Inhalt
„Nichts als Gespenster“ versammelt sieben Erzählungen über Menschen, die reisen, Beziehungen führen, sich verlieben, einander verlieren und dabei oft selbst nicht so genau wissen, wonach sie eigentlich suchen. Die Geschichten führen unter anderem nach Island, Venedig, Norwegen, Prag, Karlsbad und Nevada. Die Figuren sind meist junge Erwachsene, die sich zwischen wechselnden Orten, Freundschaften und Liebesbeziehungen bewegen und dabei immer wieder mit der Frage konfrontiert werden, ob sie bleiben oder weiterziehen wollen.
Große Ereignisse stehen selten im Mittelpunkt. Stattdessen erzählt Judith Hermann von Begegnungen, Gesprächen, gemeinsamen Reisen und kleinen Momenten, in denen sich Beziehungen plötzlich verändern oder Möglichkeiten eines anderen Lebens sichtbar werden. Vieles bleibt unausgesprochen: Gefühle werden angedeutet, Entscheidungen vertagt und Beziehungen bleiben in einem Zustand zwischen Nähe und Distanz. So verbindet die einzelnen Geschichten weniger eine gemeinsame Handlung als ein ähnliches Lebensgefühl – die Suche nach Nähe, Zugehörigkeit und einem Ort, an dem man bleiben könnte, während gleichzeitig immer die Möglichkeit besteht, weiterzugehen.
Über die Autorin
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren und wuchs im Stadtbezirk Neukölln auf. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Berlin, welches sie jedoch abbrach und die Berliner Journalistenschule besuchte. 1997 nahm sie an der Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin teil, entdeckte später in den USA die Kurzgeschichte als ihr liebstes Format und veröffentlichte 1998 ihren ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später“. Dieser erntete überwiegend positive Kritiken, wurde zum Verkaufsschlager und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Nach diesem Erfolg lastete Druck für weitere Werke auf Judith Herrmann, „Nichts als Gespenster“ ist der Erzählungsband, der auf dieses Werk folgte. Sie veröffentlichte außerdem zwei Romane. Heute lebt sie in Berlin.
Nostalgie für eine Zeit, die man selbst nicht erlebt hat
„Nichts als Gespenster“ spielt in den frühen Zweitausendern. Es ist ein Produkt seiner Zeit und erhielt unter anderem so gute Kritiken gerade, weil Judith Hermann es schaffte „den Sound“ einer ganzen Generation einzufangen. Sie vermittelt die diffuse Lebenswirklichkeit der Großstadt-Boheme, wie sie es selbst teilweise nennt, mit grenzenlosen Möglichkeiten aber gerade dadurch in einem Schwebezustand zwischen Verbindlichkeit, Entscheidung, Nähe und dem Wunsch sich selbst zu verwirklichen und dabei alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Lethargisches durch-die-Situation-gleiten wird einer hypersensiblen Bedeutsamkeit gegenübergestellt: „Alles ist vermittelt, alles ist indirekt, alles ist Kunst. Die Sehnsucht nach Wärme, ein Zufall, ein Lichtfleck: kleine Momente sind es, die stehenbleiben. Es ist nicht zu erklären, aber es ist ein ganz konkretes Gefühl. Es hält nicht lange vor, aber man kann sich lange daran erinnern.“ (Deutschlandfunk, 2003)
Liest man dieses Buch heute, ist das Gefühl noch genauso verständlich wie damals, obwohl die Zeit eine andere ist. In den Geschichten des Buches klingt immer Nostalgie mit und nach. Nicht nur die Charaktere selbst sind nostalgisch, sondern auch das, was man in der Geschichte erlebt fühlt, sich an wie eine eigene unscharfe Erinnerung an eine bedeutsame, besondere Zeit. Eine Zeit, die man selbst nicht erlebt hat. Dieses Phänomen ist nicht selten. Viel Aufmerksamkeit fand es online nach der Veröffentlichung der letzten Stranger Things Staffel. Nach vielen Folgen in wenig Tagen sehnten sich die Menschen zurück in die Welt der 1980er der Charaktere, nach BMX fahren in den Sonnenuntergang, Walkie-Talkies, VHS Rauschen, Synthesizern, Holzvertäfelungen und blinkenden Spielautomaten. Eine Sehnsucht nach einer medial reproduzierte Vergangenheit, nicht in die echten 1980er in den USA. Stranger Things ist nicht die einzige Serie, die mit diesem Gefühl spielt.
Mit diesem Phänomen im Hinterkopf bekommt „Nichts als Gespenster“ nochmal eine besondere Bedeutung: Das Buch löst eine Nostalgie aus, für eine Zeit, die man selbst nicht erlebt hat – die es vielleicht niemals wirklich gab, da die Geschichten zeitlos sind, dass man sie auch jetzt noch nachfühlen kann und ohne kitschige Bilder der 2000er auskommen. Aber war das Gefühl des Buches einmal so konkret, dass sich beim Erscheinen „ganze Generationen“ damit identifizieren konnten. Vielleicht stellt das Buch ein so zeitloses Gefühl dar, dass man sich in fast jeder Generation in einem bestimmten Lebensabschnitt oder einer bestimmten Lebenssituation damit identifizieren kann.
Weiterführende Links: Analyse zu „Nichts als Gespenster“ im Deutschlandfunk von 2003
ISBN: 978-3-596-15798-3