumpwerk. Es wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut, es förderte das Abwasser aus dem Stadtgebiet südlich des Landwehrkanals und östlich der Anhalter Eisenbahn zu den Rieselfeldern in Großbeeren und Ruhlsdorf. Die Einfahrt zum Pumpwerk ist pompös, zwei gotische Torbogen werden von einem großen steinernen Bären bekrönt, das wirkt wie ein mittelalterliches Stadttor. So stellte ich mir als Kind immer ein Burgtor vor, es machte so großen Eindruck auf mich, dass dieses Bauwerk der Berliner Kanalisation mir seither im Gedächtnis geblieben ist.

 

Foto: von Jörg Zägel, Wikipedia

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Neulich zeigte ich Barbara das Tor, es steht noch immer in der Bebauungslücke zwischen den Brandmauern von zwei Miethäusern, davon war eines das meiner Urgroßeltern mit einer Gründerzeitfassade und Schmuckelementen. Nach der teilweisen Zerstörung durch Bomben wurde das Haus nach 1945 mit glattem Putz renoviert und ist heute ein hässlicher Kasten.

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Diese Geschichte erschien in ›Schröder erzählt: Grundlos zufrieden‹ im März Desktop Verlag. Jörg Schröder und Barbara Kalender erzählten, die Transkription der Tonaufnahmen wurde von beiden Autoren redigiert.

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BK / JS

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