vonDaria S. 24.11.2023

Seele gegen Wand

Let's call it praktische qualitative Anthopologie

Mehr über diesen Blog

In gewisser Weise beginnt die bekannte Geschichte der westlichen Welt mit der Erfindung des Rechts in Mesopotamien. Mesopotamien ist das fruchtbare Gebiet zwischen der heutigen Türke im Nordwesten und dem Persischen Golf im Nordosten. Hier, entlang der Flüsse Euphrat und Tigris entsteht das älteste bekannte Rechtssystem, das auf Schrift beruht. Die Sprache ist sumerisch, eine Keilschrift.

Ethik und Recht in den monotheistischen Religionen

Hier, in Mesopotamien vor vier Jahrtausenden, gibt es noch keinen Monotheismus: aber es gibt schon Gerichte und Richter, die Streitigkeiten über Besitz und Übergriffe lösen sollen. Urteile werden dokumentiert.

Codex Ur-Nammu (ca. 2100 v. Chr.) ist die älteste bekannte Sammlung von Gesetzen. Sie ist in sumerischer Sprache und behandelt ähnliche Themen, wie das alte israelische Recht und die jüdische Ethik vor der Diaspora: Mord, Diebstahl, Ehebruch. Es entsteht die erste grobe Andeutung der Unterscheidung zwischen Familienrecht, Sexualrecht, Zivilrecht, Erbrecht, Strafrecht.

Die Präambel lobt das Gesetz als einen massiven Fortschritt in Sachen Humanität und Gerechtigkeit. Man argumentiert schon hier mit dem Schutz verwaister Kinder, wie Jahrhunderte später im Judentum (z. B 2 Mose 22:21-23), zwei Jahrtausende später im Neuen Testament (Jak 1, 27) und noch später im Koran (Sure 89). Viele Normen der archaischen Ethik im Judentum, Islam und Christentum waren der Versuch gewesen, inmitten einer brutalen Realität – in der gewaltsamer Tod und andere Formen der Nötigung zum Alltag gehörten -, Regeln zu etablieren.

Eine andere Version des mesopotamischen Rechts ist der berühmte Codex Hammurabi (ca. 1700 v. Chr.). Abgebildet auf einer Stele aus Diorit ist Hammurapi, wie er Gesetzestexte von Šamaš empfängt. Šamaš war in der akkadischen und babylonischen Mythologie der Sonnengott, Gott der Gerechtigkeit und des Wahrsagens.

Der obere Teil der 2,25 m hohen Dioritstele. Es ist abgebildet, wie König Hammurapi vor dem thronenden Sonnen-, Wahrheits- und Gerechtigkeitsgott Šamaš die Gesetze empfängt.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Hammurapi

Dazu heißt es:

“Als Marduk mich beauftragte, die Menschen gerecht zu leiten und dem Lande Ordnung zuzuweisen, habe ich Recht und Gerechtigkeit in den Mund des Land gelegt und für das Wohlsein der Menschen sorgte ich gut [und legte die Gesetze fest.]”

Die Überlieferung von Mose, wie er seinerseits die Gesetze von Jahwe empfängt, wird etwas später datiert. Noch später entsteht das Christentum als eine jüdische Sekte; dann Islam als Variation der jüdisch-christlichen Tradition. 

Wie es wirklich war – welche Gesetze wo und wie angewendet wurden, weiß man natürlich nicht. So vieles an sozialer Realität wird gar nicht erst Teil der Geschichte, weil es nicht verschriftlicht wurde.

Dennoch sind da Tradition, Kontinuität.

Was hat Offenbarung mit Politik zu tun?

