vonKieran Thomas 10.06.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

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Mein Name ist Marvin.

Und ich finde, ich bin süchtig. Und darum soll es hier gehen. In meinem ersten Versuch diesem Text zu schreiben bin ich, bloß um meine Meinung zu Namen und Alter zu erklären, zwei Absätze lang abgeschweift. Darum geht es heute nicht. Wann anders.

Kurz zu mir: Ich reise viel, kaufe nur vegan ein, esse auch vegetarisch, wenn containert, spiele Gitarre, singe, lebe ohne Krankenversicherung, Bankkonto, festen Wohnsitz und Job und ich schreibe auch total gern (Achtung! Anhäufung irreführender Assoziationen!).

Das sind Dinge, die ich an meinem Leben liebe. Doch häufig, wenn sich mir die Möglichkeit darbietet, muss ich feststellen, dass ich süchtig bin nach etwas. Was ist das? Tja… ich kriege meine Finger einfach nicht weg von Videospielen. Ernsthaft. Und dieser Teil meines Lebens fällt mir schwerer zu lieben.

Diese Sucht empfinde ich am stärksten, wenn ich bei Menschen bin, in deren Zuhause auch ein „Zocker“ lebt. Mein Laptop ist auch verlockend. Zum Glück aber wird der geteilt. Ich gebe ihn auch gern her. So kann ich nicht spielen.

Wenn mein Freund mal einen Film nach der Arbeit schauen möchte, sehe ich nicht ein, warum er den Laptop nicht bekommen sollte. Er hat keinen eigenen. Und eigentlich sehe ich dieses Ding auch gar nicht als mein Eigentum an. Wir teilen ihn uns ja. Ich habe in den letzten Wochen allerdings viel, bestimmt zwei bis drei Stunden täglich, dieses eine Onlinespiel gespielt, in welchem ich leider auch relativ gut bin.

„Hearthstone – Deceptively simple, insanely fun.“

Ein strategisches Fantasy-Kartenspiel mit verschiedenen Spielmodi und einem Rangsystem, in welchem ich es zwischen „Bronze“ und „Legendär“ auf den Rang „Platinum“ geschafft habe. Dort befinden sich angeblich unter 12% aller Spieler. Macht eine Menge Spaß. Oder sagen wir es so: Es lenkt einen wunderbar gut von sich selbst ab.

Und dem kleinen, stolzen Ego in mir, obwohl es auch der Teil von mir ist, der das Spielen am meisten liebt, gefällt meine Schwäche für Games gleichzeitig absolut gar nicht. Es „passe“ ja nicht zu mir. Diesen Gedanken sehe ich zwar häufig als „falsch“ an, doch dann neige ich oft dazu in den Teufelskreislauf zu fallen, mich fürs Selbstverurteilen auch noch zu verurteilen.

Das ist ungefähr so verstörend wie den Ton eines Lautsprechers mit dem selben Mikrophon aufzunehmen, das den Input dieses Lautsprechers produziert. Es folgt ein nerviges Echo, nur eben im Kopf.

Da hilft nur frische Luft.

Das passiert, glaube ich, weil ich mich an unvollkommenen Bildern und Vorstellungen von anderen in meinem Kopf festhalte und gern so spirituell und verbunden wäre, wie ich es von jenen glaube, dass sie es seien.

Ich weiß, dass ich das loslassen muss.

Dann kann ich auch mit meiner Sucht fertig werden. Nur dann kann auch ich verbundener werden. Menschen haben schon viel schwierigeres geschafft.

Ich denke, dass das mit der Selbstakzeptanz eines der essenziellsten Dinge ist, die wir ständig „falsch“ machen: Was wir verändern wollen, müssen wir zuerst bedingungslos hinnehmen und lieben lernen. Auch die eigene Sucht muss geliebt werden. Und ich möchte, anstatt diese weiterhin zu vergraben und immer wieder heimlich und beschämt zu befriedigen, an die Oberfläche bringen, zeigen, dass sie da ist, sie hinnehmen und nicht mehr vor ihr wegrennen, sondern mit ihr fertig werden. Weder stolz noch verletzt.

Dabei möchte ich sie auch nicht mehr schimpfen, denn ich bin sie ja selbst.

