vonMilla Müller 20.11.2021

Wiege, Bahre, Sex

Körper sein und Körper haben. Ein Blog über das Geboren werden, Sex und Sterben.

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Lass mal kämpfen für Your Body – Your Choice. Weil:

Your Body – Not Your Choice.

Wir kommen alle irgendwie ohne unser eigenes Zutun zur Welt. Alle mit einem irgendwie zufällig aussehenden Körper. Und das ist jetzt keine großartige Neuigkeit, aber eben doch ein wichtiges Detail in den Debatten, die wir darüber führen, wer jetzt eigentlich über welchen Körper wie bestimmen darf. Oder wie wir persönlich und gesellschaftlich mit der Tatsache umgehen wollen, dass wir nun mal alle einen Körper haben. Ich meine, sehen wir es doch mal so: Es gibt diese Welt und auf dieser wandeln ungefähr acht Milliarden fleischige Zell-Haufen mit Knochen und Zeug in sich drin herum. Und ja Knochen und das Zeug drin sind auch irgendwie Zell-Haufen – aber hey. Was ich sagen will: Acht Milliarden menschliche Körper. That‘s it. Ein Zell-Haufen zum Großteil wie jeder andere Zellhaufen. 

Alles ganz natürlich also. Weniger natürlich fühlt es sich an, wenn ich mir dieses eine störende Haar an meiner linken Augenbraue auszupfe. Es sieht, wie ich finde, wirklich scheiße aus. Weil es ist das einzige Haar, das quer gegen die sonst so „natürliche“ Wuchsrichtung meiner Augenbrauenhaare wächst. Helfe ich der Natur also ein bisschen nach. Kultivierte Augenbrauen sind ja auch etwas Schönes oder?

Also alles schon gar nicht mehr so natürlich.

Es gibt Menschen die sagen, die Kultur ist die Natur des Menschen. Gehen wir diesen Gedanken mit: gehen wir also davon aus, dass die Kultur und die Struktur, die es schon lange vor meiner und unserer Zeit gab und in die wir eben hineingeworfen werden, sehr viel damit zu tun hat, wie wir unsere natürlichen Körper wahrnehmen und bewerten, wie andere unsere Körper wahrnehmen und bewerten und wie wir alle mit unseren und anderen Körpern umgehen.

Und sagen wir so –  wie wir auf Grund von Körpern miteinander umgehen – das muss noch so viel besser.

Weil unsere Welt ist irgendwie zu einem Ort gemacht worden ist, in dem die Grundlage unseres Zusammenlebens schon auch zumeist zufällige Merkmale sind, die eben mit unserem Körper zu tun haben. Es sind einfache Dinge wie Pimmel haben oder Pimmel nicht haben. Hautfarbe. Funktionsfähigkeit auf einer Skala von 1 – 100 und so weiter.

Und weil unsere Welt und unsere Kultur also rassistisch, sexistisch, ableistisch, fett-feindlich und eben so weiter ist, haben wir mehr oder weniger „Glück“ mit unseren Körpern beim auf die Welt Kommen.

Das Ding: trotzdem sind wir halt jetzt alle so hier. Mit diesem einen Körper, den wir bekommen haben und der wir sind: mit dem werden wir geboren, haben wir Sex (wenn wir Sex haben) und sterben wir. Vor allem leben wir einfach viel damit.

Und während wir mit diesem zufälligen Körper leben, versuchen wir diesen eben ganz unzufällig, man könnte fast meinen ganz gezielt, zu stählen oder zu schmälern. Wir pushen und polieren uns. Am besten duften wir auch noch dabei und überhaupt 24 Stunden am Tag. Hauptsache wir haben diesen, unseren Körper irgendwie im Griff. Passen irgendwie in ein Ideal, in dieses System. Das alles passiert während die Schlinge um unseren Hals – die in diesem Fall die Normvorstellung von Körpern in unserer (westlichen) Gesellschaft meint – uns schon ganz schön die Luft zum Atmen abschnürt. Und atmen ist schon eher wichtig zum Leben. Klingt theatralisch aber ja – ist auch einfach so schlimm.

