vonDetlef Berentzen 06.06.2019

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Du warst noch nicht mal ein Jahr tot, da habe ich diesen Film gesehen, den „Private Ryan“ von Spielberg: „D-Day“ und überhaupt. Ich musste da rein. Habe dich heimlich mitgenommen. Gleich die ersten Szenen des Films haben mich in den Kinosessel gedrückt, mir den Atem genommen. Ich habe geheult. Die Landung der Amis, die Schüsse, die Schreie, das Blut, die Verzweiflung, die Angst, das Krepieren, die Opfer. All das war auch in Deinem deutschen Kopf, in deinem kaputten Herzen. Der Krieg, in den dich die Nazis als siebzehnjährigen Sanitäter schickten, hat dich des Nachts zucken und schreien lassen, dir immer wieder den Atem genommen. Bist fast an Deinem Schweigen erstickt, hast lange Zeit nicht zurück ins Leben gefunden. Und die Amis und ihre Verbündeten  krepierten da beim Versuch, dich zu befreien. Auch mich. Später haben sie mir Kaugummis geschenkt.

Mein Vater schaut mich an, schlägt die Augen nieder, rückt seine Krawatte zurecht und lächelt schief. Dann murmelt er, daß es ihm leid tut, weil es mit uns nicht geklappt hat und alle Felder vermint. Ich konnte doch nicht, stöhnt er, ich wußte doch nicht. Wie sollte er? Und wie sollte ich? Wir haben uns auf den Minenfelder des Nachkriegs oft genug verloren, haben uns Jahre lang nur aus kalter Distanz gegrüßt, um danach in den Grabkammern unserer Sehnsüchte die Wunden zu lecken. „Wo warst Du, Vater? Es tat so weh!“, ruft das Kind an meiner Hand, „ich konnte dich nicht finden und habe dich Nacht für Nacht gesucht, wenn das Dunkel auf meiner Brust saß und jeden Schrei erstickte. Wo, zum Teufel, warst Du?“

Irgendwo an der Front Deiner Albträume warst Du, immer noch schwerverletzt von den Schreien der Verwundeten und dem Elend der Toten, brüllend vor Angst und verstummt ob all des Grauens – nie verließen dich all die blutgetränkten Bilder und warst doch hier und jetzt , im After-War, immer atemlos, mit wehem Herzen und ständig auf der Flucht. Deine Toten ließen dich nicht zu mir und mein Sehnen verbrannte zu grauer Asche, die ich in die Taschen meiner kurzen Lederhosen stopfte und dabei versuchte, tapfer zu sein – ein deutscher Junge, der es täglich in die Fresse bekam, Zuflucht bei der Großmutter fand und am liebsten „Draußen vor der Tür“ zwischen Buchdeckeln lebte.

So wurde ich groß, irgendwie, hörte niemals auf zu suchen, nach Nähe und Antworten, und immer noch schreit meine Haut, wenn Völkische, Nazis und Popoisten nur hörbar werden. Ich kenne da keine Gelassenheit. Und bin es auch denen vom Omaha-Beach schuldig. Ja, du bist schon lange tot, Vater, und ich suche immer noch. Und manchmal finde ich dich. Wie gerade eben. Höre, wie Du Du murmelst, daß es Dir leid tut und überhaupt: Komm, nimm mich nur noch einmal in den Arm! Und ich halte dich. Mit Deinem schiefen Lächeln, deinem alkoholgetränkten Atem, den Granatsplittern unter der Haut und bin dein Sohn. War es selten genug.

 

Omaha Beach (Private Ryan)

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kommentare

  • Heute ist der 8. Todestag meines Vaters – dessen Schicksal dem Deines Vaters gleichen
    dürfte: Jahrgang 1922…auch er war zu jung und leider gegen den Willen seines Vaters, aber wegen der damaligen Umwelt mit dabei. Er war viel zu überfordert, um die Erlebnisse im Krieg zu verarbeiten.

    Ich kenne die Schreie usw. Das haben wir als Kinder erlebt. Auch die Schläge, weil man es nicht anders kannte, mit Problemen fertig zu werden.
    Das verzeihe ich ganz langsam, vielleicht zu langsam…

    Trotzdem bin ich dankbar: Wir wuchsen ohne Krieg auf – bis heute.

    Soll so bleiben, wir arbeiten dran, oder?

    MoJo

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