Jahrhunderte, ja Jahrtausende verhandelten das Judentum, das Christentum und der Islam, wie viel Gewalt wem gegenüber zulässig ist, welche Formen von Gewalt verboten sind und wo sie in welchem Maße eingedämmt werden soll. Es ist zuallererst  die Gewalt eines Mannes gegen einen anderen freien Mann zu Friedenszeiten. Judentum, Christentum und Islam stellten Skaven und Frauen nicht explizit gleich – aber die Kerntexte aller drei Religionen setzen der Verfügungsgewalt über sie gewisse Grenzen. Einige Normen wiederum zementierten die Ungleichheit. Die Regeln möge man einhalten – nicht um einer irdischen Autorität willen, die ja jederzeit in Frage gestellt und gestürzt werden könnte – sondern aus Angst oder aus Respekt vor dem einem Gott.

Die Religion reguliert jetzt das Zusammenleben. Besitz, Nachwuchs, körperliche Unversehrtheit, Arbeitsverhältnisse – die Existenz ist prekär. Dass Vereinbarungen halten, entscheidet über das Leben der ganzen Familie. Raub (von Wasser beispielsweise) kann für die Geschädigten tödlich enden. Und dann sind da noch Abhängigkeiten und die Sorge um die Zukunft der Kinder. Nur effektive Kooperation mit den richtigen Partnern sichert das Überleben, das Bestehen der eigenen Linie, die Lebensqualität im Alter. Hierarchien müssen funktional sein – von anderen verstanden werden. Und sie müssen von einer überwiegenden Zahl der politisch handlungsfähigen Mitglieder einer Familie oder Gemeinschaft als hinreichend fair und sinnvoll empfunden werden. 

Frauen haben nicht den vollen Status als autonome Rechtssubjekte, – dennoch sind sie ja mindestens auch Bezugspersonen und sprachbegabt. Und so fließen auch ihre Interessen und ihre Perspektiven hier und da in die Narrative ein.

 

Seit Gott persönlich den Menschen das Gesetz offenbart hat, verhandeln Gläubige, Trittbrettfahrer und religiöse Ideologen die Inhalte, die Bedeutung und den Auftrag von Politik, Recht und Ethik.

 

Judentum

 

Zuerst war der Krieg, dann die Hoffnung

Israelitische Kultur und Ethik haben in den Traditionen des Ägypten und Mesopotamien ihre Wurzeln. 

Die nach der biblischen Überlieferung brutale Landnahme – der Angriff auf die Kanaan und die Zerstörung Jerichos – werden auf das 13. bzw. das 16. Jahrhundert vor Christus datiert.

In den Jahrhunderten danach geht es um Weiterentwicklung politischer Strukturen, den Erhalt der politischen und territorialen Einigkeit und um Verteidigungskriege.

Der Übergang zur Monarchie erfolgte ungefähr 1000 Jahre v. Chr. Die Bücher der Tanach (das “Alte Testament” im Christentum) entstehen wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum: aber auch die wahrscheinlich ältesten Bücher (Tora bzw. Pentateuch) werden erst ca 5. Jhd. vor Christus kanonisiert. Das jüngste Buch ist das Buch Maleachi.

Die religiöse Kultur dient über weite Strecken dem Erhalt des bereits gegründeten Gemeinwesens. Es geht um die Hoffnung Jahwes Beistand, auf politische Einigkeit, die auch essentiell dafür ist, in Verteidigungskriegen bestehen zu können, um den Erhalt der religiösen Autonomie, Gesetzestreue, Abgrenzung und den Schutz der nationalen Identität (z. B. im Buch Maleachi). Messias-Erwartung ist historisch mit der Hoffnung auf funktionale,  da Gott gefällige Führung verknüpft. Das erste Buch der Makkabäer – nicht Bestandteil der Tora, ca. 100-130 v. Chr. – handelt von Simon Makkabäus, der Israel erfolgreich gegen Antiochus Epiphanes verteidigte. Das Gelingen gilt als Zeugnis seiner Rechtschaffenheit.

Aber vor allem prägen die langen Perioden im Exil das Judentum: das Assyrische Exil im 8. Jahrhundert v. Chr, das Babylonische Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. und schließlich die Diaspora nach der Zerstörung des zweiten Tempels, des Massakers und der Vertreibung der Juden prägen die Religion und die daran geknüpfte Kultur.

