vonWolfgang Koch 22.09.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Ich riskiere im Folgenden ein Rundgang unter Esthers Freunden, und zwar nicht in der Ausstellung, sondern im Cyberspace, wo die Teilnehmer*innen dieser Schau lachend jeden weiteren Kontakt zur Aussenwelt abwehren. Tun sie das wirklich? – Tendenziell ja, denn Webpräsenz heisst in Zeiten des Klickköderns eben nicht, sich anbiedern, heisst nicht, sich geschickt verkaufen, sondern sich rarmachen, sich dem Rennen um höheren Zugriffszahlen geschickt entziehen. Webpräsenz heisst sichtbar werden für Freunde von Freunden.

Ich verzichte bei diesem Rundgang auf den elaborierte Englischsprech der Gobalkunst. Wir haben es nicht nötig, uns ständig daran zu erinnern, dass es neben der Erst- auch eine Zweit- und eine Drittsprache gibt. Wir führen kein Doppel-, Dreifach- oder Vierfachleben. Wenn mir morgens ein Fremder im Spiegel entgegen schaut, dann rasiere ich ihn trotzdem. Wer Kunst und Literatur als Gesprächsthema vertiefen will, spricht in einer leisen einheitlichen Sprache zu sich selber.

Anna Attar 

Tochtersein und Mehrfachtalent, das schreit nach goldenem Spielzeug. In Öl oder Acryl wilde Häuser, Blumen, die »Fu« sagen, und anderer Nonsence, Blumen aus dem Gemeindebau, gekachelte Räume, ein makaber tanzender Magen David. Das Ichselbst als intergalaktische Maus, mit Vogel, Streifen und Hockney. Mama ist ein in den Wolken gondelndes Strohhut-UFO (Blut auf Leintuch).

Amnon David Ar

Der glatzköpfige Autodidakt aus Israel zeichnet mit dem Malpinsel, und zwar Kamelschädel, Winkekatze, Schubertbüste, am Flughafen gestrandete Wale. Weibliches Schamhaar hebt, unter dem Vorwand, ihn zu verstecken, den Genitalbereich aus seiner sexuell weniger signifikaten Umgebung hervor. Das Memento mori: eine Zwiebelknolle neben einem aufgerissenen Karton am Fliesenboden.

Alfredo Barsuglia

Seine Titel sagen schon alles: Der Junge, der die Welt nicht berührte… Ich baue mir ein Haus mit Garten und jeder ist willkommen. – 2014 liess er kein gutes Haar an der Land Art, legte einen 3,5 m langen »Social Pool« in die südkalifornische Wüste an und schrumpfte ein Hotel auf zwei Meter Höhe. Seither ist er für Ikea ganz verloren. An den Weltsteirer erinnert eine Insel in der Feistritz.

Gian Luca Capozzi

Er war bei den Gruppenschauen »Nach dem Menschen«, »Jenseits der Malerei« und »Betrug Italien« mit dabei. Er weiss, wie man einem toten Hasen ein Bild erklärt. Er gestikuliert dem Stift spermatisch in fotografierte Räume hinein, berichtigt Salons und Wimmelbilder, Bläschen zwischen Linien. Partygirls mit Donaldschnute unter Lachgas. – Sein Namensvetter ist ein strahlender Cantautore.

Rudi Cotroneo

Eine komplett neuen Welt erschaffen? In der indivduellen Mythologie des Mailänders zieht der Eifelturm am Metrofenster vorbei. Seine Bilder fingieren Räume, in denen sich seine Lieblingspersönlichkeiten aufgehalten haben könnten: Nachtinseln, tropische Eilande, Fellinis Roma, die ruinierte Akropolis mit Köter. – Eine Dämmerung, in der die Sonne wirklich untergeht, das heisst explodiert.

Christian Eisenberger

Wie lange ist man eigentlich ein Shooting-Star? Das innere Haus ist unkomfortabel, das Kernselbst ein versteinertes Substrat staubiger Gemeinplätze. Also muss Feuer zu Feuer. Der Weltsteirer ob Semriach liess eine vom Blitz gemordete singalesische Palme zersägen und verbrannte die Bretter, um die verkohlte Natur vom Fluch ihrer Unfruchtbarkeit wieder zu erlösen. Transmedia Perplexum.

Hans Glaser

Collagist, Cyanotypist, Druckgrafiker, Oberösterreicher, Ostereier-Esser, Studienreisender. Jede Rolle hat ein eigenes Leben. Glaser entflieht nicht der inneren Feminuncula, verdreht Lippen in der Vertikalen zu Schamlippen, schnallt dem Jesuskind Dynamit auf die Brust, schnitzt schönere Schwemmhölzer als die Brandung der Bucht von Saint-Malo. Er ist 72 Jahre jung und macht das trotzdem.

Franz Graf

Die Generation Konzept schweisst Abstraktions- und Assoziationsketten, appelliert an unterbewusste Prozesse, damit du die Gegenwart neu bewertest. Graf ist kein Fliesstext-Besitzer, er sammelt visuelle Codes, Absonderlichkeiten, benutzt Sprache und ihre Überlagerungen, Graf baut Glaspaneelen, lässt metallerne Kreisscheiben als ornamentale »Bezeichnungen einer Liebe« in den Boden ein.

