vonMesut Bayraktar 23.01.2019

Stil-Bruch

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„Hach, ich hoffe, ich werde die nächsten zwei Stunden meine Schmerzen vergessen“, seufzt eine silberumkränzte Dame dem Theaterpersonal entgegen, während sie gleichsam ihren braunen Pelzmantel über die Theke schiebt und anschließend ihre glanzvolle Halskette auf dem Dekolleté richtet. Der junge Mann hinter der Theke, sein Anzug mit seiner Körperhaltung lässt ihn als Pinguin erscheinen, stammelt: „Äh, ja sicher, viel Vergnügen.“ Da hatte die silberumkränzte Dame sich schon umgewendet und eine andere, etwas stämmigere trat vor und legte ihren roten Pelzmantel auf die Theke, mit dem der junge Mann nun beschäftigt war. „Bitte in einen Kleiderbügel, denn der Mantel – na, Sie wissen ja schon!“, und der junge Mann beugte reflexartig den Kopf und stand mit einem Kleiderbügel zu Diensten.

Dieses Vorspiel zu einer Theateraufführung, die ich kürzlich besucht habe, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich beobachtete, wie die schmerzerfüllte Dame anschließend ihren Rosé schlürfte und mit anderen Silberkränzen in teuren Kleidern und feinen Anzügen tuschelte und grunzte.
Der Theaterabend war schlecht und ich habe ihn als das verbucht, womit ich immer schlechte Theaterabende verbuche: als Lernmaterial. Vielleicht aber kam die schmerzerfüllte Dame auf ihre Kosten. Das Vorspiel, das sie inszeniert hat, blieb mir noch im Gedächtnis: „Hach, ich hoffe, ich werde die nächsten zwei Stunden meine Schmerzen vergessen.“ Auf dieses Oberflächenphänomen möchte ich eingehen, weil in ihm mehr steckt, als man vermuten könnte.

Kunst ist Macht

Wovon sprach sie eigentlich, die Wohlstandsbürgerliche – wo doch ihresgleichen die Mehrheit jeder Premierenaufführung bildet und damit die Interpretationshoheit über die Spielpläne hat, um folgende Spielpläne nach ihrem Bürgergeschmack zu bestimmen? Vom Vergessen, wie sie sagt. Sie will Schmerzen, wie auch immer sie gestaltet sind, verdrängen und neutralisieren. Sie will Wirklichkeit nicht verstehen, sondern vernichten. Es hat mich zunächst überrascht, dass man dafür das Theater aufsucht. Am Hauptbahnhof hätte sie für wenig Geld Drogen kaufen können, die ihren Wunsch effektiver erfüllt hätten, gestrecktes Haschisch beispielsweise. Das hätte wohl nicht zu ihrem Stil, ihrem Klassenhabitus, ihrem Pelzmantel gepasst – also dann doch das Theater. Aber Warum?
Nach kurzem Überlegen leuchtete mir der Grund ein. Was sie begehrt hat, ist das, was die älteste Theatertheorie »Katharsis« nennt. »Katharsis« bedeutet Reinigung, genauer: seelische Reinigung. Sie meint, dass der Zuschauer im Schein der Kunst die negativen Affekte, die er im Sein der Welt ansammelt, verliert. Er wird in den Stand gesetzt, die Welt wieder ertragen zu können, indem der Zuschauer das, was seine Begierde verlangt, im Schein der Kunst durchlebt und ertränkt. Schon Hegel sagte explizit, dass die Kunst imstande ist, den Menschen dazu zu bringen, ihren Schein als Wirklichkeit zu fassen, ja, Schein und Sein zu verwechseln. Kunst ist Macht.

Die Putzfrau und ein sadistischer Teamleiter

Nehmen wir ein Beispiel. Eine Putzfrau ist auf ihren Teamleiter wütend, weil er ihre Arbeit aus uneinsichtigen Gründen beanstandet. Die Geschäftsführung ist mit den Zahlen nicht zufrieden. Diese Unzufriedenheit, vermittelt über den sadistischen Teamleiter, kriegt die Putzfrau zu spüren. Das nennt man ökonomische Machtausübung. Statt diese Wut beim sadistischen Teamleiter oder gar bei der Geschäftsführung auszulassen, zu entladen und zum Ausdruck kommen zu lassen, schweigt sie. Vielleicht hat sie Angst, den Job zu verlieren, vielleicht hat sie ein Kind zu ernähren – heute hat jeder seine ernstzunehmenden Sorgen. Folglich drückt sie die Wut in ihre Eingeweide. Sie rationalisiert ihren Affekt, der dabei nicht verschwindet, sondern sich im Bauch aufspeichert.