Diaspora ändert alles

In vielen kulturellen Gemeinschaften, die den physischen Auslöschungsversuchen über Jahrhunderte vorbeugen und sich gegen kulturelle Ausgrenzung wehren müssen, entwickelt man ähnliche Kompetenzen. Nationale Identität und religiöser Fundamentalismus nehmen ab, oder nehmen andere und meist sozial verträglichere Formen an, wenn sie nicht im Brutkasten der politischen Hegemonialstellung hochgezogen werden. Das ist nur logisch: Minderheiten müssen einerseits nach Werten Ausschau halten, die über die Grenzen ihrer Gemeinschaft hinaus gelten, um in der Mehrheitsgesellschaft zu bestehen; sie müssen einen kognitiven Mehraufwand erbringen, um für Konflikte gewappnet zu sein; und sie müssen ihre eigenen Werte immer wieder effektiv neu auslegen.

Exile und Diaspora fordern vielfach Anpassung ab. Als mittellose oder gar verfolgte Minderheit müssen sich jüdische Gemeinden teils anpassen und das religiös-kulturelle Erbe auf das Wesentliche reduzieren, um es weitergeben zu können. Ethik muss sich zwangsläufig mit alternativen Werte- und Weltbildern auseinandersetzen und löst sich zeitweise vom politischen Anspruch. Das führt zu der extremen Vielfalt jüdischer Identitäten, die es heute gibt – von mittelalterlich konservativ, über mystisch-charismatisch, über säkular, christlich oder gar komplett assimiliert, bis hin zu antizionistisch.

Christentum

 

..ist eine jüdische Sekte im römischen Reich und deswegen anders.

Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung brodelt es politisch. Israel hat die Unabhängigkeit verloren. Das Römische Reich gewährt den Provinzen religiöse Autonomie im Gegenzug für politische Abhängigkeit und Steuereinnahmen.

Jesus von Nazareth ruft zur politischen Enthaltsamkeit auf. Sein Programm ist Glauben als ethische Haltung. Dem anti-römischen Ressentiment begegnet er mit der existenziellen Hoffnung auf das Jenseits. Politische und gesellschaftliche Gruppen in Israel oszillieren zwischen der Kooperation mit und dem Widerstand gegen das übermächtige Römische Reich. Der politisch-militärische Widerstand könnte (und würde schließlich auch) verheerend enden. Vielleicht geht es also auch darum, die Menschen dem Konflikt zwischen der Identität einer unabhängigen (wenn auch kleinen) Nation und der Realität der römischen Herrschaft zu entziehen.

Nach Jesus Hinrichtung organisieren sich die Gemeinden selbst. Für die ersten Christen ist die Frage der nationalen Zugehörigkeit nicht wichtig. Ihr Christetum ist Auslegung der jüdischen Überlieferung, das Römische Reich setzt den politischen Rahmen. Der Begriff “Messias” wird neu interpretiert: nicht mehr politisch, nur noch religiös. Das Christentum ist nur Glaube, zudem noch nicht kodifiziert. Es kann dem Wortlaut nach weder im Kontext militärischer Konflikte noch für Zwangsbekehrungen eingesetzt werden. Es liefert erst Recht kein Kriegsrecht und keine Roadmap für das Erlangen der Weltherrschaft. 

Zunächst ist strittig, ob Christen ohne jüdischen Hintergrund jüdische Gebote erfüllen müssen; hier setzt sich Paulus durch: Nichtjuden sind von den Gesetzen der Thora “befreit”, das christliche Judentum öffnet sich den “Heiden”. Der neue Glaube ist so niedrigschwellig, dass immer mehr Menschen Christen werden. Aber sie werden vielerorts grausam unterdrückt.

