vonSchröder & Kalender 13.03.2021

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Es ist diesig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
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Trotz der vielen Beschänkungen, die Corona so mit sich bringt, waren Antiquariate und Buchhandlungen immer geöffnet. Ein Lichtblick, aber ich vermisse die Messen und Büchermärkte, wo man hingeht und Freunde trifft. Normalerweise wären die Buchliebhaber jetzt alle auf der Leipziger Messe.

In Erinnerung an die vielen Begegnungen habe ich diese Geschichte aus ›Schröder erzählt‹ ausgewählt: Vor ein paar Jahren besuchten wir den Büchermarkt in Ludwigsburg und trafen den Antiquar Rainer Feucht. Unser Freund saß an seinem Stand und las so verzaubert in einem Buch, dass er niemanden wahrnahm. »Was fasziniert dich denn da so?«, fragte ich, und Rainer antwortete: »Dieses Werk habe ich jahrelang gesucht und eben bei einem Kollegen gefunden. Es geht darin um Moorleichen. Das Buch ist hochinteressant für einen Kunden, wenn ich es ihm anbiete, bricht der in die Knie!«

Rainer Feucht ist Spezialist für Magica und Curiosa, er schrieb etwa hundert Antiquariatskataloge, die eigentlich Katalogbücher waren. Ja, waren muss man sagen, denn über solche Veröffentlichungen der Antiquariatskultur ist nur noch in der Vergangenheitsform zu berichten. Seine Kataloge waren nicht nur Angebotslisten, die Notate und Kommentare stellten ein Vademekum der Belehrung und Erheiterung dar. Zu dem Buch des 1716 geborenen John Hill notierte Feucht: »Der englische Naturhistoriker verfasste diese pikante Satire, als die königliche Sozietät der Wissenschaften in London, die angebliche Schwän-gerung einer Frau durch den Südwestwind für möglich erklärte. Er spottete in dieser Satire so ernsthaft über dieses Thema, dass Haller das Buch in seine Bibliotheca anatomica aufnahm.«

Beispiele für Antiquare, deren Kataloge Kompilationen zu Themenkreisen waren, sind Legion: Da war Hansjörg Viesel, ein Spezialist für Texte zum Sozialismus und Anarchismus. Sein achthundertseitiges Werk ›Literaten an der Wand – Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller‹ gedieh auf dem Humus seines Magister Tinius Antiquariats. Apropos Humus, es gab auch die famosen Kataloge von Bernd Keller mit Titeln und Texten zu Landwirtschaft und Tierzucht. Sein ›Trüffelschwein‹-Katalog ist ebenso bedroht wie die gleichnamigen Tiere in den französischen Eichenwäldern. Denn Schweine werden bei der Trüffelsuche nicht mehr eingesetzt, weil sie schwer zu führen und zu widerborstig bei den Kommandos sind. Außerdem fressen sie die Trüffel lieber selbst. Ja, und wo sind die opulenten, reich illustrierten Kataloge von Martin Klaußner aus Fürth geblieben, dem Verleger und Herausgeber Kurt Hillers? Alles futschikato!

Nun könnte man dieser Trauerrede auf eine verlorene Tradition entgegenhalten, dass alle jene Bücher, welche früher in sorgfältig gemachten Katalogen antiquarisch angeboten wurden, doch heute im Netz bei Booklooker, ZVAB oder auf anderen Seiten stehen. Ja, aber mit dem einem wichtigen Unterschied: Du musst den Titel kennen, bevor du ihn im Netz suchen kannst, – denn man sieht nur, was man weiß. –, während in den Katalogen alter Schule der Antiquar die Bücher sortierte, beschrieb und annotierte. So konnte sich der Sammler von der Auswahl überraschen lassen und fündig werden. Auf der roten Liste der schwarzen Kunst standen also vor den Büchern auf Papier, die langsam den E-Books weichen, die Antiquare und Sammler alten Stils.

Natürlich gibt es auch komische Kruken unter den Antiquaren. Eines dieser Herzchen, nomina sunt odiosa, wollte ein Detail über ein März-Buch erfragen, und Barbara berichtete ihm am Telefon, dass ich mich nach einer Notoperation am Herzen auf dem Weg der Besserung befinde. Da meinte er: »Na ja, Sie wissen aber auch, Frau Kalender, dass wir höhere Preise für März-Bücher erzielen würden, wenn Jörg Schröder verstorben wäre.« Das brezelte dieser Totenvogel und Pfennigfuchser in vollem Ernst heraus.

Nicht nur die Antiquare, auch die Sammler waren nicht ohne! So erzählte uns Rainer Feucht, während wir Spaghetti aßen, mit leuchtenden Augen von einer Reise. Er hatte einen Masochisten besucht, der Mann war Ingenieur und schwerreich, baute Staudämme und Wasserkraftwerke. Seine Frau hatte ihn betrogen, und um sie zu bestrafen, verkaufte er seine Sammlung sadomasochistischer Titel zu einem Spottpreis an Rainer. »Leider, leider«, seufzte der, »habe ich da nicht schnell genug reagiert! Er wollte mir eigentlich auch seine Reise-Folterbank überlassen. Ein rares Stück aus dem 19. Jahrhundert mit original Blutspritzern …« Da waren wir platt. So wie wir Zahnbürsten einpacken, wenn wir auf Reisen gehen, nahm dieser Ingenieur sein »Reisemariandl« mit, wie die Wiener Galerie die Folterbank nennt.

Wobei wir uns im Klaren darüber sind, dass im Vokabular des Sadomasochismus Wörter und Werkzeuge nicht immer wörtlich genommen werden sollten, sondern häufig nur Zeremonien beschreiben und symbolisieren. Ein anderer Aspekt des Sadomasochismus ist der Zeitfaktor, von dem Sartre in ›Das Sein und das Nichts‹ sagt: »Der Sadist sieht sich als einer, der beliebig viel Zeit hat. Er ist gelassen, er beeilt sich nicht, er verfügt über seine Werkzeuge wie ein Techniker, er probiert sie eins nach dem anderen, wie der Schlosser verschiedene Schlüssel an einem Schloss ausprobiert …« Um es einfacher auszudrücken: Zeit ist das, was wir überhaupt nicht haben. Also können wir nach Sartres Definition auch keine Sadisten sein, und erst recht keine Masochisten, die sich Sadisten ausliefern.
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BK / JS

 

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