Inhalt
Diese Ausgabe von Penguin Books enthält vier der Kurzgeschichten aus Mary Gaitskills Erzählbänden Bad Behaviour (1988) und Because They Wanted To (1997). Die Erzählungen drehen sich um Frauen in besonderen Lebenslagen: eine Schriftstellerin mit einer neuen Passion, eine Gelegenheitsprostituierte, eine Teenagerin, die ins Berufsleben einsteigt, und eine Jugendliche, die von zu Hause weggelaufen ist. Dabei werden die prekären Umstände, die verwickelten Beziehungen, Gefühle und Abhängigkeitsverhältnisse der Frauen beleuchtet. Gaitskill schreibt kühl, aber ohne pathologisch zu sein, erschüttert mit den tiefen Einblicken in emotionale Abgründe und Ausnahmezustände und fällt keine moralischen Urteile über ihre Charaktere. Sie schafft es, auf einem schmalen Bergkamm zu wandern, ohne in die nebenliegenden Abgründe zu rutschen: Weder neigen die Erzählungen in Pathos, Sentimentalitäten und Mitleid noch fallen sie in eine widerwärtige Freude am Geschehen. Die Geschichten wühlen auf und regen zum Nachdenken an.
Über die Autorin
Mary Gaitskill wurde in Lexington in den USA geboren, lief während ihrer Jugend mehrmals von zu Hause weg und erlebte nach eigenen Aussagen „einiges“, was ihr späteres Schreiben beeinflusste. Sie studierte Journalismus an der University of Michigan und zog nach dem Studium nach New York, wo sie ohne eine langfristige Anstellung über Wasser hielt. Ihr erstes erfolgreiches Buch war die Kurzgeschichtensammlung Bad Behaviour (1988). Eine der Kurzgeschichten wurde später von Steven Shainberg verfilmt. In Deutschland ist sie weniger bekannt, auch wenn ihre Werke teilweise ins Deutsche übersetzt wurden. Sie lebt heute im Hudson Valley in der Nähe von New York.
Popkulturelle Verankerung der Sexualisierung der Sekretärin
Die Erzählung „Secretary“ dreht sich um eine Teenagerin, welche beginnt in einer Anwaltskanzlei als Sekretärin zu arbeiten. Ihr Chef, der Anwalt, beginnt irgendwann das Machtgefälle auszunutzen und bestraft vermeidliche Fehler mit körperlicher und sexueller Erniedrigung.
Die sexualisierte Sekretärin ist kein unbekanntes Motiv in Literatur, Film und Co. Im 19. und 20. Im Jahrhundert arbeiteten zunehmend mehr Frauen in Büroarbeit, und erhielten damit Einzug in eine zuvor überwiegend männlich geprägte Bürowelt. Als erster wichtiger Punkt ist da die hierarchische Abhängigkeit der Sekretärin von ihrem Chef, der ein klares Machtgefälle schafft, welches als Druckmittel angewandt werden kann. Außerdem findet hier eine klare Schuldzuweisung an Betroffene statt: Die Frau ist nämlich immer selbst schuld an ihrer Belästigung – sie war falsch angezogen, zu verführerisch und so fort. Interessanterweise wird aber von der Seite männlicher Vorgesetzter auch schlichtweg die eigentliche Arbeit einer Sekretärin – Überblick behalten, Korrespondenz bearbeiten, persönliche Vorlieben kennen, organisieren, erinnern – oft als Handlung zwischen mütterlich-fürsorglich und kokett-verführerisch gelesen. Damit verschwimmen persönliche und berufliche Welt, die Arbeit der Frau wird „emotionalisiert“, in eben jenem Verständnis abgewertet oder als selbstverständlich angesehen. Daraus entstand auch der Begriff „office wife“, wobei in den zugehörigen Dramen der Mann als handelnde Person klassischerweise in den Hintergrund tritt und zum Objekt des Begehrens wird, um das sich „wife“ und „office wife“ zanken. Jennifer L. Berdahl (2007) argumentiert darüber hinaus, dass sexuelle Belästigung auch von Männern als Mittel angewandt worden sein könnte, um ihre eigene Position und ihren geschlechtsbezogenen Status zu sichern. Die sexuelle Belästigung verstärkt Machtgefälle, reduziert die Frau auf ihren Körper und schafft gleichzeitig durch gemeinsame sexuelle Belästigung (bzw. deren Unterstützung oder Ignoranz) eine Allianz zwischen den männlichen Personen im Büro.
Diese immer wieder reproduzierte und erotisch angereicherte Erzählung, ist ein Bild, von dem vor allem Männer profitieren, da ihre Autorität legitimiert wird und Ansprüche auf weibliche Verfügbarkeit legitimiert werden. Doch diese Erzählung wird natürlich nicht nur von Männern reproduziert; auch Frauen können einen solchen „Male Gaze“ übernehmen und internalisieren. Ein interessantes Beispiel ist der „Office Siren“ -Trend, bei dem man diskutieren kann, inwiefern er mit diesen Elementen spielt.
Weiterführende Links: Interview mit Mary Gaitskill (2017)
ISBN: 9780241752210