…und so wird Christentum politisch

Nach Jahren der Verfolgung wendet sich irgendwann das Blatt, als Kaiser Konstantin die Religionsfreiheit einführt. Mit dem Konzil von Nizäa (325 n. Chr.) bekommt das Christentum eine politische Komponente, weil ein Kanon entsteht. Von da an steht das Christentum im engen Kontakt mit den politischen Machthabern, es existiert ein privilegiertes Narrativ bezüglich der Lehre und der Entstehung der Religion. Christentum ist nun eine sozialpolitische Institution und kann somit faktisch als Rechtfertigung für Gewalt eingesetzt werden – auch wenn das dem Wortlaut der wichtigsten christlichen Texte entgegensteht.

Mit Gewalt sichern einige Christen wahlweise ihre militärische oder politische Macht, das fragile persönliche Ego, frönen ihrem Frauenhass oder Rassismus. 

Ein Beispiel: Patriarch Nikon ist ein enger Freund des Zaren Alexei I. Er vertritt 1654 den Zaren in Moskau, als sich Kosaken und das russische Zarenreich gegen Polen-Litauen verbündeten und der Zar in den Krieg zog. Nikon ordnete 1652 die Korrektur der religiösen Bücher und Riten gemäß den neuesten Versionen derselben Bücher auf Griechisch, aus Italien. Kritische Berater in seinem Umfeld verdrängte er – heute würde man es einen toxischen Führungsstil nennen. Nikon wollte aber auch die Autonomie der Kirche gegenüber dem Zaren behaupten, konnte sich nicht durchsetzen und verließ 1658 Moskau. Die “sachlichen” Streitigkeiten über die korrekte Überlieferung blieben zwischen anderen hochrangigen Kirchenleuten bestehen: der Zar Alexei I. moderierte sie. Obwohl sich die meisten Würdenträger einigen, akzeptieren nicht alle Gemeinden die neuen Regeln. Joachim, Patriarch von Moskau (1674-1690), ursprünglich ein Militär, wurde erst in seiner zweiten Berufslaufbahn Geistlicher. Es bestand eine Sympathie zwischen ihm und Nikon, er stieg daher als Kirchenfunktionär auf. 

Später rief Joachim zu brutalen Pogromen gegen die Altgläubigen auf.

Heute ist die russisch-orthodoxe Kirche eine wichtige Institution der politischen Marketingstrategie der Moskauer Diktatur: die Kirche engagiert sich mit Segnungen der Waffen, die meisten Kirchen sind ein Hort der Verbreitung militaristischer, völkischer und frauenfeindlicher Ideologien. Die kirchliche Autorität stützt den Staat, die in den Gemeinden proklamierten Tugenden des Gehorsams und der Bescheidenheit schirmen die Mächtigen von unangenehmen Fragen ab, sobald sie sich christlich-orthodox geben.

Der Vatermord: das Christentum vergisst seine Wurzeln

…und wendet sich aktiv gegen seine kulturellen Vorfahren. Die Verfolgung Andersgläubiger und insbesondere der Jüdinnen und Juden – ob nun auf die russische, die byzantinische oder die spanische Art – bleibt wie die Taufe und das Abendmal fester Bestandteil des west- und osteuropäischen Christentums. Vielen Christen ist es buchstäblich nicht bewusst, dass Christentum selbst ursprünglich eine Variation des Judentums ist, während es in der christlichen Tradition viele Tools gibt, mit denen man Juden theologisch abwertet.

Kyrill von Alexandria zettelte im 5. Jahrhundert die ersten Pogrome gegen die Juden an, – sein Hass galt auch “den Heiden”: er tat sich als Theologe hervor und gilt als Heiliger. Calvin, der Kritiker und Rivalen verbrennen ließ. Die Funktionäre der spanischen Inquisition waren ganz in Sorge um das Seelenheil der Frauen, Juden oder der angeblichen Ketzer, die sie quälten und hinrichten ließen. Bismarck sah sich als Protestant. Calvin hat einerseits seine subjektiv-negativen Eindrücke gegenüber den Juden, denen er begegnet. Vor allem aber diffamiert er das Judentum, um theologische Konflikte innerhalb der christlichen Lehre aufzulösen. Konflikte, die sich überhaupt nur aus der christlichen Literatur ergeben, wenn man sie wörtlich und mit kaum historischem Kontext liest – sonst könnte man ja einfach zugeben, dass man die Überlieferung eben nicht versteht und dass es keine zwingenden Gründe gibt, der eigenen Auslegung oder gar der Religion als Ganzes zu folgen.