Wir bewerten unsere Körper, wir bewerten die der anderen.  Alles auf Grund eines absurden Systems was warum nochmal irgendwie da ist? Und weil wir doch irgendwie wissen, dass dieses System wirklich völlig fragwürdig ist, versuchen wir unseren Körper gleichzeitig auch zu lieben und nicht so streng zu sein. Gut mit ihm umzugehen. Das was wir eben beeinflussen können oder meinen beeinflussen zu können „positiv“ zu beeinflussen. Ja auch das versuchen wir.

Deswegen motiviere ich mich schon mindestens einmal die Woche für eine Stunde Yoga um entspannter mit mir und meinem Körper zu werden. Um mich endlich wohl zu fühlen, lese ich noch 3643 Instagram Self-Love Sprüche und baller mir jeden Tag einen Ingwer Shot. Dabei denke ich darüber nach inwieweit das jetzt gesund ist, was ich tue und wie sehr ich mich auch nur einem zeitgemäßen Körperoptimierungswahn hingebe, um weiter in einem kranken und diskriminierenden System zu funktionieren. Um mich nach diesen frustrierenden Gedanken wieder besser zu fühlen, erfreue ich mich an meinem Porridge mit Blaubeeren (best Superfood ever!) und einer Prise Zimt, was mega healthy für mich und meinen Körper ist. Mache ich natürlich meistens an diesen Tagen danach. Nachdem ich mir eine Flasche Wein am Vorabend gegönnt und nicht nur eine sondern gleich zwei Tüten Chips gegessen und viel zu viel geraucht habe. Weil ich doch mit all dem Druck nicht so gut klar komme. Aber da kann man wirklich sagen: besser eine Flasche Wein und zwei Tüten Chips – als zwei Flaschen Wein und eine Tüte Chips. Um das auch auf jeden Fall zu bewerten.

Und egal, wann ich was mit mir und meinem Körper mache. Es drängt sich immer die Frage auf: für wen mache ich den ganzen Scheiß? Um mir zu gefallen? Oder um dir zu gefallen? Vielleicht ja auch um meiner Mama ein bisschen zu gefallen. Um in einer Struktur zu gefallen, die mich dann dafür belohnt eben eher der Norm zu entsprechen als nicht? Und wenn ich mir halt auch gefalle weil ich dir, meiner Mama oder sonst wem eben gefalle? Wenn ich eben gerne belohnt werde?

Die Antwort: keine Ahnung. Mal so mal so wahrscheinlich. Kompliziert ist es immer.

Ich hätte gerne eine Welt in der es egal ist. So ist es aber nicht. Es ist eben nicht egal mit welchem Körper wir wie rumlaufen. Und gleichzeitig können wir uns nicht aussuchen, mit welchem Körper wir wie rumlaufen. Das nervt. Und solange es aber so ist – und ohne die Stimmung zu vermiesen – ich bin nicht sicher, ob es jemals anders sein wird, müssen wir weiter debattieren, weiter streiten und kämpfen, weiter Wege finden gut mit uns und einander umzugehen.

Aber jetzt geh ich erst einmal richtig healthy kacken. Weil was unsere Zell-Haufen seit ewig verbindet – und es heißt doch immer so schön, dass wir uns auf Gemeinsamkeiten konzentrieren sollen – ist genau das. Schon vor der Geburt, während unseres gesamten Lebens, ja manchmal sogar beim Sex und tatsächlich auch noch nach dem Tod. Irgendwie kacken.

Also bis dann. Und selbst wenn es gleich oder bei euch beim nächsten Stuhlgang nicht so gut duftet. Dafür riecht es doch ab und an in der Luft nach Revolution. Also lasst wirklich weiter kämpfen für: My Body – My Choice und Your Body – Your Choice. Für uns alle eben.

 

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