Inhalt
Im Mittelpunkt des Romans steht der zwölfjährige Théo, dessen Eltern geschieden sind. Seine Mutter lebt mit ihrem neuen Freund in einer netten Wohnung – doch den Vater schweigt sie tot, weil er sie für eine andere Frau verlassen hat, und sie reagiert sensibel, sobald Théo ihn erwähnt. Für die Mutter existiert sein Vater nicht mehr, und Théo hat es lange aufgegeben, ihn zu erwähnen. Sein Vater jedoch hat einige Zeit nach der Trennung seinen Job verloren. Als ihn zusätzlich auch seine Freundin verlassen hat, ist er in eine unaufhaltsame Depression abgerutscht, abhängig von Psychopharmaka geworden und lässt seine Wohnung verwahrlosen. Théo übernimmt hier Aufgaben, die eigentlich sein Vater tun sollte, steht für seine Versäumnisse gerade – und hält zu ihm, verheimlicht seinen Zustand vor der Mutter und allen anderen. Jede Woche zieht Théo von A nach B. Jedes Mal ein völlig anderes Leben, ohne Brücke dazwischen.
Théo wird durch den Zustand zerrieben und fängt an, Alkohol zu trinken. Sein bester Freund Mathis macht mit, aus Loyalität, doch bald geht Théo immer weiter und Mathis bekommt Angst. Doch er sagt nichts. Auch nicht, als Théo sich an einem schneebedeckten Park auf ein gefährliches Spiel einlässt.
Die einzige Person, die etwas ahnt, ist Hélène, die Klassenlehrerin der beiden Jungen. Sie sieht die stillen, unzertrennlichen Jungen mit guten Noten jeden Tag im Unterricht und merkt schnell, dass etwas nicht stimmt. Doch wie genau herausfinden, was? Und zwar, bevor es zu spät ist?
Über die Autorin
Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, studierte Journalismus und Kommunikation und machte sich später als Autorin selbstständig. 2007 hatte sie ihren ersten großen Erfolg mit dem Roman „No & Moi“. Zahlreiche ihrer Werke wurden mit Preisen ausgezeichnet, in viele Sprachen übersetzt und verfilmt. In einigen ihrer Bücher geht es darum, wie Kinder unter den Handlungen von Erwachsenen leiden müssen. Sie lebt heute mit zwei Kindern in Paris.
Der gesellschaftliche Schaden von Alkohol als normalisierter Droge
„Loyalitäten“ ist ein dünnes, fast analytisches Buch. Die Charaktere sind vielschichtig und die Beziehungen fein miteinander verwoben, das Tempo des Buches ist hoch, insbesondere durch die Perspektivenwechsel. Die Themen sind hart, und es sind viele: Scheidung, Depression, Kindesmisshandlung, Alkoholismus, familiäre Traumata, Online-Hass, soziale Unsicherheit. Insbesondere der Alkoholkonsum von Théo geht dem Leser nah.
Alkohol ist in Europa die am leichtesten verfügbare Droge. In Deutschland dürfen Bier und Wein bereits ab 14 konsumiert werden, wenn eine personensorgeberechtigte Person dabei ist. Allein kaufen geht erst ab 16. In Frankreich liegt die Grenze für Alkohol allgemein bei 18 Jahren, in Norwegen, Schweden und Finnland darf man alkoholische Getränke über 22% sogar erst ab 20 Jahren kaufen. Alkoholkonsum hat in Europa eine lange kulturelle Geschichte. Alkohol gehört zu Festen, Feiern und gesellschaftlichen Zusammenkünften und wird dadurch oft weniger als Droge wahrgenommen als andere psychoaktive Substanzen.
Unter Jugendlichen ist der Konsum in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Trotzdem hatten 2023 noch 63 Prozent der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Alkohol getrunken; 15,1 Prozent berichteten von mindestens einem Rauschtrinken innerhalb der vergangenen 30 Tage. Seit einigen Jahren stagniert dieser langfristige Rückgang allerdings weitgehend (BIÖG Drogenaffinitätsstudie 2023).
Das Problem beschränkt sich allerdings weder auf Jugendliche noch auf eine Alkoholabhängigkeit im engeren Sinne. Die Gefährlichkeit von Alkohol liegt auch darin, dass bereits einzelne Rauschzustände erhebliche Folgen haben können. Mit steigendem Konsum können schlechter Risiken eingeschätzt und Impulse kontrolliert werden – es werden also Urteilsvermögen und Selbstkontrolle gemindert. Dadurch können Unfälle entstehen, die die konsumierende Person, aber auch unbeteiligte Verletzte oder sogar töten können. Auch aggressives Verhalten und Gewalttaten werden durch die Enthemmung durch den Alkohol eskaliert und gefördert. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation war Alkohol 2019 in der europäischen WHO-Region für fast ein Drittel aller Todesfälle durch Verletzungen und Gewalt verantwortlich. Bei Todesfällen durch zwischenmenschliche Gewalt lag der alkoholbedingte Anteil sogar bei über 40 Prozent. Der gesellschaftliche Schaden durch Alkohol betrifft also nicht nur die eigentlichen Konsumenten, sondern auch ihr Umfeld oder Unbeteiligte. Gerade Familie und Freunde tragen die Folgen von Missbrauch und Abhängigkeit auch mental und finanziell mit; sie begleiten ins Krankenhaus, übernehmen Aufgaben und Arbeit, müssen mit Unzuverlässigkeit umgehen und sich dem Umfeld erklären.
Auch wenn der Konsum in „Loyalitäten“ zunächst im Verborgenen stattfindet, und als „Coping“-Mechanismus genutzt wird, wird durch das Buch doch klar, welche drastischen Schicksale hinter dieser so normalisierten Droge liegen. Diese Realität sollte immer wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein geholt werden.
Weiterführende Links: Die taz zum Konsumverbot von Alkohol auf deutschen Bahnhöfen
ISBN: 978-3-8321-6503-1