vonKieran Thomas 03.07.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

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Gewählt hatte ich die hoffentlich offensichtliche Krieg der Sterne-Referenz meiner vorangegangenen „Paradies-Trilogie“ aus einer Reihe von Gründen. Einmal wollte ich die in der Textreihe erwähnten Kriegs- und Heilsrhetoriken für mich selbst mit eigenen, bekannten Begriffen erklären. Außerdem wichtig ist die Wirkung jener Filme auf mich. Und speziell die Veränderung dieser Wirkung durch meine eigene Entwicklung in ungefähr einem Viertel-Jahrhundert.

Ich habe die erste Episode von Star Wars als ungefähr 10-Jähriger gesehen. Noch als ein Kind, dem Faszination und Neugier beinahe ungehindert von Zweifel und Reflexion offenstanden. Ich wurde sanft gefangen genommen von der Weite der Sterne und dem Heldentum der adoptierten Eliten. Romantische Abenteuer mit einer seit Bibelzeiten und auch davor schon bekannten Botschaft: „Das Gute, unterdrückt und versucht vom Bösen, muss sich beweisen und wird am Ende siegen!“

Was hier Ende bedeutet, ging zweimal in Verlängerung. Die zweite Trilogie habe ich als gefühlsregierter Teenager gesehen. Die dritte Trilogie konnte dann endlich im Besitz erwachsen gewordener Zweifel angeschaut werden.

Und ja, auch dann habe ich meine Vernunft einen doch sehr nachsichtigen Beobachter sein lassen. Die eigentlich peinlich offensichtlichen Wiederholungen der Storylines der Episoden IV, V und VI in der neuesten Trilogie habe ich schmunzelnd betrachtet im Rausch der Effekte und der so nahbaren, schönen Protagonisten. Ich habe das (Achtung Spoiler!) Knutschen von Rey und Kylo Ren im letzten Teil schon nach dem ersten Teil der Trilogie vorausgesagt – in einer Diskussion mit meinem Vater, der mir einst erst die Faszination für Filme beibrachte.

Als das Offensichtliche dann geschah und alles – unendlich knapp – natürlich doch noch gut ausging, lachte ich mir leise ins Fäustchen für meine banale Wahrsagerei. Und hatte trotzdem Gänsehaut.

Die genetisch bedingte Einfallslosigkeit von Blockbustern fällt in solch epischen, seit Kindheitstagen geliebten Welten weniger ins Gewicht. Im Nachhinein mittlerweile schon. Der Anteil realistischer, oder zumindest kritischer Filme in der Praxis meiner Mediensucht ist deutlich höher geworden.

Beim Recherchieren für diesen Text stieß ich auf ein mir irgendwie bekanntes, nicht wirklich offensichtlich bearbeitetes Bild von J.J. Abrams mit dem Slogan „MAKE STAR WARS GREAT AGAIN“. Diese Referenz an traditionsvernarrte, blinde Heldenergebenheit wurde von den (genialen!) Machern von South Park geschaffen (Staffel 20, Folge 5; Comedy Central). Kaum sonst ein Medium schafft es so präzise, medien- und politikkritische Referenzen wie weiterbildende Analogien so pointiert darzustellen.

Amerikas aktueller Slogan der eigenen Wiedergroßartigmachung wurde übrigens auch nur recyclelt. Ronald Reagan benutzte ihn bereits 1980. Die kultische Verehrung von schauspielernden oder orangen Präsidenten des einflussreichsten Imperiums auf Planet Erde darf heute nun verglichen werden mit der von röchelnden Maskenträgern mit rotem Lichtschwert in den fernen, sich endlos bekriegenden Sternen.

Wie viel Wahrheit und wie viel Ironie stecken in diesem Bild? Beim ersten Betrachten des Fotos dachte ich einfach nur, dass es passt – und selbstverständlich echt ist.

Später erst entdeckte ich die unerreicht vielschichtigen, satirischen Eingriffe der Macher South Parks. Trumps letzten Kampagnen-Slogan hier zu referieren, ist dabei simpel wie schockierend passend. Die sensationell transportierte Sentimentalität von Star Wars trifft ein Publikum vielleicht vergleichbar groß wie das der Republikaner (Angabe ohne Gewähr?!) – obwohl sich die Fans von Luke, Leia und Chewbacca hoffentlich häufiger ihrer zeitweise ausgeschalteten Fähigkeit zur Selbstreflexion bewusst sind?!