Ich möchte einfach gesünder mit mir umgehen. Außerdem nehme ich mir vor, bei zukünftigen Anflügen meiner Sucht mich mit dem Gefühl auseinanderzusetzen und die Sucht, im übertragenden Sinne, zu umarmen, zu begrüßen, zu fühlen und mich an ihre Daseinsberechtigung zu erinnern. Es hat ja schließlich alles seinen Hintergrund und die Befriedigung meiner Sucht ist ja im Grunde nichts anderes als dem Drang, mir selbst zu entkommen, nachzugeben.

Das ist „normal“, denke ich. Wer kennt das nicht? Es ist aber auch Flucht vor dem Ganzen. Mich meiner Angst nicht stellen. Mich nicht trauen ganz zu sein. Ganz, im Einklang mit meiner natürlichen und sozialen Umgebung. Wenn ich geistig wachsen will, kann ich mich eben nicht nur in meiner gemütlichen Komfortzone aufhalten.

Ich werde also zukünftig nicht Orte meiden, wo Leute „zocken“. Stattdessen werde ich mich in Disziplin und Selbstliebe üben. Wie Entzug mitten im Geschehen. Das mag übertrieben klingen. Doch ich fühle mich tatsächlich so, vor allem, weil ich weiß, dass ich, wie eigentlich jeder von uns, ein Kind der Natur bin. Videospiele sollen nicht mehr meinen Weg beeinflussen und manipulieren. Das wird in manchen Momenten sicher eine Menge Stärke von mir einfordern, aber ich glaube an diese Kraft in mir. Eine Kraft von der ich glaube, dass sie uns allen innewohnt.

Es ist sogar mehr als Glauben. Ich spüre sie sogar.

Ich habe es ja auch geschafft, einen großen Schritt aus dem Erwartungskreis dieser profitorientierten und geistesverarmenden Gesellschaft heraus zu machen; einer Gesellschaft, die einen ein Leben lang mit Angst und Durst nach vermeintlicher Sicherheit füttern will. Das war auch nicht einfach für mich und Beweis genug dieser Kraft.

Ich strebe es an, künftig die Balance auf dem schmalen Grat zwischen völliger Selbstverurteilung und dem Immer-wieder-der-Sucht-nachgeben zu halten und, vor allem, Freude daran zu finden. Es ist ja im Sinne meiner Selbstheilung. Darüber will ich mich freuen. Denn diese beiden Gegenpole der Verurteilung und des Nachgebens schaukeln sich schnell immer höher und vor allem mich in den Wahnsinn.

Mein Ego wollte an dieser Stelle direkt folgenden Vergleich einbringen: „Wie eine Schaukel, von der gerade gesprungen wurde. Sie schaukelt noch ein bisschen weiter. Dann bleibt sie vielleicht stehen. Vielleicht weht aber auch der Wind noch ein bisschen oder jemand neues setzt sich drauf, um wieder voll los zu schaukeln.“

Natürlich versuche ich, falls mich die Sucht noch ein- oder mehrere Male „aufschaukeln“ sollte, möglichst entspannt mitzuschaukeln. Ich sehe aber auch, dass mein kleines Ego jetzt genau darauf setzt und sich denkt: „Haha, dann ist es ja eh nicht so schlimm. Dann brauchen wir das Zocken ja doch nicht für immer aufgeben.“ Und so weiter. Doch genau das hat mich die letzten Wochen echt verrückt gemacht, denn genau das ist dieser miese Teufelskreis, in den ich bisher so oft gefallen bin.

Erst völlig frei von Urteil, aber der Sucht nachgeben, nach dem Motto: „Im gewissen Maß ist ja alles in Ordnung.“ Doch dann kommt wieder schleichend diese totale Selbstmissachtung und Verurteilung: „So! Mir reicht‘s jetzt! Dieses sinnlose Gezocke! Es macht mich doch nur krank!“ Und so weiter… Dieses Muster will ich brechen. Also ab jetzt mehr Selbstliebe. Lass dir ruhig wieder neue Ausreden einfallen, Ego. Ich werd dann einfach aus mir rausgehen und dieses lustige Spektakel von außen betrachten. Ich bin dann einfach gerade nicht zu Hause. Und ohne mich… kannst du gar nichts!

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