Inhalt
Der Protagonist Walter Faber ist Ingenieur und betrachtet die Welt fast ausschließlich als etwas, das sich berechnen, erklären und technisch beherrschen lässt. „Das andere Geschlecht“ sieht er als minderwertig an, klischeehaft von Gefühlen getrieben und zu Hysterie neigend. Durch eine zufällige Verkettung von Ereignissen bricht jedoch die Vergangenheit in Fabers Leben ein. Seine sonst so analytische Weltanschauung wird immer strenger auf die Probe gestellt.
Das Buch ist in zwei sog. „Stationen“ aufgeteilt: Die erste wird ich-erzählerisch von Faber dargelegt, inklusive Vorgreifen des Ichs und Rückblenden. Der zweite Teil ist eher in tagebuchartigem Stil verfasst und kontrastiert den ersten Teil sowohl strukturell als auch inhaltlich. Auch die Sprache des Protagonisten verändert sich im Laufe des Buches und macht damit den Wandel deutlich. Gleichzeitig führt die Inkongruenz von Fabers Sprache und Handeln dem Leser indirekt den falschen Ansatz vor. Ein letztes Detail: Der Untertitel des Buches lautet „Ein Bericht“, was ironisch zu deuten ist, da Fabers Erzählung hochgradig subjektiv ist, auch wenn er meint, überall metrische Maßstäbe anzulegen.
Die zugrunde liegenden Themen und Debatten des Buches sind je nach Interpretation immer ein wenig anders. Da wäre beispielsweise die „Technikdebatte“, die zwischen Technikoptimismus (ausgelöst durch wissenschaftliche Fortschritte und wirtschaftlichen Aufschwung) und Technikpessimismus (welcher u. a. durch die Erfahrungen der Weltkriege gefördert wurde) schwankt. Daneben steht die Thematik um das Bild, dass sich jeder Mensch von der Welt und von sich selbst macht. Und was passiert mit der Identität, wenn diesem Bild von der Realität vehement widersprochen wird? Ein Motiv dafür in „Homo Faber“ ist der Körper: Er wird hier zur Grenze, an der der Kontrolldrang Fabers scheitert und die Funktion durch Alter, Schweiß, Falten, Erschöpfung und Krankheit eingeschränkt wird. Und als Letztes wären da noch die zahlreichen Referenzen in die griechische Mythologie – das schauen wir uns im Abschnitt unten genauer an.
Über den Autor
Max Rudolf Frisch wurde 1911 in Zürich geboren und fing schon in der Schulzeit an zu schreiben. Er studierte zunächst Germanistik und arbeitete als Journalist, studierte später Architektur und betrieb ein eigenes Architekturbüro. Er empfand die künstlerische Existenz lange als zu unsicher, um sich komplett darauf einzulassen, und erst der literarische und kommerzielle Erfolg seines Romans „Stiller“ von 1954 ermöglichte es ihm, das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen. Er war zweimal verheiratet und pflegte zahlreiche weitere Beziehungen, unter anderem mit Ingeborg Bachmann. Er schrieb unter anderem auch für das Theater und bereiste verschiedenste Regionen der Welt. Er verstarb am 4. April 1991 in Zürich kurz vor seinem 80. Geburtstag.
Antikenrezeption und ihre Gründe
Die mythologischen Referenzen in „Homo Faber“ sind vielfältig und zahlreich (Achtung, Spoiler). Die inzestuöse Beziehung zwischen Faber und seiner Tochter wird von Anspielungen rund um Ödipus begleitet; das Motiv der Blindheit zeigt sich am deutlichsten auf der Rückfahrt von Faber nach Zürich, bei der er darüber nachdenkt, sein Gesicht in die Gabeln fallen zu lassen. Fabers Befürchtung, jemand könne ihn „rückwärts mit einer Axt erschlagen“, erinnert an Klytaimnestras Mord an Agamemnon. Auch zur Verwicklung von Hades, Demeter und Persephone lassen sich Beziehungen finden, da Faber (als Hades) gewissermaßen die Tochter (ins Reich der Toten) entführt. Auf ihrer Reise sehen sie im Museo Nazionale Romano außerdem die Kunstwerke „Geburt der Venus“ und den „Kopf einer schlafenden Erinnye“. Und sobald sich Elisabeth der Liebesgöttin annähert, wirft sie einen Schatten auf die Rachegöttin, der sie „geradezu wild“ aussehen lässt. Auch die Erinnyen selbst – oft mit Hundekopf dargestellt – verfolgen Faber, indem wieder Gleichnisse und Beispiele mit Hunden angebracht werden.
Auch wenn dieses Werk beim genauen Hinschauen gespickt mit mythologischen Motiven der Antike zu sein scheint, ist es keine Ausnahme. Von den Künstlern der Renaissance, über Goethe mit seiner Iphigenie und dem Prometheus und James Joyce mit Ulysses, bis in den Juli dieses Jahres mit Christopher Nolans „The Odyssey“ – die antiken Mythen und Motive werden seit Jahrhunderten wiederverwendet. Doch warum verfangen sie so, dass sie auch nach 2000 Jahren noch immer Stoff für die besten Geschichten bieten, obwohl man sie längst kennt? Man könnte meinen, sie behandeln einfach „zeitlose menschliche Wahrheiten“, doch das ist wissenschaftlich schlecht zu belegen. Natürlich kommen klassische Motive vor, doch dies ist nicht allein Motiven der Antike vorbehalten. Stattdessen schauen wir in Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979): Nach ihm besitzen diese Sagen keinen eigentlichen festgelegten Sinn – dieser entsteht erst dadurch, dass Menschen immer wieder an ihm arbeiten. Die Haltbarkeit liegt also gewissermaßen darin, dass die Geschichte veränderbar und adaptierbar ist – man kann leicht einzelne Motive und Schemata herausbrechen, sie universell verwenden und durch einen Wiedererkennungseffekt eine zweite Bedeutungsebene schaffen. Und warum sind es jetzt schlussendlich die griechischen Sagen geworden und nicht ägyptische oder nordische Mythen? Die griechische Gottes- und Sagenwelt wurde zunächst durch die Römer wieder aufgegriffen und konnte auch im Mittelalter ihre Bekanntheit in begrenztem Rahmen halten. In der Renaissance wurde sie dann umfassend adaptiert und spätestens danach hatte sich ein Kreislauf gebildet: Sie waren so bekannt, dass man sie ohne Erklärung verwenden konnte, was dazu führte, dass sie auch weiterhin vielfältig in der Kunst verwendet wurden und werden. Auch bei Frisch haben schon einige Bilder und die inzestizöse Beziehung ausgereicht, damit wir einen Ödipus sehen. Diese Mythen überleben also nicht, weil sie zeitlos sind, sondern weil sie mittlerweile bekannt genug sind, damit jede Zeit sie neu erzählen kann.
Weiterführende Links: Hans Blumenberg, Die Arbeit am Mythos (1979)
ISBN: 978-3-518-36854-1