Evi und Janosch sind seit langem ein Paar. Sie gehören zu den glücklichen Menschen, die es geschafft haben, über fünfzig Jahre gemeinsam durch das Leben zu gehen und sich immer noch lieben. Doch wie kann man gemeinsam sterben? Noch sind beide bei robuster Gesundheit. Ein Freitod zusammen scheidet aus. Die Gedanken gehen seit langem in die Richtung, wie wollen wir beerdigt werden und wo soll der Ort der Bestattung sein. Wird es ein Grab auf dem Friedhof, in dem der zuerst Sterbende liegt und der drauf folgende dazu gelegt wird? Soll es überhaupt eine Sargbestattung sein oder wollen sie verbrannt werden. Welche Kosten können entstehen.
Die Vorstellungen sind unterschiedlich, der Dialog wird so heftig geführt, dass sich beide für einen Tag in ihr jeweilges Zimmer zurück ziehen und nicht miteinander sprechen. Dann klopft Janosch an die Tür von Evi. Schließlich gehen sie mit vagen Vorstellungen in ein Bestattungsinstitut. Inzwischen steht fest, sie haben sich für eine Verbrennung entschieden.
Der Bestatter, ein älterer Herr, der einige Jahre über dem Pensionsalter noch im Laden steht, schlägt ihnen einen Waldfrieden vor, nicht weit von der Stadt. Er überreicht ihnen eine Formular mit der genauen Adresse und einem handschriftlich markiertem Kreuz, an welchem Baum sie liegen können. Um den Baum herum besteht Platz für vier Parzellen, zwei sind noch frei. Der hohe Liegepreis pro Jahr für die Reservierung überrascht sie nicht, haben sie sich doch darauf eingestellt, noch einige Jahre zu leben.
An einem Sommertag fahren sie neugierig raus zu dem Baum im Waldfrieden, der für sie vorgesehen ist.
Es ist ein junger Eichenbaum. In der Erde können sie die reservierte Stelle erkennen. Sie zeigt nach Süden, der Sonne entgegen.
„Wie schön,“ sagt Evi.
Die Jahre vergehen. Auf einer der immer weniger werdenden Reisen, bei Janosch sind es die Augen, die schlechter werden und bei Evi der Rücken, fahren sie ein Stück auf der Straße zur Zugspitze hoch, als Evi plötzlich sagt.
„Ich möchte nicht mehr an einem Baum liegen, ich möchte lieber hier in den Alpen vom Wind verstreut werden.„
Janosch fährt zwei lange Kurven ohne ein Wort zu sagen. Dann hält er am nächsten Rastplatz.
Janosch kann den Wunsch verstehen, da Evi in den Alpen in einem kleinen Ort geboren ist.
„Wenn das dein Wunsch ist, Evi, dann schlage ich vor, wir gehen zum Bestatter und regeln die Sache.“
Der immer noch in seinem Geschäft arbeitende Bestatter kann den Wunsch gut nachvollziehen. Es sind schon einige Kunden verunsichert wieder zu ihm gekommen und haben sich anders entschieden. Die letzte Ruhe will gut überlegt sein. Er selbst habe seinen Bestattungsort schon zwei Mal gewechselt, erzählt er. Allerdings kann er die Gebühr für den Liegeplatz nicht zurück geben, das sei ja doch wohl klar oder?
Evi und Janosch hatten nicht damit gerechnet, ihr bisher investiertes Geld wiederzubekommen.
Die Verstreuung in den Alpen sei allerdings nicht billig, meint der Bestatter, aber schaun wir mal.
Er sucht seinen Taschenrechner im Handy und rechnet. Beide zucken ein wenig zusammen, als sie den Preis hören, doch dann meint Janosch, wenn es der Wunsch von Evi sei, dann ist ihm das Recht. Allerdings wolle er an der gleichen Stelle verstreut werden, das sei doch selbstverständlich. Wieder rechnet der Bestatter und da die Summe für beide sehr hoch ist, geben sie dem Bestatter zu verstehen, dass sie sich das noch einmal überlegen wollten, sie kämen in ein paar Wochen wieder .
„Den Baum halte ich Ihnen so lange fest, das ist versprochen, gratis. Aber überlegen Sie nicht zu lange, sonst ist der schöne Platz am Baum weg. Den nehme ich dann an ihrer Stelle. „
Zu Hause geht Janosch an den Kühlschrank und holt eine Flasche Grauburgunder heraus, stellt zwei Gläser auf den Tisch und sagt zu Evi. „Was machen wir denn jetzt?“
„Ich werde in den nächsten Monaten einige Friedhöfe in der Stadt besuchen und mir eine schöne Stelle aussuchen und du kommst mit.“ Janosch schenkt noch einmal ein, sie lassen die Gläser klingen und blicken sich verliebt an.
„Wie wärs mit einem Grabstein, auf dem nur Evi und Janosch steht, sonst nichts.“
„Du hast immer so gute Ideen, abgemacht. Ich schaue schon mal im Internet nach geeigneten Grabsteinen.“
Seitdem sieht man beide bei unterschiedlichen Tageszeiten unterwegs auf den Friedhöfen der Stadt. Sie gehen strategisch vor, besuchen auch die Friedhöfe der Vororte.
Er, schmal, mittelgroß, gut gekleidet, sie einen Kopf größer als er, mit einem geerbten schwarzen Hut, durch den sie noch größer erscheint. „Auf dem Friedhof trage ich immer Hut“, sagt sie vor dem Gang dorthin und setzt diesen vor dem Spiegel stehend auf.
„Du solltest auch einen Hut tragen, Janosch,“ aber Janosch meint, Hüte würden ihm nicht stehen.
Sie haben immer noch nicht den richtigen Friedhof mit einem Grab für beide gefunden.
Wer ihnen einmal auf einem Friedhof begegnen sollte, möge eine geeignete Stelle zeigen, wo ihre letzt Ruhestätte sein könnte.
Vielleicht macht der Hinweis ihre Entscheidung leichter.