Beim ersten Recherchieren, wer das Bild gemacht, fand ich erst einmal nichts. Meine Suchmaschine ecosia brachte mir kaum verwertbare Treffer und Google brachte mich immer nur auf die gleichen, Abrams und Star Wars-preisenden Artikel. Bei vertiefter Recherche hastete ich von nichtssagenden Interviews zu kritischen, aber doch sentimentalen Star Wars-Filmkritiken und wurde irgendwie bis hin zur Verschwörungstheorie vom ACSH (The American Council on Science and Health) geleitet, dass das Weltuntergangs-Szenario des großen Bienensterbens eine Lüge sei, worauf ich wiederum recherchierte, dass die ACSH wohl von Monsanto mitfinanziert sein soll?!

Mein Kopf drohte zu platzen.

Was ist Wahrheit? Was sind Fake-News? Und ich wollte doch eigentlich nur J.J. Abrams wirkliche politische Gesinnung und Motivation fernab der Star Wars-Promo herausfinden.

Erfolglos.

Zumindest insoweit, dass ich nach zwei Stunden keinen Bock mehr hatte. Bis mir mein Nägelknabbern zu bewusst wurde im Rausch der Netz-Recherche, wo man immer etwas findet, was man mit etwas anderem verbinden kann. Das Assoziationsnetz schlechthin. Unendlich frei, ungehemmt, sensationsgeil, wie es auch Trump weiterhin will.

Die EU geht ja mehr in die Richtung, Fake-News herauszufiltern. Das käme mir im Falle zumindest dieser oberflächlichen Recherche sehr gelegen. Wo fängt jedoch Satire an, und wo hört die Wahrheit auf? Und wer versteht das noch?

Muss Mehrdeutigkeit auf einmal eindeutig zweideutig sein? Müsste South Park dann nicht verboten werden? China hats gemacht. Meta-Ebenen der Medien und kreativ-kritische Ideen werden stark zunehmend beschnitten. Das so freie Amerika hat vielleicht kein Monopol, aber ein Oligopol der Meinungen.

Und wer glaubt denn noch, beim Internet wirklich noch schritthalten zu können? Wir Menschen haben Welten erschaffen, die zu groß und komplex geworden sind, dass wir selbst sie noch verstehen können. Alles ist verbunden. Und wenn ich versuche, es in Form von Meinungen und Faktenwissen zu überblicken, brennen meine Sicherungen durch.

Das einzige, tiefe Verständnis von der Verbundenheit der Welt habe ich bisher nur bei einer ausgedehnten Wald-Wanderung erlebt.

Auch wenn selbst bei einer Wanderung mir immer wieder Assoziationen zu Filmen und Geschichten durch den Kopf flimmern, kann ich zumindest dann still oder auch laut über mich selber lachen. Sowohl meine persönliche, konservative Sentimentalität als auch meine sonst eher pragmatischen, linksgrünen Ansichten kann ich im Grünen am besten reflektieren.

Star Wars, vor allem die neue Disney-Trilogie, gibt ein tolles Beispiel für Konservatismus und Neoliberalismus auf Hollywood-Ebene ab. Haufenweise sentimentale Assoziationen und Referenzen im Aufbau eines Imperiums, das sogar nach dem Ende der dritten „Amtszeit“ noch nicht endet. Macht ja Schotter.

Ich selbst hingegen habe mich mit meiner „Krieg der Psyche/Paradies-Trilogie“ in möglichst faktenbasierter, und auch mal ironischer Erfahrungsbeschreibung versucht. Und werde es nach der einen Trilogie mit der fortschreitenden Geschichte auch sein lassen. Es gibt wohl noch einen Nachtrag auf mein „Aventure de la Réunion“, und vielleicht irgendwann ein Revival.

Aber mehr auch nicht.

Wahrscheinlich.

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https://blogs.taz.de/utopiensucht/2020/07/03/making-of-krieg-der-psyche/

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