Zwischen Neutralität, Mitschuld und Widerstand

Einzelne Christen und christliche Institutionen rufen zur Besinnung auf, wenn kolonialistische Gewalt alle Rahmen des Erträglichen sprengt, wie im Falle des deutschen Genozids an den Herero, – doch eben nicht alle. Im dritten Weltreich gibt es dann aktiven Widerstand von einigen Christen, die für ihren Pazifismus hingerichtet werden.

Das Gebot der Trennung von Staat und Kirche erlaubt es, sich je nach individueller Präferenz und sozialem Kontext als apolitisch zu positionieren oder gar beides zu sein: ein barmherziger Christ im Privaten, während man als Beamter andere Funktionen erfüllt. Andererseits erlaubt die christliche Tradition die Herausbildung des Rassismus als einer gesellschaftlich breit akzeptierten Ideologie; trotz seiner Stellung erlaubt das Christentum Kolonialisierung, die kolonialen Genozide und später die Shoah – denn das ursprüngliche christliche Wertesystem “liefert” kein Kriegsrecht und kein politisches Recht.

Islam

Koran entsteht in einem dynamischen Umfeld. 

In Krisenphasen der etablierten Sozialordnung – und den Entstehungsphasen neuer Gemeinschaften – spielt das charismatische Sprechen eine größere Rolle: in den ersten Jahren des Islam war es das buchstäbliche Sprechen und weitererzählen was heute die sozialen Netzwerke wären. Wer in diesen Zeiten führt, muss glaubwürdig sein, verständlich, an bestehende kulturelle Normen anknüpfen, Orientierung bieten – aber auch neue Impulse setzen und Lösungen anbieten.

Im 4. Jahrhundert wechselt das Reich Himyar –  ein altsüdarabisches Königreich im heutigen Jemen – allmählich zum Monotheismus, 380 konvertiert das Reich zum Judentum

Bald zerfällt es. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts haben in Medina jüdische und polytheistische Stämme die Macht inne. Auch Christen leben hier. Es besteht wahrscheinlich keine Einigkeit im Hinblick auf Theologie, Ethik und Recht. Allianzen und Hierarchien sind hier von überlebenswichtiger Bedeutung.

Mohammed wirbt mit emanzipatorischen Ideen

Gerade in der Entstehungsphase seiner religiös-politischen Bewegung galt es, moralisch glaubwürdig aufzutreten. Mohammed etablierte zunächst eine Reihe von Regeln, die gegenüber teils herrschenden Sitten vielleicht eine deutliche Verbesserung darstellen: das Gebot, Sklaven freizulassen, die Verbesserung der rechtlichen Lage und der wirtschaftlichen Absicherung von Frauen, das Verbot einer unverhältnismäßigen Rache, das Verbot, weibliche Babys zu töten, das Gebot, die Armen, die Waisen und die Gefangenen zu versorgen, das Verbot von Zwangsbekehrungen und die nachdrückliche Ermutigung, Sklaven freizulassen. Koran sieht keine Todesstrafe für Ehebruch vor und macht es im Vergleich schwieriger, Frauen zu verurteilen (Sure 24, Verse 24:2-9). Andererseits sind das alles Themen, die wir aus dem jüdischen und zuvor dem mesopotamischen Recht kennen: entsprechend kommt es eben nicht zur vollen Gleichstellung der Frauen, zum Verbot der Sklaverei, zur Entkriminalisierung der Homosexualität und zur vollen sexuellen Emanzipation der Frauen. Die aus der männlichen Perspektive sexuell “leicht verfügbaren” Frauen sind weiterhin schlechter gestellt.

