vonMesut Bayraktar 12.02.2019

Stil-Bruch

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Es ist zweifelhaft, ob nach dem Besuch von Gerhart Hauptmanns »Die Weber« (Regie: Georg Schmiedleitner) im Staatstheater Stuttgart das schwäbische Bürgerpublikum mit Schrecken und Unbehagen das Haus verlassen hat, weil es anschließend an die Arbeiterschaft der Automobilindustrie im Neckartal denken musste. Dazu hätte es sich entweder im Fabrikantenbonzen Dreißiger (Thomas Sarbacher) wiedererkennen und diesen als Typus eines Dieter Zetsche erkennen müssen. Oder es hätte in Moritz Jäger (Peer Oscar Musinowski) und den Webern die gesellschaftlichen Vermächtnisgeber sehen müssen, deren lokaler Vermächtnisnehmer die schwäbische Arbeiterklasse ist. Mit anderen Worten: Haben in der Inszenierung soziale Charaktermasken figuriert, die die Masken der Charaktere in der sozialen Wirklichkeit bloßgestellt und sichtbar gemacht haben – etwa dass die „Rekord-Rente“ vom Millionär Dieter Zetsche ab 2020 (4246,58 EUR pro Tag) aus der Ausbeutung der Arbeiterklasse folgt, von der mitnichten jeder denselben Betrag pro Monat verdient.

Der gute Wille des Theaters

Das Publikum blieb verschont, sowohl intellektuell als auch seelisch-mental. Ich befürchte, dass das Bewusstsein der schwäbischen Bürgerlichen einen Schock wie etwa bei der Weber-Aufführung in Hamburg von Kornél Mundruczó gebraucht hätte. Dann wären ihnen Schrecken und Unbehagen spürbar geworden. Denn sie sind satt auf der Weide der schwäbischen Automobilindustrie, und bekanntlich macht Sattheit sowohl unempfindlich als auch stumpf. Der Aufführung von Georg Schmiedleitner gelang nicht die künstlerische Transformation des proletarischen Empörungsgeistes von 1844 auf das Jahr 2019. Stattdessen hat man auf der Bühne die Karikatur eines Klassenkampfs gesehen, der keinen Blanqui, Proudhon, Wolff, Heine, Herwegh, Freiligrath, Engels und Marx* kannte.
Klassenkampf wurde gezeigt als Antinomie von Wohlstandsskala, entfesselten Gier- und Neidtrieben, Ressentiments, lustorientierter Lebensstandards wie primitivmaterialistischer Lebensansprüche. Damit lässt sich kein Klassenkampf darstellen, sondern allenfalls moralischer Unsinn, dessen Sinn auf der Kanzel von auserwählten Experten ersonnen wird. Zur Darstellung von Klassenkampf bedarf es einer ästhetischen Übersetzung der Dialektik von Mensch-Maschine-Konkurrenz, Verwertungsprozess, Warenmachung von Körpern zu Arbeitskraft, Mehrwertrate, Expropriation, ursprüngliche Akkumulation und politische Ökonomie. In Stuttgart wurde er aber mit bürgerlichen Kategorien, die das Theater dekuvrieren müsste, um Abschaffenswertes abschaffbar zu machen, definiert. So fiel die Inszenierung hinter ihre Ansprüche zurück, wollte sie doch die „Aktualität“ des Stücks zeigen – „akut ist es noch immer“, heißt es auf der Homepage, „Empört euch! war gestern, ist heute und wird morgen sein.“ Ein schlechter Wink an Rosa Luxemburg.

Der gute Wille machte das Stück ebenso eindimensional wie perspektivlos, antiquiert wie vorurteilshaft, langweilig wie unsinnlich, kurz: harmlos. Darüber konnte auch das kolossale Bühnenbild (Volker Hintermeyer) oder die sprudelnde Energie des Chors nicht hinwegtäuschen. Nach der Vorstellung aß man seelenruhig seine Butterbrezel, dazu ein Gläschen Sekt bei leichtem Getuschel über selbsterdichtete moralische Überlegenheit. Arbeiter, Arbeiterklasse, Aufstand – War gestern.

Auch die exaltierte Spielweise verbunden mit den plakativen Kostümen (Dreißiger mit goldenem Anzug im Glashaus, das die Weber, die wie Obdachlose aussahen, tragen) hatte etwas Lächerliches und war absurd, wollte man darin einen Vorschein des Klassensystems der Gegenwart erkennen. Die Figuren wirkten holzschnittartig, wie Tote, die uns aus dem 19. Jahrhundert lächelnd zuwinken. Wo war der Moment der Gewalt als ökonomische Potenz, die die Genesis des industriellen Kapitalismus einleitete – sowohl die kaputtschlagende als auch die disziplinierende Gewalt? Wo war die Rechtlosigkeit des Gesetzes, worin die Institution Klassengewalt haust? Ich spreche nicht von den ephemeren Nebelszenen, die so etwas wie einen Barrikadenkampf parodierten, oder von der dekadenten Dummheit, mit der der Polizeiverwalter, Pastor Kittelhaus, Pfeifer, Herr und Frau Dreißiger überzeichnet wurden. Ich spreche von der künstlerischen Widerspiegelung des menschlichen Wesens, das sich im Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse verbirgt. Ein menschliches Wesen gab es nicht, auch keinen Gestus desselben.
Dafür können die Schauspieler nichts, unter denen Peer Oscar Musinowski, Jannik Mühlenweg und Anne-Marie Lux ihr Bestes gegeben haben.

Der Koch als bester Künstler

Schließlich bleibt der Abklatsch eines Weberaufstandes im Kopf, der die »Linken« im Neckartal, die sich gelegentlich privaten Linksradikalismus in ihren Privatwänden injizieren oder inhalieren, auch kathartisch bedienen soll. So sieht Bürgertheater aus, das Demokratie mit Bundesrepublik oder Liberalismus verwechselt, was dasselbe ist. Niemand will sich leiden können, aber alle kommen zusammen. Damit sind die kulinarischen Geschmacksrichtungen der Neckarstadt gedeckt und alle sind versöhnt.

Geht es aber in der Kunst bloß um Geschmäcker – dann ist der Koch der beste Künstler, und Theater nur ein Rezept, das auf Bestellung serviert wird. Müsste Theater jedoch nicht fragen, welche Zutaten der Koch verwendet, woher seine Zutaten und Rezepte kommen, wie er kocht? Müsste es nicht Geschmack als Ausdruck von Klassenhabitus entlarven, um Klassenstandpunkte sichtbar zu machen? So beginnt Klassendramatik, die soziale Wirklichkeit ästhetisch produziert.


*Karl Marx hat 1844 als anonymer Autor im »Vorwärts« eine brillante Artikelserie zum schlesischen Weberaufstand geschrieben,
zu finden in MEW Band 1, S. 392f.).
Wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen, lesen Sie es. 

 

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