Jeder kennt das Gesicht von Rikio Mizuno. Doch wenn er selbst in den Spiegel schaut, erkennt er nur Rikio Mizuno, den Schauspieler und Star. Der Mensch dahinter schwindet.
Rikio Mizuno ist ein junger, erfolgreicher Schauspieler. Er verkörpert verschiedenste Figuren, hat eine große Fangemeinde und ein öffentliches Image, das seine Agentur entwirft und vermarktet. Hinter verschlossenen Türen beschäftigen ihn jedoch existenzielle Fragen: Wer bin ich, wenn ich nicht spiele? Was bleibt von mir übrig, wenn meine Rollen wegfallen? Je mehr Aufmerksamkeit ihm zuteil wird, desto unsicherer wird er, wer da eigentlich vor den Kameras posiert und spricht.
Mishima erzählt vollständig aus Rikios Ich-Perspektive und gewährt damit unmittelbaren Zugang zu dessen Gedanken, Ängsten und Erlebnissen. Rikio kreist häufig um sich selbst. Seine Selbstbeobachtung lässt ihn feinfühlig erscheinen, zugleich spricht er abwertend über das Aussehen seiner Fans und darüber, dass sie offenbar keine anderen Interessen haben. Die Sensibilität für das eigene Innenleben geht nicht selbstverständlich mit Verständnis für andere einher. Seine Gedanken wechseln sich mit dem Geschehen am Filmset und den Drehbuchszenen ab, die er spielt. Sein Alltag besteht vor allem aus Arbeit, Schlaf und Pressekonferenzen, die in einem wiederkehrenden Rhythmus aufeinanderfolgen. Die Übergänge zwischen diesen Ebenen verschwimmen; Rikio bewegt sich zwischen seinem Leben und seinen Rollen, ohne dass beides klar voneinander zu trennen wäre. Auch seine Assistentin und Geliebte Kayo verbindet diese Bereiche: Sie ist seine private Vertraute und arbeitet zugleich beständig an seinem öffentlichen Bild mit. Die Erzählung lebt weniger von äußerer Handlung als von Rikios Selbstbeobachtung. Sie reißt nicht mit, sondern lässt sich eher als Beobachtung lesen. Wer Freude an ihr finden möchte, sollte deshalb ein eigenes Interesse an Rikios Lebenswirklichkeit mitbringen.
Als Star 1960 erschien, steckte die japanische Idolkultur noch in den Kinderschuhen. Erst seit den späten 1960er-Jahren gewann sie an Bedeutung: Junge Frauen und Männer wurden als Unterhaltungspersönlichkeiten aufgebaut und vermarktet, häufig in der Musikbranche und unter strikten Regeln. Begegnungsveranstaltungen und Merchandise dienen dazu, Fans stärker an ihre Idole zu binden und parasoziale Beziehungen zu vertiefen. Während diese häufig aus der Perspektive der Fans untersucht werden, richtet Mishima den Blick auf die Seite der Stars. Trotz erkennbarer Parallelen lässt sich die spätere Idol-Industrie jedoch nicht mit der in Star dargestellten Filmwelt gleichsetzen.
Yukio Mishima lebte von 1925 bis 1970 und war einer der bedeutendsten japanischen Autoren der Nachkriegszeit. Darüber hinaus war er Model, Bodybuilder und Schauspieler. Star schrieb Mishima direkt nach seinem Mitwirken an der Produktion Afraid To Die, was dem Buch leichte autobiografische Züge verleiht.
Die Stärke von Star liegt in der besonderen Innenperspektive eines Menschen, der sich selbst kaum noch außerhalb seines öffentlichen Bildes wiederfinden kann. Mishima macht die Unsicherheit bis in die privaten Beziehungen deutlich. Aus heutiger Sicht eröffnet die Erzählung auch einen Vergleich mit der späteren japanischen Idol-Industrie. Die gedankliche Beschäftigung mit Identität und Inszenierung ist ergiebiger als die Handlung des Buches und verlangt deshalb besonderes Interesse vom Leser – wer einen Spannungsbogen oder eine übermäßige Entwicklung der Charaktere sucht, wird hier nicht fündig werden.
Angaben
Titel: Star
Autor: Yukio Mishima
Übersetzung: Sam Bett
ISBN: 978-0241383476
Erscheinungsjahr: 2019