…doch das Umfeld wehrt sich

Das Problem ist, dass Mohammeds monotheistisches Programm die Existenzgrundlage der Bevölkerung in Mekka gefährdet. Er und seine Gefolgsleute werden verfolgt, geraten in Konflikte und passen sich an. 622 übersiedeln sie nach Medina. Hier besteht ein Interesse am politischen Potential seiner Ausrichtung des Monotheismus, denn auch Medina ist von Konflikten zerrissen.

In diesem Kontext stellt der Koran die Weichen für das Kriegsrecht (Sure Al-Mumtahanah, Sure At-Tauba, Sure Al-Hajj) und das Institut der Dhimma. Dhimma sind andersgläubige “Schutzbefohlene”. Es bedeutet, dass Juden bestimmte rechtliche Garantien hatten und nicht getötet werden durften, – faktisch aber wurde vorausgesetzt, dass sie eine höhere Steuer zahlten, nicht des Tötens eines Muslims verdächtigt wurden, Muslimen jeder Zeit Vorrang ließen und eine Reihe weiterer diskriminierender Regeln befolgten.

Doch es gibt auch (noch) weniger nette Beispiele für das Austragen politischer Konflikte, als die ökonomische Diskriminierung: die Geschichte des jüdischen Stamms der Quraiza. Der Stamm ist mit dem Mohammeds verbündet, wird aber nach einem mutmaßlichen (oder unterstellten) Verrat angegriffen und – trotz dem, dass sie sich ergeben – massakriert und in Sklaverei verkauft (627).

Mohammeds unerwarteter Tod (632) trat in einer konfliktreichen Periode ein. Islam war gerade auf Expansionskurs, und wie so oft in der Geschichte unserer Spezies haben sich die weniger friedliebenden Stimmen unter seinen Nachfolgern durchgesetzt. Sufismus, als eine nicht politische, universalistische Strömung, kann sich trotz ihrer theologischen Herzleistung aus dem Koran nicht so durchsetzen, wie die Hauptströmungen des Islam.

…der Tod kommt unerwartet

Der Tod des Anführers bringt zwei Herausforderungen mit sich: ein Machtvakuum, da er keinen Nachfolger bestimmt hat, und die Notwendigkeit, das religiöse Gesetz zu kodifizieren, weil das charismatische Sprechen als verfügbare Quelle der Urteilsfähigkeit mit einem Mal versiegt. Die mündlich überlieferten Verse des Korans müssen jetzt kodifiziert werden. Ergänzend entstehen die Hadithe, die kulturelle Praktiken zu Lebzeiten des Anführers dokumentieren.

So wird Islam zu einem expansionistischen politischen Wertesystem, das Kriegsrecht wird weiter ausgebaut.

Die besondere Stellung monotheistischer Religionen ergibt sich aus dem historischen Kontext. Die meisten Menschen haben ein gewisses psychologisches Bedürfnis nach Kohärenz, Brüche bedürfen einer Erklärung. Das Judentum überlebt, wenn auch mehr schlecht als recht, während die unabhängigen “heidnischen” Riten weitgehend ausgerottet werden. Zudem müssen Imperien immer bis zu einem gewissen Grad mit der kulturellen und religiösen Diversität ihrer Untertanen arrangieren und bieten sogar einen Rahmen für kulturellen und intellektuellen Austausch. Mit Imperialismus gehen natürlich blutige Konflikte einher, Episoden der kulturellen Zwangsintegration, der Ausgrenzung, Vertreibungen, Wirtschaftlicher Ausbeutung, Rassismus (basierend auf der Hautfarbe) und legaler Diskriminierung. Und immer besteht auch die Möglichkeit von Gewaltexzessen. Islam als politisches und expansionistisches religiöses System ist auf dem besten Weg, ein religiöses Imperium zu werden, ist aber phasenweise tolerant, wie in Andalusien, als jüdische Gelehrte sogar zeitweise gleichgestellt waren, kulturell und ökonomisch partizipiert haben.

