vonWolfgang Koch 10.09.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Mit Politik, dieser »Sekundenhusterei«, hat Nitsch seit der Leserbriefphase seiner Jugend nichts mehr am Hut. Viele Jahre lang korrespondierte er mit dem deutschen Antiquariatsanarchisten Jochen Knoblauch, alle anderen Begegnungen gingen nicht von ihm aus. Kunstministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) stellte sich in den späten 1970er-Jahren schützend vor sein Werk. Mistelbachs Bürgermeister Christian Resch und NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll verdankt Nitsch sein erstes Museum. Als Fans outeten sich ausserdem Joschka Fischer und Leoluca Orlando, mafiophober Bürgermeister von Palermo.

Ganz anders dessen Kollegen Alexander Götz in Graz und Burkhard Jung in Leipzig. Wolfgang Gerhardt (FDP) versuchte die Frankfurter Professur zu verhindern, und Österreichs Freiheitliche hätten Nitsch am liebsten immer schon eingesperrt. Tschechiens Präsident Vaclac Havel sah in der Freiheit dieses Künstlers »die Freiheit der Nation« gespiegelt; sein Wiener Amtskollege Thomas Klestil hingegen düpierte Nitsch 2004 in Sevilla.

Das Wort wird Fleisch

Nitsch hat sein Motto »Ich möchte mir alles einverleiben« gewiss übererfüllt. In einer Zeit, da die wichtigste Nation der Erde von einem Mann geführt wird, der nicht liest, muss es ja als Anachronismus erscheinen, dass ein Künstler eine Bibliothek besitzt und darin schreibt.

Nitsch ist Bildungsextremist. Keiner seiner Kollegen hat eine mehrbändige philosophische Begründung zum eigenen Werk verfasst, in der er sich in Sonnen kleidet und sich Milchstrassen umgürtet. Entsprechend verlangt Nitsch auch Redner, die ausschliesslich seine Selbstinterpretation vertreten, und die finden sich scharenweise auf Symposien und in den Medien.

Ihre Namen übergehe ich hier, wie auch die seiner Literatenfreunde. Es existieren überhaupt nur zwei lesenswerte Nitsch-Parodien; die meisten Schriftsteller statten bloss ihren Dank ab an den Künstler, wagen nach der Sprachauflösung in der synästhetischen Glut der Sinne kein ernsthaftes Wort mehr.

Ein Meer von Gladiolen

Man darf sich keine dieser beschriebenen Konstellationen besonders starr vorstellen. Planeten erscheinen zugleich oder hintereinander in verschiedenen Systemen. Ein Akteur wird nach Jahren zum Mäzen, ein Assistenten Historiker, ein Dichterfreund tritt als Chorist auf, ein Maler als Koch, usw.

Es gibt im Nitsch-Kosmos Journalisten, die mit Bildern handeln und Verwandte, die dem Brünnerstrassler verfallen sind. Würde man die unersetzlichen Personengruppen nur einmal kräftig erforschen, ihre Lebenswege bis in die Tiefe der Seele erkunden und gelänge es, dieses Affenpuzzle dann erfolgreich zusammenzusetzen, blickte man direkt auf das vollendet rote Bild.

© Wolfgang Koch 2018

Fotos: 155. Aktion am 1. September 2018 im NMM, Bildrechte: Hermann Nitsch 2018, Aufnahmen: Wolfgang Kober, Team Niel, Reinhard Ehn.

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