vonDetlef Berentzen 10.09.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Einfach nur gelacht hat er: „Mach Dir meine Erinnerungen selber. Aber so, daß die Funken sprühen“, warf noch ein paar letzte Fakten auf den Tisch und mußte dann schon wieder weiter. Also erfand ich mir meinen Schlund. Auch. Schließlich erfuhr man zu seinen Lebzeiten längst nicht alles von ihm. Und spürt doch heute noch, was ihn bewegte. Schließlich sind da seine Bilder, die Zeichnungen, die Bücher, die Materialien, die Notizen.. Die erzählen. Von einem Leben, in dem einer suchte und auch fand. Auch Farben. Und war so vielen Hilfe, Ansporn, Inspiration, ein guter Freund – ein alter Meister irgendwie. Einer, den ich nicht vergessen kann. Der mir fehlt. Jeden Tag.

 

 

„Wir sollten nicht dasitzen und nur über das Elend reden. Lass uns was tun!“ Da hatte er schon wieder eine Werkstatt aufgemacht. Eine gegen die bleierne Zeit der Republik des schwarzen Kohl. Keine Malwerkstatt, kein Atelier, sondern eine „Werkstatt für Kreative Pädagogik“. Die musste ja kommen. So ein Schlund führt ohnehin ein Leben wie im Labor. Versucht ständig Neues. Sieht das Alte, erträgt es nicht, will es ändern, sucht, findet, experimentiert, konzipiert, zieht andere mit. Verwirft auch, bestaunt seine Irrtümer, was soll’s? Weiter!
Das Leben will gestaltet werden, nicht bejammert!

Und sie kommen zu seinen Fortbildungen, all die LehrerInnen. Nicht etwa der alte Studienrat Graeser, dieser Nachkriegszyniker, auch nicht der olle Nazi-Lemke, nein, keiner von den alten Prügelpädagogen, keine Rühmann-Pauker, die sind alle längst tot oder abgetreten, ganz andere kommen: Neugierige Junglehrer. Auch Studenten aus den Seminaren, die Schlund mittlerweile veranstaltet. Spricht dort über Ästhetik, über Kommunikation, über alles Lebendige, was das Lernen braucht. Und die Reformer kommen gern zu ihm. Erst recht in dieses Haus.

 

Eine Villa, immer noch in Westfalen, wie eine vom alten Oetker, die hat er da zur Verfügung, mit vielen Räumen, weitläufigem Garten, ein Park fast, ohne Pferde, aber mit mächtigen Bäumen. Große alte Lindenbäume, die schon viel gesehen haben, aber das noch nicht:
Stellen doch tatsächlich die Lehrer, die Studenten, auch der Schlund, einen kleinen Bauch hat er jetzt schon, am späten Nachmittag lange Leitern an ihre Stämme und hängen Schuberts ehrwürdigen Linden, verdammt alt können die werden, gut verschnürte Fernseher in die Äste: TV goes Nature.
Doch erst spät am Abend werden die Glotzen eingeschaltet, der Schwaben-Metzger erscheint dem hochverehrten Publikum: „German Television proudly presents“, in den offenen Fenstern der Villa wummern die Boxen – Mother’s finest, Costello, Brian Adams alle sind da und rocken gegen das Iron Age.

Schlunds Feten nach Werkstattschluß waren eben besonders.
„Du bist doch verrückt. Irgendwie.“, kichert ein junger Student, der neben ihm steht und gerade sein green grass of home in einer mächtigen Tüte verstaut. Zündet sich das Ding an, Inhale Baby!, tief, ganz tief und zehn bekiffte Engel ziehen vorbei– Best days of my life, Mann!

 

Um die Beiden herum tanzt die tagsüber fortgebildete Pädagogentruppe im Freestyle und Schlund schnappt sich den speckigen Lederbeutel des Jungen mit dem grünen Gras, läßt sich ein Blättchen geben, dreht, dreht, dreht, alles Knitter, braucht noch ein Blättchen, grient, zieht dabei den Mund ein wenig schief: „Erst mußt Du dich verrücken, dann fängt’s an!“
Noch ein Blättchen, Alter, das wird einfach nichts: „Mir geht’s doch nur darum, Euch komplett verrückt zu machen.“
Der Student hat schließlich keine Blättchen mehr und versucht zu verstehen, „Bist so’ne Art Guru, oder was?“
Schlund gibt auf, packt das Gras in sein schwarzes Pfeifchen, lehnt sich an die nächstbeste Linde, summt irgendwas von Marley, schwebt ein wenig und weiß nur das Eine: „Ich bin Schlund. Und das ist alles.“

