vonmaggie 01.11.2026

Widerhaken

Literaturkritiken. Oder: ein Versuch, nicht den Kopf zu verlieren, zwischen all den Worten die so herumirren in unserer wundervollen Welt.

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Ich kann mich nicht daran erinnern, Eine wie Alaska gekauft zu haben. Das Buch war einfach irgendwann da. Vielleicht hatte es mir ein Nachbar geschenkt, vielleicht hatte ich es von Freunden ausgeliehen oder in einer Bücherbox gefunden. Auch sein Weg zum Bestseller war weniger geradlinig, als seine Bekanntheit vermuten lässt: Erst 385 Wochen nach der Veröffentlichung stand John Greens Debüt auf der Bestsellerliste der New York Times. Irgendwann hatte es dann auch seinen Weg in meinen Bücherschrank gefunden.

Der sechzehnjährige Miles verlässt sein ereignisloses Leben in Florida und zieht in das Internat Culver Creek in Alabama. Dort findet er Anschluss an eine Clique um seinen Zimmergenossen Chip, den alle Colonel nennen. Besonders fasziniert ist Miles von Alaska Young. Schon bei ihrer ersten Begegnung erscheint sie ihm als „das heißeste Wesen, das die Welt je gesehen hatte“. Später riecht sie für ihn nach „Mädchenschweiß und Sonnenschein und Vanille“. Miles verliebt sich in sie. Und während die Freunde wie immer heimlich rauchen, trinken, nachts das Gelände verlassen und das ganze Culver Creek mit aufwendigen Streichen in Atem halten, trifft sie der Tod von Alaska unerwartet. Die zweite Hälfte des Romans erzählt vom Leben danach.

Dieser zweite Teil des Buches zählt die Tage „danach“ nach oben, während die Kapitelüberschriften davor die Tage herunterzählen. Die Leserin weiß jedoch während dieses Countdowns nicht, was sie erwartet. Dies ist ein entscheidendes Mittel, um das (Liebes-)Leben im Internat, welches zwar unterhaltsam ist, aber keine außergewöhnliche Geschichte darstellt, spannend zu gestalten. Nach Alaskas Tod verändert sich die Spannung. Nun geht es darum, was in jener Nacht geschehen ist, und ob sich darauf überhaupt je eine eindeutige Antwort finden lässt. Die vielfältigen und spezifischen Leserfragen an John Green zeigen, wie sehr die Figuren der großen Fangemeinde des Buches ans Herz gewachsen sind. Nicht nur die alltäglichen Erlebnisse schweißen zusammen, sondern auch die Projektion der eigenen (aktuellen oder vergangenen) idealisierten Jugend: Regeln brechen, verliebt auf einer Wiese liegen, Sterne schauen, philosophisches Geplänkel. Und auch wenn man alle Figuren mit ihren Eigenarten irgendwie lieb gewinnt, bleiben doch Fragen offen, inwiefern diese realistisch dargestellt sind, insbesondere Alaska selbst. Sie wird ausschließlich vom verliebten Miles und in der Vergangenheit dargestellt und es bleibt unklar, wie sehr man ihm als Erzähler vertrauen kann. Diese Überhöhung von Alaska, ein allgemein eher wenig eigenständiger Protagonist, und die Persönlichkeitsentwicklungen der Figuren allgemein geben dem Buch eine psychologische Note.

Die Frage der Todesursache bleibt bis zum Ende offen. Die Ungewissheit lädt zum Kaffeesatzlesen ein, das merkt man auch an den Leserfragen deutlich. Vielleicht zeigt eine weitere Lektüre doch noch eine übersehene Andeutung? Vielleicht bekommt ein beiläufiger Satz im Rückblick eine andere Bedeutung? Diese Suche wird auch davon gefördert, dass es tatsächlich Andeutungen gibt: Green bestätigt beispielsweise das Zitat „from a hundred miles an hour to asleep in a nanosecond“ als Anspielung auf den Autounfall. Auch die Suche von Miles nach „letzten Worten“ und das Motiv des Labyrinths eröffnen weitere Deutungsebenen.

Green erzählt genug, um die Figuren vertraut zu machen, und lässt genug offen, um die Fantasie des Lesers auch noch einige Wochen nach der letzten Seite zu beschäftigen. Eine wie Alaska ist ein sehr gut geschriebenes, spannendes Buch, welches einem sehr ans Herz wächst. Ich lese es gern noch ein drittes oder viertes Mal. Vielleicht finde ich ja doch noch Antworten auf eine der vielen offenen Fragen.

Angaben
Titel: Eine wie Alaska
Originaltitel: Looking for Alaska
Autor: John Green, geboren 1977
Übersetzung: Sophie Zeitz
ISBN: 978-3-423-62403-9
Erscheinungsjahr: 2007

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