vonDetlef Berentzen 22.11.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Immer habe ich einen Anfang gesucht.  Hier ist er: Du hast heute Geburtstag! Wo immer du auch bist.

Erinnerst Du dich noch? Da gibt es dieses Knipserfoto von einer deiner Geburtstagsfeiern, das habe ich gerade rausgekramt, da sitzt du mal wieder am Klavier, die übliche Zigarette zwischen den Fingern, ich ganz nah bei dir und traktiere die Tasten. Damals war das, als wir im Nachkrieg noch alle zusammen wohnten, die ganze große Familie, bei Opa Hermann und Oma Hilde. Ich bin noch ziemlich klein und du trägst deine Haare gescheitelt – oft habe ich dir dabei zugeschaut, wie du den Kamm nass gemacht und dir vor dem Spiegel den messerscharfen Scheitel gezogen hast. Und dann Brisk ins Haar, jede Menge Brisk.

Damals konnte ich noch nicht wissen, wie fremd wir uns später in all dem Afterwar sein würden, wieviel Angst, Kälte, Hass, Gewalt und Trennung zwischen Vater und Sohn möglich sind! Und doch war da auch Liebe, ist da immer noch Liebe, eine zarte, damals viel zu oft verborgene Liebe, die ich dir heute – lange nach Deinem Tod, an deinem Geburtstag – mit diesem Brief nachtragen will. Ein wenig spät vielleicht, aber es ist Zeit. Alles hat seine Zeit.

 

Ich glaube, diese Liebe zu Dir hat auch etwas mit unseren Sonntagmorgen zu tun. Da schien uns die Sonne. Zumindest leuchtete irgendetwas und war besonders. Da bist du morgens immer lange im Bett geblieben, und ich bin schon beim ersten Licht aus meinem Kinderbett gestiegen und zu dir unter die Decke gekrochen. Wir haben nach dem Aufwachen getobt, waren laut, haben gelacht. Mutter aber wollte, daß wir still sind: „Denkt doch an die Nachbarn!“, rief sie, weißt du noch? Aber wir immer weiter, Kissenschlacht, du ein Kind, ich ein Kind und Mutter hat kapituliert, ihr Bettzeug genommen, ist rauchend ab auf die Couch ins Wohnzimmer. Bestimmt war sie noch ein ganze Weile sauer: „Verfluchtes Vaterkind!“ Das habe ich oft von ihr gehört. Heute habe ich längst begriffen, wie ernst ihr Fluch gemeint war.

Wir aber balgten, erzählten uns Geschichten, hatten Kontakt – welch ein Glück: Ich in Deinem Arm. An dich gekuschelt. Da war es auch egal, ob du in der Nacht zuvor am Fenster zum Hof gestanden bist und wie so oft geschrieen hast, daß du gleich stirbst, daß du keine Luft mehr bekommst, daß dein Herz rast, wohin auch immer, wahrscheinlich zurück: Richtung Leningrad.

Von all den Hilferufen bin ich jedes Mal wach geworden, auf nackten Füßen zu dir gerannt und habe geschrieen: „Nicht sterben, Vati!“, habe dich von hinten festgehalten, ganz fest und dabei geflennt. Irgendwann brachte Mutter Dir dann eine Portion Schlaf- und Beruhigungstabletten, und du hast dich wieder ins Bett gelegt – mit großen Augen und ganz klein im Gesicht lagst du jedes Mal da, Schweiß auf der Stirn. „Geh‘ wieder schlafen“, sagte Mutter dann immer zu mir und schaute besorgt, aber auch mit Abscheu auf ihren haltlosen Mann, auf Dich. Weißt du noch? Weit mehr als 60 Jahre ist das her……

 

Und heute hast Du Geburtstag. Wieder mal. Früher habe ich dir oft irgendeine Kleinigkeit geschenkt. Irgendetwas gebastelt, später auch geschrieben. Dann gab es lange Sendepausen, zornige, wütende, auch voller Trauer. Von denen wird noch die Rede sein. Egal, heute lasse ich für dich schreiben. Denn seit vielen Jahren geht für mich dieser 22. November noch mit einem anderen Namen zusammen: Erich Fried. Den kennst du nicht, denke ich, noch nicht, deshalb lege ich ein Foto (s.o.) bei: der alte Dichter (ich weiß, mit Gedichten hattest Du’s bislang nicht so) ist heute genau vor dreißig Jahren  (!) gestorben. Also bringe ich euch mal zusammen,  schreibe Dir ein Gedicht von Erich Fried auf, eines von denen (und es sind viele), die gültig geblieben sind. Zeilen für alle, die gegangen sind. Und auch für die, die noch gehen werden.

 

Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit doch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könnte warm sein

Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von der Liebe
damit doch einige sagen
Das gab es
das muss es geben

Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:
Was war das
Wann kommt es wieder?

(E.F.)

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