vonMesut Bayraktar 05.10.2020

Stil-Bruch

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Es vergeht in Deutschland keine Saison ohne ein Stück von Friedrich Dürrenmatt in den Spielprogrammen der großen Theaterhäuser. Hierzulande haben seine Komödien inzwischen den Rang von Klassikern. Von der Regie werden sie mit überzeitlichem Geltungsanspruch behandelt, und beim Publikum genießen sie ungebrochene Beliebtheit.

So auch im Schauspiel Stuttgart. Der Intendant Burkhard C. Kosminski hat den ersten Aufschlag in der Spielzeit mit Dürrenmatts »Besuch der alten Dame« gemacht. Entgegen der landläufigen Abfertigung hat Kosminski ein zum Nachdenken anregendes Wagnis auf die Bühne gebracht. Er hat die schweizerische Provinzialität des Stücks mit einem Text von Peter Michalzik in deutscher und hebräischer Sprache mit englischen und deutschen Übertiteln kosmopolitisiert – nämlich mit der Biografie von Evgenia Dodina, die Claire Zachanassian, die alte Dame, spielt. So verschob sich der Fokus vom verhängnisvollen Gerechtigkeitsproblem hin zur Inspektion des Rachegefühls in der Seele des Einzelnen.

Worum geht es in Dürrenmatts Stück? Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht die wirtschaftlich ruinierte Kleinstadt Güllen. Die Einwohner erhoffen sich Investitionen, die eine Art Marshallplan symbolisieren. Sie wird umschmeichelt und als Ehrengast vom Bürgermeister hofiert. In der Tat ist die alte Dame Wohltäterin, aber auch Unheilbringerin: »Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.« Sie hat gelernt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft selbst Gerechtigkeit käuflich ist, wenn der Betrag stimmt. Denn als junges Mädchen erwartete sie ein Kind von Alfred, der seinerzeit die Vaterschaft leugnete. Mit bestochenen Zeugen gewann er den Prozess, den sie gegen ihn führte. Entehrt musste Clara Güllen verlassen, verlor ihr Kind und wurde Prostituierte, bis sie durch viele Ehen zu großem Reichtum gelangte.

Mit diesem stürzt sie die Güllener in ein moralisches Dilemma, das die gesellschaftliche Korruption und das menschliche Fiasko eines Gemeinwesens sichtbar macht. Es geht um ein Tauschgeschäft von altem Unrecht gegen neues Unrecht zugunsten des Rechts der alten Dame, die mit ihrer Unbedingtheit eine spätkapitalistische Erinnye verkörpert. Das tragikomische Rachestück umweht der Hauch einer griechischen Tragödie. Die Vergangenheit bildet den metaphysischen Subtext.

Kosminskis Modifikation besteht nun darin, gerade diesen Subtext in den Vordergrund zu stellen. Indem dieser mit den Lebensausschnitten von Dodina biografisiert wird, demontiert die Aufführung nach und nach das Sozialdrama. Zugleich aber entkleidet Kosminski das Stück seines klassischen Gewandes. Übrig bleibt die Zerrissenheit eines Ichs zwischen Erinnerung und Vergeltung, zwischen Anamnesis und Nemesis, zwischen Melancholie und Zukunftshoffnung. In den Monologen wird Dodina Schausein ihrer selbst. Sie erzählt über die Schwierigkeiten ihrer Mutter, Ärztin zu werden. Lässig im Schneidersitz berichtet sie, wie sie das Theater kennenlernte. Dann erfährt man von dem Hungertod ihrer Großmutter im fernen Usbekistan. In ihren Gesichtszügen entdeckt sie das Antlitz ihrer eigenen Mutter. Schließlich bewegt sie sich mit ergreifender Souveränität, spielt Klavier und singt rüpelig ein Lied, nachdem es die halbe Aufführung hinweg Geldscheine auf die Bühne regnete und der schuldbewusste Alfred sein Grab schaufelte. Es ist ein Genuss, ihre enigmatischen, wüsten Gesten zu studieren, die wie ein Skalpell den falschen Konsens der Stadt auflösen. Zuletzt enthüllt Dodina das Geheimnis ihrer Spielkraft: »Wenn ich spiele, denke ich an meine Mutter.«

Dem Charisma Dodinas steht Matthias Leja als insolventer Kaufmann in nichts nach. Das Zittern der Angst schlägt sich in Lejas Gesicht mit fortschreitender Ahnung des Todesurteils nieder. Wenn er sich endlich mit einem traurigen »Adieu« an die alte Dame wendet, dabei knietief im Grab stehend und sich auf die Schaufel stützend, reißt er gleichsam seinen Richtern die Maske der Unschuldigen vom Gesicht. Hervorzuheben ist auch Marco Massafra als Lehrer. Seine schroffe Lebendigkeit kehrt die Predigt vom »Hunger des Geistes«, der Freiheit bescheren soll, in das Scheitern bürgerlicher Freiheitsideale der Aufklärung um.

Am Ende erscheint wieder Dodinas Großmutter auf der Leinwand, und im Zusammenspiel der alten Damen dämmert auf, was der Grund der Rachsucht im Stück sein könnte: der Hungertod, die Armut. So kehrt vorsichtig das Politische zurück, das zuvor kassiert wurde. Es gibt zwei alte Damen. Bravo!

Kosminski erweist sich als Ingenieur der Gefühle. Nach der Liebe in die »Vögel«, der Eifersucht in »Othello« hat er nun die Rache unter das Brennglas des Theaters gelegt. Verloren geht dabei aber nicht selten der kritische Blick auf das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, das solche Leidenschaften für sich wirken lässt – wie das Kapital der alten Dame die Güllener.

Gefühl allein, ohne eingreifende Gedanken, vereinzelt sowohl Figuren als auch Schauspieler sowie Zuschauer. Das bewies die Aufführung, in der ebendieses Eingreifende fehlte.

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