vondieverantwortlichen 21.09.2019

Die Verantwortlichen

Roland Schaeffer fragt sich, warum vieles schief läuft und manches gut. Und wer dafür verantwortlich ist.

Mehr über diesen Blog

Von „Ich liebe meine Stoffwindeln“ bis zu „Violinmakers for Future“ – das Volk, das diese Pappschilder in die Luft reckt, ist ein Traum.

Wer am Freitag demonstriert hat, konnte sicher sein – unter den Demonstrierenden war auch die künftige Regierung des Landes. Die meisten sehr jung, viele sehr begabt, manche sehr politisch denkend. Sie könnten in ein paar Jahren in der Lage sein, der müden Welt nicht nur den dringend nötigen Schubs zu geben – sondern auch ihre komplexen Fragen beantworten. Die beste Erfahrung und die größte Hoffnung bei Fridays for Future sind die Menschen selbst, die diese globale Bewegung tragen.

Aber sie sind es auch, um die man sich sorgen sollte. Bisher haben sie es leicht: Sie wissen, sie haben Recht, und sie haben Erfolg. Was, wenn sie keinen Erfolg mehr haben? Wenn sie also immer noch Recht haben, nur dass das niemanden mehr kümmert, weil jetzt andere Themen vorn stehen oder weil sich die scheinbar so klaren Alternativen in den Details verschleifen? Wenn es nicht mehr reicht, auf die Wissenschaft zu verweisen, weil gesellschaftliche Interessen aufeinander prallen, die nicht nach Wahrheitskriterien entschieden werden? Auch das ist absehbar.

Darauf setzt offenbar die Regierung. Sie lässt sich treiben. Wer dieses Klimapäckchen geschnürt hat, war offenbar nicht von dessen Notwendigkeit überzeugt. Und erst recht nicht davon, dass es an ihm oder ihr sei, genau dieses Problem gerade jetzt zu lösen. Dass regierende, also verantwortliche Ministerinnen und Minister ihre ureigensten Aufgaben so großzügig ihren NachfolgerInnen überlassen, hat man selten gesehen.

Was macht so etwas mit den Demonstrierenden, mit jenen also, denen man so „die Zukunft klaut“? Werden sie sich in den bürgerlichen Alltag zurückziehen? Oder werden sie nach härteren Mitteln greifen? Es ist eine ungewöhnlich gewaltfreie Generation, die sich da auf der Straße artikuliert. Aber wird es dabei bleiben, wenn die Konflikte zunehmen und die Staatsmacht sich nicht mehr an die  eigenen Regeln hält – wie das in den letzten Jahren nicht selten der Fall war? Wenn die Future-Generation durch Pfefferspray und Knüppel noch einmal ganz neu politisiert wird? Und wenn dann die Leute in den schwarzen Körperverpackungen erklären, wie man richtig gegen das System kämpft? Im Zusammenhang mit dem G-20-Gipfel in Hamburg wurde öffentlich viel von angezündeten Autos oder von einem geplünderten Drogeriemarkt gesprochen. Davon, dass viele tausend Jugendliche schlimme Erfahrungen mit staatlicher Willkür gemacht haben – und von den Folgen dieser Erfahrungen für ihr Verhältnis zu unserem Staat – hört man nur, wenn man ihnen zufällig begegnet.

Die regierende Koalition kalkuliert eine solche Entwicklung offenbar ein. Bleibt die Bewegung erfolglos, spaltet sie sich gar, verliert sie ihre Attraktivität. Kommt es zu Konflikten mit der Staatsmacht, kostet das, so hofft man, die Grünen ein paar Stimmen.

Bis dahin sehen sich die VertreterInnen der großen Koalition durch Druck von außen gezwungen, umzusetzen, was die meisten von ihnen seit Jahrzehnten bekämpft haben. Sie arbeiten an einer fremden Agenda, und  nicht einmal sie selbst behaupten, dass durch das Klimapäckchen auch nur die Ziele für 2030 erreicht werden könnten. Sie versuchen, politisch zu überleben, indem sie, wie es im Fußball so schön heißt, „Zeit von der Uhr nehmen“. Sie geben keine Antwort auf die gestellten Fragen, und für diejenigen, die gerade mit Leib und Seele Politik lernen, ist das eine bittere Lektion. Die Regierung  blockiert die Zukunftshoffnungen einer aktiven und intelligenten Gesellschaft. Wenn sie mitdemonstriert hätte trüge ihr Pappschild das Motto der Punks der 80er Jahre: „No future.“

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/verantwortliche/dieses-volk-ist-ein-traum-nur-nicht-fuer-seine-regierung/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.