vonMesut Bayraktar 29.09.2020

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

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Als hätte der Verlag Matthes & Seitz Berlin es geahnt: Inmitten der pandemiebedingten Stilllegung des Bühnenbetriebs erschien Jakob Hayners Buch »Warum Theater. Krise und Erneuerung«. Statt sich unter diesen Schlagworten in die Selbstreflexion zu begeben und ihren dramatischen Realitätssinn wiederzuentdecken, beweisen die Theater, wie sehr sie unter dem neoliberalen Leistungsdogma stehen. Nahezu panisch wird das schlechte Alte mit digitalen Formen fortgesetzt. Billigend nimmt man dabei in Kauf, dass der Wesenskern des Theaters ausgehöhlt wird: die Anwesenheit.

Zugleich wurde eine Kontroverse losgetreten. Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale, fand sich einmal wieder im Mittelpunkt einer Antisemitismusdebatte, die verlogener kaum sein könnte. Nachdem ihre Einladung der linken Band Young Fathers 2018 für Aufsehen gesorgt hatte, ist sie nun bei den Herrschenden erneut ins Fettnäpfchen getreten. Für die Eröffnungsrede des diesjährigen Theaterfestivals in Bochum hat sie den international renommierten Wissenschaftler Achille Mbembe eingeladen, der sich in der Tradition von Frantz Fanon und Aimé Césaire der grundsätzlichen Kritik an Formen bürgerlicher Herrschaft verschrieben hat. Prompt haben deren Inquisitoren ihre Chance gewittert. Erst schrieb Lorenz Deutsch, FPD-Landtagsabgeordneter in NRW, einen offenen Brief, in dem er unter Verweis auf zwei manipulativ verkürzte und zusammenhangslose Zitate Mbembe des Antisemitismus bezichtigt. Dann sprach der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sein Urteil – mit Hinweis auf die Zitate aus dem Brief von Lorenz Deutsch. Anschließend haben Journalisten die Vorwürfe ungeprüft übernommen. Nun läuft eine Verleumdungskampagne, die nicht nur von Mbembes Arbeit und seinem Vortragsthema »Reflections on Planetary Living« ablenkt, sondern auch das Politische kassiert, indem sie es moralistisch destruiert. Es geht den obsessiven Vokabelwächtern um die Herrschaftskonformität von Theater und Kunst.

Die Kontroverse ist scheinheilig, wenn nicht gar rassistisch; doch zeigt sie auch, wie immer wieder dieselbe Machttechnik seit der Widereinkehr des Politischen in die Kunst das Theater lähmt. Es geht um bürgerlichen Moralismus. Ästhetisch tritt er vielfältig auf, gibt sich radikal und ist doch nur eine plumpe Gut-Böse-Zuschreibung, die objektiv die Besiegten, die eine Sprache suchen, zum Schweigen verurteilt. Wahrheitsfindung wird mit dem Geschwätz subjektiver Befindlichkeiten blockiert, die sich über die Praxis erhaben fühlen. Am Ende gewinnt die Dummheit nicht verhandelbarer Gefühlszustände, während die Vernunft die Wunden ihrer Widersprüche leckt. Die zunehmende gesellschaftliche Spaltung macht also vor dem Theater keinen Halt. Der Einzug reaktionärer Tendenzen zeigt sich im Gewand permanenten Moralisierens – auf und abseits der Bühne. Letztlich fungiert abstraktes Moralisieren als Zensur von Kunst und eingreifendem Theater. Moralismus ist die Vergeistigung sozialer Gewalt im Überbau, die im Unterbau den realen Ausbeutungsprozess verwaltet. Im Theater ist Moralismus der Indikator für Mangel an Dramatik und Konfrontation.

Carps Intendanz steht unter dem Thema »Zwischenzeit«, das, wie sie in ihrer Stellungnahme zu den Vorwürfen schreibt, „eine künstliche Zeit der Kunst“ auszudrücken versucht, „in der wir uns der Notwendigkeit der Veränderung aller unserer Lebensverhältnisse bewusst werden.“ Vielmehr macht jedoch die Attacke gegen Mbembe bewusst, dass das Theater durch Staatsideologie torpediert wird und gesellschaftliche Relevanz einbüßt. Und was kamerunstämmigen Intellektuellen –  dem inzwischen auch zahlreiche jüdische Wissenschaftler ihre Solidarität erklärt haben – selbst betrifft: Das Komplott, dem er ausgesetzt ist, bestätigt auch seine Überlegungen, dass der Kolonialismus durch Ausgrenzungspraktiken gegen die rassistisch Erniedrigten fortgesetzt wird. Während der Moralismus das Theater kolonisiert, wird Mbembe in seiner Integrität verletzt. Theater, das mit Unterdrückern alliiert, ist immer eine moralische Anstalt.


Der vorliegende Text erschien erstmals im »Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur« (3/2020). Mit freundlichem Einverständnis ist der Text nun auch im taz.stilbruch zu lesen.

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