Nehmen wir die starke Hypothese an, der bloße Zufall würde diese Putzfrau eines Tages in ein Theater schubsen, wo sie eine Aufführung – inszeniert nach einer gewissen Technik – über Putzfrauen und sadistische Teamleiter sieht. In der Aufführung sieht die wirkliche Putzfrau dann die künstliche Wut einer künstlichen Putzfrau, die sie bei ihrem künstlichen, sadistischen Teamleiter auf der Theaterbühne entlädt. Sie schreit, sie protestiert, wirft ihren Mob auf den Boden, spricht von Würde usw. Die Wut der wirklichen Putzfrau würde dann dadurch entladen werden, indem sie beim Betrachten der künstlichen Putzfrau das durchlebt, was sie im Wirklichen nicht lebt. Sie vergisst sich selbst im Betrachten eines illusorischen Selbst, das nicht ihrs ist. In der Tat liegt der Unterschied nun gerade darin, dass die künstliche Putzfrau ihre künstliche Wut beim künstlichen Teamleiter auslässt – die wirkliche Putzfrau aber ihre wirkliche Wut nicht beim wirklichen Teamleiter zum Ausdruck kommen lässt. Die künstliche Putzfrau tut das, was der Affekt der wirklichen Putzfrau zu tun verlangt. Nun der Hokuspokus! Das »kathartische« Moment ist dabei die Mystik einer bestimmten Theatertechnik, die im Moment einer ästhetischen Selbstdurchstreichung Ungleiches gleich macht: Beide, die künstliche Putzfrau und die wirkliche Putzfrau, haben zum Schluss keine Wut mehr gegen einen sadistischen Teamleiter, obwohl die künstliche Putzfrau ihre künstliche Wut wirklich entladen hat und die wirkliche Putzfrau ihre wirkliche Wut künstlich entladen hat. Was heißt das?

Das Geheimnis der »Katharsis«

»Katharsis« ist eine künstlerische Technik, die Leidensfähigkeit des Körpers zu trainieren, indem die negativen, d.h. verneinenden Leidenschaften vernichtet werden. Die positiven, d.h. die bejahenden Leidenschaften sollen bleiben. Sie werden nutzbar gemacht. Sie werden im Verwertungsprozess ge- und damit verbraucht. Sie sollen das Bestehende bejahen. Je leidensfähiger dein Körper durch dieses Training wird, desto süchtiger wirst du nach kathartischen Praktiken, sobald du auch nur die geringste negative Leidenschaft spürst, wie bei Heroinsüchtigen, die sich in eine schlechte Unendlichkeit verstricken. (Das spült den kulturindustriell abgerichteten Theaterstücken und –aufführungen natürlich viel Geld zu!) Der Mensch, ein erleidendes und deswegen leidendes Wesen, wird durch das Abschneiden seiner Affekte, die ihre Ursachen in der Welt, in den gesellschaftlichen Verhältnissen haben und die im Schein der Kunst verloren gehen, ein affektloses, rationalisiertes, funktionierendes Wesen. In diesem Sinne kann das Theater eine Disziplinaranstalt sein, die Normen produziert, indem sie normalisiert. Man könnte es auch so formulieren: Kathartisches Theater zielt darauf, den Affektapparat zu verstümmeln, damit der Mensch umso selbstvergessener über seine miserable Lage hinwegsehen kann. Er muss funktionieren, das Bestehende konservieren, nicht in Frage stellen, nicht verneinen und vor allem nicht als Ursache seiner negativen Leidenschaften sehen, die er gegen es richten könnte. »Katharsis« macht blind. Sein Ziel ist Vergessen von Wirklichkeit, also Disziplin.

Im Putzfrau-Beispiel bedeutet das: die wirkliche Putzfrau verlässt das Theater und kehrt wieder zurück zur Welt, um sich von neuem vom sadistischen Teamleiter und von der Geschäftsführung schikanieren lassen zu können, bis es wieder soweit ist und der Zufall sie in ein Theater schubst, wo sie sich selbst zu sehen dünkt. Die Welt bleibt die gleiche, die Putzfrau passt sich an. Sie funktioniert. Das Bestehende siegt. Der sadistische Teamleiter setzt sich durch. Die Geschäftsführung gewinnt, die Putzfrau wird besiegt, die Kultur – als kathartische – wird Henker der Macht. Sie ist Ideologie, die materielle Gewalt wird, und nicht Aufklärung, kurz: falsche Kultur. »Katharsis«, die belebend und erweckend sein kann, wenn sie nicht kulturindustriell assimiliert ist, ist reaktionäre Ästhetik der ausbeutenden Klassen zur moralischen Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft.

Plastiklachen

Was die seufzende Dame mit Silberkranz betrifft: in der Pause jener Vorstellung hat sie geweint. Man hat sie mit Taschentüchern bewirtet. Ab und an wich ein Satz wie: „Hach, das erinnert mich … usw.“ aus ihrem Bauch. Erstaunliches vollzog sich jedoch nach der Vorstellung. Sie nahm ihre Jacke, reichte dem jungen Mann, der nach wie vor einem Pinguin glich, einen Euro, kaufte sich einen weiteren Rosé und war munter. Sie hatte sich verwandelt. Der Schmerz war weg – ohne Zunahme von Hauptbahnhofdrogen, sondern durch das Theater, das kulinarisch war. Sie kam also auf ihre Kosten. Ganz nach bürgerlichem Denken, entsprungen aus dem Gesetz des Tauschwertes, hat sie bekommen, wofür sie gezahlt hat: die Ware »Vergessen.« Ihre Gesellschaftsordnung hat in jenem Moment gesiegt. Das schrieb ihr Plastiklachen in ihr Gesicht. Was bleibt, ist eine Erinnerung an einen runden Theaterabend.

Während ich sie beobachtete und mich vergewisserte, warum die falsche Kultur ebenso gewaltsam ist wie ein Polizeiknüppel, spürte ich denselben Affekt, der in mir aufstieg, als ich beim Vorspiel ihren Wehruf vernommen habe: Heul doch!


Titelbild (Zur Wiederverwendung gekennzeichnet):
https://pixabay.com/de/publikum-menge-menschen-personen-828584/

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