In keiner Religion oder Region bestimmt der Text an sich die Geschicke der Menschen – immer ist es die Tradition, die Auslegung, immer auch die sekundären Texte, die einzelnen Schulen, die Kultur und Sprache der Menschen, an die der Text sich richtet, die ökonomischen Bedürfnisse, das Interesse der Machthaber, die Durchsetzungsfähigkeit derjenigen, die das Schwert führen. 

Historisch betrachtet bietet der Koran also Argumente für eine fortschrittliche Ethik und persönliche Spiritualität. Wörtlich genommen, auch für religiösen Fundamentalismus und politischen Expansionismus, aber unterworfen gewissen Regeln, die aber erst durch theologische Forschung erschlossen werden müssen. 

Im 20. Jahrhundert befeuern die westlichen politischen Doktrinen sein expansionistisches Potential: Pan-Arabismus als eine nationalistische Bewegung nimmt dieses Erbe an und erklärt Israel den Krieg. Und Islamismus gleich einem ganzen Erdteil, nämlich dem Westen. Logischerweise sind Gemeinschaften wie Berber oder Kurden, die selbst Leidtragende des arabischen Expansionismus waren oder sind, Israel gegenüber viel aufgeschlossener.

Christlicher und Islamischer Imperialismus

Faktisch litten unzählige indigene Völker im Laufe der Geschichte sowohl durch die Hand islamischer Machtträger als auch durch die der christlichen. Das Maß an Grausamkeit, das Kolonialisten an den Tag legten, verletzt die christliche Ethik; das Maß an Grausamkeit, das die Islamisten wie die Hamas und der IS gegenüber den Jesid*innen, Jud*Innen usw. an den Tag legen verletzt das islamische Recht, wenn man seine Gebote und seine Geschichte als Ganzes betrachtet.

Ohne historische Exegese ist Religion immer antiliberal. Sie begründet mit göttlicher Offenbarung die Lösungsansätze für Probleme, die es gestern gab. Diese Lösungsansätze werden aber heutigen Problemen übergestülpt und versperren den Blick auf andere, im Hier und Jetzt wirksame Lösungen.

Es gibt objektiv keine Trennung zwischen der “richtigen” und der “falschen” Auslegung einer Religion. Menschen, die an Monotheismus glauben, müssen aber das Gegenteil annehmen, weil in monotheistischen Religionen Glaube mindestens auch ein verbindliches Wertesystem war – es war nun mal seine Funktion, das Wertesystem mithilfe des Glaubens glaubwürdig und verbindlich zu machen.

Der Standpunkt des individuellen Bekenntnisses – “so, wie die Religion hier gelebt wird, finde ich das falsch oder widersprüchlich”  – ist existenziell-relevant für die Gläubigen, die ihr Verhältnis zu Institutionen oder anderen Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft suchen. Wichtiger als das Idealbild, das einige Gläubige haben, ist, welche Normen tatsächlich verbreitet sind, welche sozialen Strukturen bestehen, wo Traditionen auseinander gehen oder aktiv abgrenzen. Wenn sich alle Christen 2024 spontan entscheiden würden, nur noch Kohlsalat zu essen und Weihnachtswichtel anzubeten, dann wäre genau das der Inhalt der christlichen Religion nach der Zäsur 2024.

 

Trotz der Unterschiede haben haben sich Islam und das Christentum eine Zeit lang ähnlich entwickelt: beide Religionen dienten über Jahrhunderte als pseudo-ethische Rechtfertigung und kultureller Träger des Imperialismus und der Kolonialisierung. Auf ihrem Siegeszug bekriegten sie sich gegenseitig. In vielen Religionen erfüllt Islam auch heute noch vergleichbare Funktion.

