vonSchröder & Kalender 19.09.2021

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südlicher Richtung.
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Der BuchMarkt bringt heute ein Gespräch, das Margit Lesemann mit Richard Stoiber und mir führte.

und

Das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel berichtet ebenfalls über den Neustart des MÄRZ Verlags.

 

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Der MÄRZ Verlag hat eine bewegte Geschichte, sie beginnt bereits 1967, damals war Jörg Schröder Verlagsleiter im Melzer Verlag. Dort veröffentlichte er unter anderem Pauline Réage: ›Geschichte der O‹, Victor Klemperer: ›LTI‹ und eine Anthologie amerikanischer Underground-Gedichte ›Fuck you!‹.

In den ersten vier Jahren (1969 bis 1973) erschienen 84 Bücher bei MÄRZ. Schröder erzählt: »Ich wollte ein geiles Programm machen, nicht spezifisch sexuell, aber auch. Retrospektiv ist es leicht, diese Mixtur aus Literatur, Comics, Pädagogik, Sex, Politik, Drogen als Experiment der Postmoderne zu definieren oder MÄRZ als den »den kultur-revolutionären Verlag« zu sehen, wie Karl Heinz Bohrer schrieb. Damals, als es erst drei Titel gab, war das schwer, jedoch alle verlangten Definitionen. Die Dozenten der Buchhändlerschule luden mich nach Frankfurt-Seckbach ein. Dort fragten mich die jungen Buchhändlerinnen und Buchhändler, wie sie es gelernt hatten: »Wie sieht Ihre Verlagslinie aus?« Natürlich redete ich viel, aber eigentlich versuchte ich ihnen etwas zu erklären, was ich selbst noch nicht kannte.

Es gab andere Bücher, die leuchteten mir sofort ein, zum Beispiel ›S.C.U.M. – Manifest zur Vernichtung der Männer‹ von Valerie Solanas, der Andy-Warhol-Attentäterin. Eine paranoide, surrealistische Theorie, also innerhalb des Wahnsystems schlüssig. Da sagte ich freudig: »Machen wir!« Bei März erschien damals die deutsche Übersetzung mit einem Nachwort des ›Arbeitskreises Frauenemanzipation‹, dem auch einige Frauen des ›Weiberrats der Gruppe Frankfurt‹ angehörten. Von dieser Gruppe stammt der berüchtigte ›Rechenschaftsbericht‹ mit den abgehackten Pimmeln der Genossen Schauer, Gäng, Kunzelmann, Krahl und Rabehl, wie Jagdtrophäen an der Wand aufgereiht. Auf der Rückseite des Flugblatts wurden fünfzig weitere SDS-Schwanzträger geoutet mit einem Solanas-nahen Text, dessen Schlußzeile lautet: »Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!« Mir kann ja in dieser Richtung nichts passieren, weil Valerie mich ungefragt zum »contact man of the mob« ernannte. Damit gehöre ich zu den wenigen Männern, die der Vernichtung durch die Frauen entgehen werden, und zwar per Gnadenerlaß der Anführerin der Society for Cutting Up Men.

Oder Gustavus Myers ›Große amerikanische Vermögen‹, ein wahrer Western über die Entstehung des amerikanischen Kapitalismus, da gab es doch kein Zögern, das Buch mußte auf den Markt! Myers erzählt die Geschichte der Vanderbilts, Morgans, Carnegies, Rockefellers und vieler anderer Konzerngründer, berichtet von der brutalen Ausnutzung der Arbeiter, der Entstehung privater Vermögen als Produkt gigantischer Korruption, von den Terrorregimen der Pelzkompanien und Eisenbahngesellschaften, den Gangstermethoden im Bankwesen und in der Industrie. Wer dieses spannende Buch liest, wird niemals mehr blauäugig über den Kapitalismus reden, hier erfährst du, woher die Multis kommen und wie sie agieren. Die erste deutsche Ausgabe war 1916 im S. Fischer Verlag erschienen, ich hatte sie in Melzers Antiquariat entdeckt, jetzt druckte ich sie bei März nach. Der Fischer Verlag hatte nichts dagegen, die wissen ja sowieso nicht, welche ungehobenen Schätze in ihrem alten Rechtefundus liegen. ›Die großen amerikanischen Vermögen‹ wurden erst später ein Erfolg, nachdem ich ihm den neuen Titel ›Money‹ gegeben hatte.

Aber obwohl die erste Ausgabe also nur wenig Umsatz machte, brachte sie mir einen der wichtigsten Autoren. Günter Amendt gehörte zu den drei SDS-Zampanos in Frankfurt, Krahl war zuständig für Theorie, Amendt für Demonstrationsstrategien, weil er als gebürtiger Frankfurter alle Fluchtwege kannte, KD Wolff bediente als Danton der Bockenheimer die Megaphone. Wegen der ›Springer‹-Blockade saßen Amendt und Wolff als Rädelsführer auf der Anklagebank, und während die Anwälte ihre endlosen Schriftsätze vortrugen, las Günter die achthundert Seiten der ›Großen amerikanischen Vermögen‹. Später erzählte er mir, daß der Myers ihn von März überzeugt habe: »In dem Verlag, wo dieses Buch erschienen ist, möchte ich auch eins veröffentlichen.« So kommt man als Verleger an eine ›Sexfront‹, die 1970 erschien und bekanntlich einer der großen März-Bestseller wurde.

Im ersten Programms erschienen 19 Bücher, davon wurden nur drei gut verkauft: ›Acid‹ mit fünfzehntausend Exemplaren, Edgar Snows ›Roter Stern über China‹ brachte es ebenfalls auf fünfzehntausend, und Siegfried Bernfelds ›Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse‹ hatte eine Auflage von dreißigtausend. Das ist wie eine Blaupause für die erste Phase: Von den 84 Büchern, die in den ersten vier Jahren erschienen, machten fünf Prozent Gewinn, fünfzehn Prozent erreichten ihre Deckungsauflage, achtzig Prozent waren reine Luftnummern. Womit ich der Legende widerspreche, es sei Ende der Sechziger – als das Interesse an Politik, Zeitgeschichte und literarischer Postmoderne angeblich auf einem Höhepunkt war – leichter gewesen, nicht marktkonforme Literatur zu verkaufen, als heutzutage.

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Diese Geschichte erschien in ›Schröder erzählt: Geschäfte‹ im März Desktop Verlag. Jörg Schröder und Barbara Kalender erzählten, die Transkription der Tonaufnahmen wurde von beiden Autoren redigiert.

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BK / JS

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