vonKieran Thomas 27.05.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

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Auf den flimmernden Straßen florieren wieder Menschen und Autos. Gestern fand ich ein plattgewalztes Chamäleon. Flach wie Pappe. Ich dachte erst, es sei unecht.

Seit ein paar Tagen ist die Ausgangssperre auf meiner tropischen Insel aufgehoben. Am ersten Tag bin ich rebellisch zuhause geblieben. Die Lockerungen folgen der Linie des kontinentalen Landes, das sich auf der anderen Seite der Erdhalbkugel befindet. La Métropole, Festland-Frankreich, übt seit ungefähr 310 Jahren unübersehbaren Einfluss auf die Insel la Réunion aus.

Ich sitze in meinem kleinen Zimmer und schaue in Richtung Meer, das von Palmen und Bananenstauden verdeckt ist. Also stell ich mir das Meer halt vor. Ein Windzug fliegt durch den Raum. Es wird mittlerweile kühler. Das heißt, dass es tagsüber nur noch 25 Grad warm ist. Es wird trotzdem Winter genannt. Wahrscheinlich hat das Wort in den Ohren der Réunionesen eine etwas andere Konnotation als in Festland-Europa.

Die angenehmeren Temperaturen bedeuten auch weniger Mücken, u.a. auch weniger Tigermücken – mögliche Träger vom Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Virus und damit Auslöser unregelmäßig ausgeprägter lokaler Epidemien. Die Betroffenen von Dengue dieses Jahr beziffern sich lokalen Medienberichten nach schon auf 8.000 (linfo.re).

Doch die Hauptaufmerksamkeit bekommt trotzdem Corona mit zwanzig mal weniger Fällen. Auch die Maßnahmen waren exakt die gleichen wie drüben auf der anderen Erdhalbkugel. Aber hier gleicht fast nichts einem „gewohnten“ Frankreich. Hier gibt es Chamäleons! Und deutlich mehr Créolen als Metropolitaner. Fühlt sich eher nach Imperialismus an – entgegen der „Tatsache“, dass 1982 das formelle Ende des zentralistischen Einheitsstaates von Mitterrand und der Parti socialiste eingeführt wurde.

Seit ein paar Wochen gibt es kaum neue Corona-Fälle mehr – es bleibt (erstmal) bei ungefähr 450 unter 850.000 Einwohnern und den paar verbliebenen Besuchern (linfo.re). Die letzte, große Chikungunya-Epidemie infizierte vor 15 Jahren knapp ein Drittel (!) der Bevölkerung von la Réunion.

Die Bewohner der Insel im indischen Ozean atmen unbemerkt auf seit den neuesten Lockerungen. Endlich können sie wieder arbeiten gehen. Endlich.

Endlich ist es mittags wieder stiller als in der Zeit des confinement, als der Nachbar ständig in unvorhersehbaren Intervallen, ob vormittags oder abends, im Garten direkt nebenan die Musik voll aufdrehte. Ist hier „normaler“ als im Norden. Ab und an hörte ich auch lauten Streits meiner Nachbarn zu. Auf créole, was bedeutet, dass ich zumindest ein paar französische Fetzen verstehen konnte.

<< Ou konnai pa la loi! >> („Du kennst nicht das Gesetz!“), warf meine Nachbarin meinem Nachbarn in Endlosschleife vor. Parallel regnete es von ihm Gegenteilsbekundungen. Ein anderes Mal wurde ihm von seinem Vater die zu laute Musik vorgeworfen.

Danke. Das traute ich mich nicht.

Ich stalke, beinahe unbeabsichtigt, diese liebevolle Familienidylle von quasi direkt nebenan, nur eine Etappe erhöht. Die ganze, runde Insel erhöht sich Richtung Zentrum, wo ein ehemaliger und ein aktueller Vulkan die Wolken küssen.

Jetzt dürfen sich meine Nachbarn wieder häufiger aus dem Weg gehen. Und es wird ruhiger. Abgesehen von den Hunden, die nachts immer noch durchbellen, hat sich der Lärm wieder weg von den Häusern auf die Straßen und in die Innenstadt verlegt. Die Autos fahren morgens und frühabends wieder so zahlreich, dass ich vor lauter Abgasen meine frisch ritualisierten Spaziergänge wieder umverlagern muss.

Der Rhythmus meines halbjährigen Zuhauses tritt nun in seine dritte Phase ein. Die Phase des Studierens und des Quarantänierens sind durch. Und mein Mitbewohner, ein Überläufer aus der Métropole, ist wieder ständig bei seiner Freundin.

Die Effekte der Lockerungen sind sichtbar, fühlbar. Menschen strömen auch wieder die Spazierwege an der Küste entlang – fast alle ohne Masken. Erleichterung in den Gesichtern. Auf den Mündern. Abgasverseuchte Luft wie früher. Ein „Früher“, das nur zweieinhalb Monate entfernt ist. Mein Alltag ist wieder umfassend durchdrungen von der Fülle der Möglichkeiten, die ich fast vergessen habe.

Retour à la normale, das fühlt sich falsch an. Da sich mein „normal“ aber sowieso alle paar Monate ändert, findet sich auch Gewohntes in der Aussicht auf Veränderung.

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