Religiöser Fundamentalismus

Das Judentum ist eine Art faktischer Beweis von der Historizität der beiden monotheistischen Religionen – und Fundamentalismus verträgt sich überhaupt nicht mit einer historischen Sicht auf die eigene Lehre. Für Machthaber ist es oft opportun, die Religion strikt auszulegen, anstatt die Historizität von Glauben anzuerkennen. Es käme andernfalls zu Diskursen. Mit einem Diskurs über die Fundamente des Wertesystems riskiert man immer auch politische Konflikte mit ungewissem Ausgang für die eigene gesellschaftliche Stellung.

Wirklich verheerend ist die Kopplung des gesellschaftlichen Wertesystems, des Rechts, der politischen Macht und religiösem Fundamentalismus: denn wer hier überholte moralische Dogmen oder rassistische Gewissheiten in Frage stellt, gerät in einen Konflikt mit der Community. Gesellschaftliche Ächtung endet schnell mal tödlich, wenn die Regierung einen militanten “Moralkodex” befürwortet. Umgekehrt ist es leichter, ideologisch überzeugte Gläubige für quasi-religiöse, eigentlich machtpolitische Kämpfe zu begeistern, wenn doch der Glaube das Fundament der politischen Macht und des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist.

Es ist ein Spektrum

Religion ist, was wir angesichts unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Bedürfnisse, unserer intellektuellen Möglichkeiten und unseres Empathievermögens daraus machen.

Nicht jeder religiöse Fundamentalismus ist automatisch auch frauenfeindlich, antisemitsch, politisch, expansionistisch und militant. Wir sind Sieben Milliarden – davon 30% Christen, 24% Muslime und 0.2% Juden – und es gibt es entsprechend in den beiden größten Gruppen eine schier unglaubliche Vielfalt von religiösen Gemeinschaften und jede erdenkliche Kombination von Merkmalen – auch arabische Muslim*innen, die mit Israel solidarisch sind, muslimische Friedensaktivist*innen oder die Minderheit der ultraorthodoxen jüdischen Antizionist*innen und rechtsradikalen jüdischen Siedler*innen.

Im Laufe der Geschiche aber hatten das Christentum und der Islam nun mal kulturelle oder politische Hegemonie – das Judentum aber nicht. 

Immer wieder befruchteten sich der historische Antisemitismus der religiösen Traditionen, der Alltagsantisemitismus und der politische Antisemitsmus gegenseitig.

Dann, 1945, liegt Europa in Schutt und Asche, – verwüstet im Wahn post-christlicher nationalistischer Ideologien. Aus den Ruinen wird die neue internationale Ordnung hervorgehen, erdacht, um politische Konflikte und Kriege in Schach zu halten, da persönliches, ethisches und religiöses Empfinden es nicht vermochte.

Doch einige Jahre zuvor schon – bevor also der post-christliche, faschistische Antisemitismus als politische Hegemonialideologie mit Krach untergeht – befruchtet er noch den Pan-Arabismus, der, wie jede nationalistische Bewegung, hochgradig empänglich ist für rassistischen Hass, wo immer er politische oder ideelle Konkurrenz wittert.

Heute gehen überall auf der Welt die kulturellen Erben der Christen und Muslime online und auf den Straßen in die Öffentlichkeit, um unter dem Vorwand des Antiimperialismus gegen Israelis zu protestieren – gegen eine winzige Nation, die in den letzten 2000 Jahren als einzige eben keinen Imperialismus betrieben hat. Aber nicht, weil alle Jud*innen – samt Theodor Herzl – immer die besseren Menschen gewesen seien – sondern weil es sich historisch und kulturell einfach anders entwickelt hat. Der Zynismus der anti-israelischen Proteste ist offensichtlich – bei aller notwendigen Kritik des jüdischen Nationalismus heute und im letzten Jahrhundert.

 

Kritik oder Berichtigungen? Ich freue mich, schreib doch ein Kommentar oder eine Email an seele.auf.wand@gmail.com

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/seelegegenwand/religion-politik-imperialismus/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert