vonMagdalena Schwarzwald 04.08.2022

Wiege, Bahre, Sex

Körper sein und Körper haben. Ein Blog über das Geboren werden, Sex und Sterben.

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So, da wären wir wieder. Alte Texte lesen ist fast wie alte Tagebücher aus verstaubten Kisten kramen. Ein Text, den ich vor einem Jahr geschrieben habe, treibt mich um. Die Frage treibt mich um: Wer bin ich? Und wer will ich sein? Was bin ich? Und was kann ich sein? Wo stehe ich? Was habe ich erreicht? Was will ich überhaupt einmal erreicht haben? Will ich mehr haben oder will ich mehr sein? 

Weil ich gerade durch mein Leben laufe ohne zum Schreiben zu kommen – aber immerhin zum lesen. Eine Idee von wer ich vor einem Jahr war. Wer ich sein wollte.

(Spoiler: Ich werde jetzt erstmal Bestatterin)

SEPTEMBER 2022 – Ein paar Gedanken zum Sein.

Wir haben kein Haus gekauft – wir werden uns scheiden lassen.

In Kriminiologie wäre ich vielleicht hineingekommen, aber die Email ist niemals dort angekommen.

Die Welt steht immer noch am Abgrund und ich frage mich ob es je wieder anders sein wird – ob es überhaupt jemals anders war?

Gestern bin ich zufällig mit alten Parteigenossen in einer Kneipe versumpft. Alt weil ich jetzt 30 geworden bin, was auch noch jung ist. Sie sind nicht älter als ich. Alt aber weil ich inzwischen mit Parteipolitik für mich Schluss gemacht habe. Ich bleibe aber suchend. Manchmal findend, was die Kunst betrifft. Immerhin kann ich jetzt dann für die TAZ bloggen. Ein Anfang. Ich versuche herauszufinden wohin die Reise gehen soll. Die letzten Monate habe ich mich verrannt. Viel zu viel für ein Projekt gearbeitet für viel zu wenig Geld und viel zu viel toxischer Männlichkeit. Und leider viele Dinge vernachlässigt die mir wichtig sind. Therapie sei Dank habe ich die Kurve bekommen. Aber es bleibt anstrengend manchmal los zu weinen, weil man nicht weiß, ob man lieber mit der elektrischen Zahnbürste oder der Handzahnbürste die Zähne putzt. Aber es wird besser. Die Kette in meinem Leben scheint sehr lang mit Punkten, an denen Dinge immer und immer wieder schief gelaufen sind. Noch immer schief laufen. Weil meine Überlebensstrategien wie eingebrannt sind. Wenn einem klar wird, dass Beziehungen bisher nur in einem Spannungsfeld von Verlust- und Bindungsstörung passieren konnten, wenn man die eigenen Kinder anschaut und manchmal nur hoffen kann, nicht all den Ballast auf diese kleinen Schultern gelegt zu haben – es reißt einen an manchen Tagen den Boden unter den Füßen weg. An manchen Tagen fällt es mir schwer aufzustehen. Aber es werden immer mehr Tage an denen das Leben sich einfach gut anfühlt. Dementsprechend schaffe ich irgendwie mein Studium. Und teilweise sogar sehr gut. Vielleicht weil ich viel schreiben darf und schreiben für mich schon immer sehr heilsam war.

Aber zum Beispiel jetzt gerade, wenn mich jemand fragen würde wo ich in  fünf Jahren stehe? Vermutlich immer noch ein bisschen verloren und aber doch zufrieden irgendwo im Leben. Fest mit beiden Beinen hoffentlich.

Aber wenn mich jetzt nochmal wer fragen würde wie damals als Kind: Was willst du werden wenn du groß bist? Die Antwort ist vielleicht als Künstlerin und Autorin – vielleicht Aktivistin. Vielleicht konnte ich das ja als Kind nur nicht benennen, weil mir niemand gesagt hat, dass das wirkliche Berufe sind.

(Und die Frage sollte immer heißen: Was willst du einmal beruflich machen? Denn Kinder sind schon wer. Nicht erst wenn sie groß sind.)

Wie viel wir nicht „kennen“ weil wir es nicht benennen dürfen. Vulva und Vagina zum Beispiel. Also dieses da unten. Wusstet ihr, dass die Abbildung der heiligen Maria auch einfach nur eine Vulva abbildet? Eigentlich logisch. Die heilige Maria – Symbol der Fruchtbarkeit. In Perimortale Wissenschaften beschäftige ich mich übrigens mit dem Sterben von Systemen, wie dem Patriarchat. Warum Menschen wegen des Patriarchats sterben, also mit Femiziden.

Mein persönlicher Versuch wird es sein durch praktische Bildungsarbeit im präventiven Bereich, irgendetwas zu tun was vielleicht hilft, dass eine Revolution möglich wird. Weshalb ich im Februrar neben dem Master noch eine Fortbildung zur Sexualpädagogin anfange. Diese wird ein Jahr dauern und ich mich alle 5 oder 6 Wochen dafür nach Linz bewegen für ein Wochenende.

Ich denke alles was ich tue ist politisch. Alles was ich tue, tue ich als Feministin. Vielleicht bin ich gerade auf einem guten Weg mich zu radikalisieren, in einem demokratischen Spannungsfeld. Martha Nussbaum kann ich hierzu empfehlen und ihre Gedanken welche Emotionen Demokratien gefährden. Aber das nur am Rande.

Die letzten Monate bin ich intellektuell eingegangen. Aus Gründen. Was mich zu meinem gestrigen Abend zurück bringt und den Genossen. Es war mir ein inneres Fest mir zwei Stunden mit Gleichgesinnten und doch anders sozialisierten Menschen die Systemfrage zu stellen. Über die Bundestagswahl zu diskutieren, mir Meinungen anzuhören, Fragen zu stellen, Fragen zu beantworten. Darüber zu streiten warum es linke Kolumnist:innen schwerer haben scharf zu schießen und warum ich eigentlich gerne wie ein alter weißer Mann, an einem schweren Schreibtisch nachts rauchend und trinkend Texte verfassen würde die, wenn sie denn gelesen werden, mindestens ein paar Leute kurz die Luft anhalten lassen. Danach würden diese Leute schmunzelnd feststellen, dass hier auch wenn es nicht die eigene Meinung ist, die Worte die zu lesen sind, erfrischend empören und zum nachdenken veranlassen.

Ich möchte im Spannungsfeld mutig und naiv Dinge sagen. Ich möchte mich trauen, dass es okay ist, dass ich Dinge sage. Dinge die viele andere auch sagen könnten, aber in keinster Weise so privilegiert sind. Weswegen ich vielleicht sogar verpflichet bin Dinge anzusprechen?

Und doch sind die Zweifel über Allem erhaben und die Angst vor der Welt, sobald man eine öffentliche Bühne betritt, bleibt. Aber Augen auf und durch würde ich sagen.

Sobald ich tot bin, und das werde ich ja zwangsläufig irgendwann sein – zumindest munkelt man, dass wir alle einmal sterben. Da werde ich in Ruhe die Augen schließen und mich der Welt entziehen, weil die Welt sich mir entzieht. Aber hoffen wir, dass dieser Moment noch nicht heute und nicht morgen ist und ich noch einige Jahre habe, um zu Zweifeln, zu Lieben, um Wein zu trinken und zu rauchen und eben um vielleicht doch irgendwann herauszufinden, wie wir das Patriarchat stürzen. Das wäre ein Fest.

Ein Fest war auch die Hochzeit damals. Weniger festlich aber vielleicht die vernünftigere Entscheidung war die Trennung. Jetzt sitze ich hier am Esstisch in „meinem“ Reihenmittelhaus, die Heliumluftballons von meiner Geburtstagsparty am Wochenende fangen an ihren Auftrieb zu verlieren. Die letzten Konfettireste habe ich inzwischen entfernt.

Ein Gefühl von nochmal 18 werden. Nur mit Leben schon ein- oder zweimal durchgespielt. Zwei Männer. Zwei Kinder. Und noch immer nicht erwachsen.

Aber was ist auch erwachsen für ein Wort:

  • allmählich (aus etw.) entstehen, sich herausbilden
  • sich bis zur völligen Größe entwickeln, heranwachsen

Offensichtlich mehr ein Prozess als ein Punkt. Und welche Erwachsenen zeigen schon völlige also vielleicht wahre Größe? Und wer bekommt überhaupt den Raum um wachsen zu dürfen?

Es freut mich, dass in diesem ganzen Abfuck der auf der Welt gerade geschieht, vor allem junge Mädchen und Frauen, wahre Größe beweisen, Proteste anführen und für eine gerechtere Welt kämpfen. Ich selbst werde keinen Protest mehr anführen. Aber ich möchte gerne junge Mädchen und Frauen dazu ermutigen, dass sie sich ermächtigen für ihre Bedürfnisse und Grenzen einzustehen und laut und wütend zu werden und Dinge tun. Denn Macht kommt von machen. Und so viele Leute machen einfach so viel dummes Zeug.

Und ich frage mich, ob ich es mir erlauben kann Texte zu veröffentlichen. Verrückt. So vieles ver-rückt auf dieser Welt.

In diesem Sinne und mit einem Zitat von Günter Grass:

„Ein[e] Schriftsteller[in], der[die] das Einverständnis mit den Herrschenden sucht, ist verloren.“ Dann versuche ich nicht verloren zu gehen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

 

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