vonSchröder & Kalender 11.10.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
***
Was man beim Menschen gemeinhin Schizophrenie nennt, also eine Art Übergangsstufe zwischen seelischer Gesundheit und Krankheit, hat nun auch unsere Staatsmänner und Verfassungsjuristen ergriffen. Der ehemalige Bundestagspräsident Thierse erklärte, die »DDR als Staat sei gescheitert, aber seine Bürger nicht.« Und der ehemalige Verfassungsrichter Voßkuhle warnt vor »der Verharmlosung des DDR-Unrechtsstaats«, konzedierte aber gnädig: »Dennoch haben die Menschen dort auch schöne Momente erlebt.«

Das Leben besteht aber nicht nur aus schönen Momenten, sondern auch aus Mühe und Arbeit. Mein Cousin Walter – wenn er pupt, dann knallt er – war der lebende Beweis für meine Behauptung. Leider ist er inzwischen gestorben, deshalb kann ich die familieninterne Fallstudie nicht fortsetzen und weiß nicht, ob er sich nach der Wende in einen Miesepeter verwandelt hätte. Jedenfalls, sooft ich ihn früher in Pankow besuchte, war klar: Der ist stolz auf seine Arbeit und damit auch auf sich. Das war keine Attitüde eines linientreuen Parteimitglieds, im Gegenteil: Er meckerte gern und viel, war aber immer solidarisch mit seinen Kumpeln und dem Betrieb.

Es gab genug Gründe zu klagen, die Planwirtschaft hatte schon lange gezeigt, dass sie nicht funktionierte. Aber trotz aller Probleme kümmerten sich solche Leute wie Walter darum, dass die Chose irgendwie weiterlief, indem sie dem Plan ein Schnippchen schlugen. Walter arbeitete bei der Staatsspedition der DDR, war also einer der privilegierten Fahrer, die Plaste und Möbelstücke aus dem Osten für Mister Minit und Ikea in den Westen lieferten.

DDR Deutrans Volvo F10 von Knoerz, Wikipedia

***
Er hätte jederzeit in Frankfurt am Main vom Bock steigen und zu seinem Beifahrer sagen können: »Reech dir ma nich uff, Kolleje, ick hau ab! Hier wohnt meine Tante Edith. Fahr du ma alleene zu Hause un schlafe.« Walter war nicht in der Partei, und trotzdem ließen sie ihn rüber, weil sie sicher waren, dass er nicht abhaut. Die Stasi schätzte ihn eben richtig ein: Er hatte sich mit geradezu übermenschlicher Geduld seinen Lebenstraum erfüllt und ein großes Kajütmotorboot aus Mahagoni gebaut.

Zwanzig Jahre brauchte er, bis er endlich alle Teile zusammen hatte und sein Boot an der Müggelspree festmachen konnte. Nur in einer Mangelwirtschaft gibt es so viele Langzeitbastler. Mit derselben Gelassenheit wartete Walter auf seinen Wartburg, erst nach zehn Jahren konnte er den Bezugsschein für das Auto einem anderen abkaufen. Trotzdem glaube ich nicht, dass es sein Boot oder der Luxuswagen allein waren, die ihn in der DDR bleiben ließen. Nein, er fühlte sich wohl in Pankow und außerdem verantwortlich für seine Arbeit und den Betrieb. So etwas nennt man Arbeitsethos.

Bei einem meiner Besuche erzählte Walter: »Stell dir mal vor, Jörg, auf unserem Betriebshof standen vierundzwanzig Lkw, die waren nicht einsatzfähig, nur weil Simmerringe für die Kupplung fehlten. So ein Ding kostet siebzig Pfennig. Natürlich waren die Anträge gestellt, das läuft ja bei uns über zig Instanzen, aber sie kamen und kamen nicht. Da habe ich mir gesagt: Da kriechste doch wat an’n Kopp! Vierundzwanzig Böcke stehn rum, nur wejen der Scheiß-Simmerringe! Ick denk mir, fahr ma zur zentralen Ersatzteilstelle und guck, ob de die paar Simmerringe nich organisiern kannst.« Das machte Walter, verbrachte einen halben Tag damit, bei der Ersatzteilstelle einen Kollegen zu erwischen, der ihm im Tausch gegen eine illegale Umzugsfuhre die Kleinteile mitgab und dazu natürlich noch eine dringend benötigte Dichtung für Walters privates Motorboot. Mit seiner Beute ging er zum Genossen Werkmeister: »So, hier haste deine Simmerringe, jetzt kannste se einbauen, denn sin die Kisten wieda flott, wa!« Darauf der Meister: »Un wat hat det jekostet?« »Fünf Minuten Angst.« »Angst, aba keene Besserung!«

Hier förderte nicht der Aktivist Adolf Hennecke 387 Prozent seiner Tagesnorm, hier hatte einer den Plan mit praktischer Vernunft überlistet. Das wird heute meist falsch dargestellt, als hätte es in der DDR nur Drückeberger gegeben. Ich erkläre mir die Frustration nach dem Anschluss so: Der Arbeiterstolz ist zusammengebrochen. Sicher ist auch der Eisberg mit den zwei Buchstaben DM, auf den die sozialistische Titanic DDR auflief, mit Schuld daran. Fest steht, die Leute fühlten sich durch die Abwicklung ihrer Produktionsmittel gedemütigt.

Das ist es, was der Verfassungsrichter Voßkuhle übersieht: Es ging nicht nur um schöne Momente! Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht nicht nur: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Vielmehr lautet der folgende Satz: »Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«

 

* * *
Diese Geschichte erschien in ›Kriemhilds Lache‹ im Verbrecher Verlag.

* * *
BK / JS

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2020/10/11/schoene-momente/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.