vonWolfgang Koch 21.09.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Die Wahlwienerin Esther Attar gehört zu jener vorteilhaften Sorte Mensch, in deren Gesellschaft sich Künstler*innen auf Anhieb wohl fühlen – akzeptiert und aufgehoben. Attars eigentlicher Charme, und zweifellos auch das Lebenselexir ihrer Ausstellung, sind vor allem der Eigensinn, das Temperament, die Neugier und Grosszügigkeit, aber auch die kindliche Masslosigkeit, mit der sie dauerhaft Expeditionen durch das unbekannte Land der Kunst unternimmt.

Attars Auftritt als Kuratorin ist selbstverständlich international ausgerichtet. Wir finden unter den 27 Teilnehmer*innen, die sie zur Parallel.Vienna-Messe eingeladen hat, Kunstschaffende aus Israel und Palästina, aus Italien und Österreich, wir stossen auf in Wien lebende US-Amerikaner und Deutsche. Attar versammelt in ihrem familiären Weltdorf die Projekte von skurrilen Persönlichkeiten und von disziplinierten Arbeiter*innen am Weinberg des Herrn. Keine waghalsigen, unvernünftigen Beziehungen sind ihr Wirkungsfeld, sondern die kreative Durchmischung sämtlicher künstlerischer und menschlicher Existenzmöglichkeiten.

Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere, ein deutscher Aufklärer des 18Cs, hat in seiner schönen Aphorismensammlung Lebensläufe nach Aufsteigender Linie (1781) die Sache einmal so definiert: »Freundschaft ist eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den anderen nicht verachtet, obgleich er dessen Schwäche mit Händen greifen kann.«

Dieses Licht der der Aufklärung ging davon aus, dass wir alle irgendwie schwächeln, und Freunde, so dachte er, sollte grosszügig über die Mängel des anderen hinwegsehen. – Zwei Jahrhunderte später liegt der Fall ziemlich andersherum. Attar unterstellt ihren Freunden keinen grundsätzlichen Mangel, kein sündhaftes Deformiert- und Beschädigtsein, über dem sie grosszügig die Augen zudrücken kann. Sie möchte, das wir uns alle einander ehrlich und auf der gleichen Augenhöhe begegnen.

»Freundschaft entsteht aus Qualität«, sagt Attar, und das klingt nicht nur wie ein Kampfansage an den Negativismus früherer Zeiten, an die Künstlergestalt, die ein genialer Leidensbruder und ein Mängelwesen war –, Attars Bündnisprogramm ist auch eine wirkliche Kampfansage an die intransparenten Strukturen, den Filz und den Klüngel im gegenwärtigen Kunstbetrieb.

Freunderlwirtschaft  ist ja eine der schlimmsten Eigenheiten in Österreich. Dabei wollen die Künstler*innen den normalen Weg nehmen, wollen hart arbeiten und damit ihre Ziele erreichen. Was die Kreativen treibt, das ist ihr Wunsch nach Selbstbestimmung und nach dem intimer Dialog mit den visuellen Seiten der Wirklichkeiten. In der Praxis ist die Grenze zwischen nützlichen Netzwerken, Nepotismus und Klüngelei natürlich nicht immer klar auszumachen. Gerade darum braucht jeder und jede Einzelne sichere Massstäbe für die Qualität von Arbeiten. Wenn Freundschaften auf dieser Basis entstehen, sind sie in der Lage, gewaltige Gebäude zu tragen.

Attars geübte Kuratorinnenhand bestätigt uns zudem, dass Kunst als Gesprächsthema nicht gelitten hat. Von Kunst zu reden ist kein öffentliches Fehlverhalten. Gewiss, es durchbricht beim Normalmenschen die Konventionen, der Normalmensch mag sich indigniert fühlen, möchte bei Kunst das Thema wechseln oder das Gespräch beenden. Aber Attar zeigt vorbildlich, dass Kunst in unserer Gesellschaft nicht mit dieser Kommunikationshemmung belastet sein muss.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Hubert Scheibel, Vienna Accumulation (2015/16), Öl auf Leinwand, Nicoline on Silverscreeen (2015/16), Öl auf Leinwand, © EstherArtNewsletter 2020

Performance-Tipp: SA, 26.9, 14.30 – 15.30 Uhr. Die in Paris geborene und in Wien lebende Künstlerin Nicole Malbec ist ausgebildete Sängerin und besingt im Auditorium ihre Arbeiten.

 

 

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