Zieht noch einmal an dem Pfeifchen, hält die Luft an, füllt die Lungen, prustet plötzlich los, schlägt sich auf die Schenkel und lacht. Sieht sie alle noch einmal vor sich in seinem bekifften Kopf, spürt ihre Verblüffung, ihre Unsicherheit, auch noch einmal die Kälte des mächtigen Kellerraums, in den er sie am Nachmittag geführt hat.
Eine Installation.
Ein Experiment am lebenden Subjekt.
Ranzige Wände, Putzberieselung, Löschkalk über den nackten Betonboden verteilt. Schwarze Schultafeln, nackte Glühbirnen aufgehängt, alte Schulbänke aufgestellt. Davor eine massive Eisentür, dunkle Rostflecken, die Tür öffnet sich schwer, Schlund stemmt sie fast auf, stöhnt, „Nur hinein!“, zögernd schlurfen die Kandidaten in das Gestern, „Nun macht schon!“, dann sind sie alle drin und der Schlund schließt die Tür.
„Setzt Euch!“
Dann kein Wort mehr.
Nur ein Räuspern.
„Keinen Mucks will ich von Euch hören!“

 

Und erzählt. Kinder mußten, damals war’s oder war’s noch gestern?, in der Schule immer still und gerade sitzen, Haltung bewahren, folgsam sein, Schmerz ertragen und wurden nicht mehr frei ihr ganzes Leben lang: Artigkeit sei meine Freude!, Beuge den Nacken! und immer die Ruthe hinter’s Kruzifix stecken und sie küssen! – wenn das Kind seine Verfehlungen gestanden hat, kniet es untert(h)änigst vor dem Vater nieder, kann auch mal die Mutter gewesen sein, dann spitzt das Kind die Lippen, beugt den Kopf ein wenig vor und küsst die Ruthe. Eines der vielen Werkzeuge der Pädagogik.
Schlund steht wieder auf, klopft sich den Staub von der zerschlissenen Breitcordhose.
„Ihr wollt wissen, was das hier ist?“
Schweigen.
Eine Glühbirne flackert, was allerdings nicht vorgesehen war.
„Das hier ist der Vergessene Pädagogische Raum!“
Verkündet’s und hockt sich dann zu den anderen, nicht ohne vorher, mit einiger Mühe, Verdammtes Scheißding!, die Kellertür zu öffnen, „Dumpf und stickig ist es hier!“ – Schlunds Werkstattseminare waren eben immer etwas Besonderes.

Ganz zum Schluß, nach Mitternacht, wenn all der erkenntnisfördernde Schreck im Park abgetanzt ist, die Boxen ohne jeden Laut, das finale Testbild auf den Bildschirmen, wenn alle gemeinsam im feuchten Gras lagern und ein früher Vogel singt: Oh, what a night!, dann sehe ich ihn wieder vor mir, den Schlund, wie er aufsteht, in die Villa geht und zwei Eimer Farbe retour schleppt: „Los, kommt!“
Und dann zieht die ganze kreative Pädagogenbande nächtens gemeinsam los, durch das hintere Gartentor, quer durch ein Kornfeld, hinterlässt eine breit getrampelte Spur, und zieht weiter zum Rand des nahegelegenen Steinbruchs.
„Schaut nur!“
Große, kleine Quader, Kuben, Brocken liegen dort unten brüderlich und schwesterlich in der Morgendämmerung. Massiv, widerständig und doch wird man sie als Einzelne zertrümmern. Demnächst schon. Wenn die Frühschicht kommt.
„Und nun?“
Der Schlund hat die beiden Eimer abgestellt, jetzt greift er sich einen, nimmt den Deckel ab, steckt den Zeigefinger hinein, hält ihn hoch, ganz hoch und zeigt das tropfende Rot all den Inspirierten.
Nacheinander schleudert er beide Eimer in die Tiefe des Bruchs und lässt all die Steine erröten. Die Erde wird rot, brummt er. Lebendrot oder totrot.

 

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https://blogs.taz.de/spurensuche/2018/09/10/schlund-7/

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