Mario Grubisic  

Miró fand noch Einsamkeit auf Mallorca. Grubisics Sommer ist Miró auf Pilzen. Sein Wetter: endlose Regenwände. Ein Triest ohne Himmel kennt er überhaupt nicht. Da eine Person kein Museum ist, erhält jeder Draht seinen hölzernen Keil oder seinen Ziegelklotz. Stilleben 1: blaue Flaschen, gelbe Zitrusfrüchte, weisse Toilettenpapierrollen. 2: gelbe Ananas, grüne Porzellan-Ananas, roter Paprika.

Yves Hayat

Was zeigt ein freier Geist im Zeitalter der romantischen Selbstüberbelichtung? Bilder, die Auswege aus ihren Rahmen suchen. Das Parfum der Revolte: Kiew N° 6. Religion: so konfus in Hindi wie in Aramäisch. Der Krieg: eine tätowierte, suizidierte, jedenfalls aber eine gezeichnete Madonna. In der Collage Politik des Orients und auf der Libanon-Flagge schliessen alle Köpfe fest die Augen.

Behruz Heschmat

Urs Widmer hätte das Haus Goethes sehen können, stünden nicht so viele andere Häuser dazwischen. Herr H. baut seines in Richtung des unseren. Es ist seine Kaaba, schwarz oder auf einem Baum, oder schwarz auf einem Baum. Sein Blick kreuzt den einer Sie; sie geht lächelnd vorüber. In der Dunkelheit der Nacht sucht er ein Blatt, damit er von der Dunkelheit der Nacht schreiben kann.

Wolfgang Herzig

Nachkriegserprobter, tyrannenfester Phantomarzt aus der Generation Handke. Wäre um 1500 ein Freskant geworden. Feiert die Madonna im Einsiedeglas, den Muttertag mit Irokesin, die Frau mit Vogelhut und Hund, das Schwein mit Reiter. – Allegorien auf den Glückstrug. Wozu ein bejahendes Weltbild? Vermag jemand bei Tageslicht das Tragische und das Komische noch zu unterscheiden?

Olivia Kaiser

Abstrakte Manöver im Klee-Gelände; und mit dem Schlagregen da hätte Maria Lassnig unbedingt ihre Freude gehabt. – Ach, der hermeneutische Dialog mit der Geschichte der Avantgarden! Der herrliche Schein der Symmetrie von Alt und Neu. Bedrohte Subjektivität, Tagauge, Unglücksvogel, Schwulen-Bommel, Engelbengel, rauchendes Männchen – Mehrdeutigkeiten, studiert über Jahre.

Merlin Kratky

Der Wiener begann mit der Spraydose und fand zur Skulptur. Er hält die Realität für optional und träumt von dem Tag, an dem die Philosophie Mainstream wird. Ein schwieriges Unterfangen, solange er mit dem Kabaretthumor seines Lehrer in Konkurrenz tritt. – Knochen! Noch grössere Knochen! Sie sollten auf Reisen gehen, Willy Puchners Pinguine ablösen: »Die Sehnsucht der Knochen«.

Larissa Leverenz

Drüber hängt immer eine Uhr: über der Denkfabrik, über dem weissen Kamin, hängt in der Serie Wesen und Ketten immer eine Uhr. Die Kölnerin lebt in Wien, mischt Techniken, hört Lou Reed. Sie musste sich schon einmal als »irrsinnige Architektin einer technokratischen Zukunft« loben lassen. Dabei ist das am häufigsten wiederkehrende Motiv bei ihr der Flugtraum. Darüber hängt eine Uhr.

Iddo Markus

Der nächste Foto-Rekonstrukteur und Wimmelbild-Flüchtling. Er ersetzt die Galerie der Gruppenportraits am Zimmerschrank durch pastos aufgetragene Körper in stürmischen Farben. Bedeutungen wachsen bis zur Todesstunde durch Materialisierungen zu. Rote Schlipse, Röhrenhosen, Geschlechtsdismophismus. Das Glück: unsterbliche Gesten. Der Mond: eine Wunde in der Sonne.

Fabian Erik Patzak

Das unhässlichste Gebäude auf der Wagramerstrasse, Fenster in der Oxford Street. – Er verzichtet auf Zeit und erfindet Erfahrungen, um einen Raum zu konstruieren; will einer Sache auf den Grund gehen, sie von jeder schützenden Hülle befreien und das Wesentliche freilegen: die Stille inmitten des nicht zu sehenden Trubels malen. Reduzierte Sehnsuchtsarchitekturen, verweichlichter Beton.

Florian Raditsch

Dass der Ururur-Neffe Alfred Kubins in Kalifornien geboren wurde und sich die Zeichnungen seines Vorfahren immer wieder ansieht, glauben wir sofort. Er zeigt Hottentottenschürzen, er hat es mit Einschlägen, mit Reisetickets zum Mond (Raketen, Pilze) und der Bewusstwerdung schöner, böser Bilder. Das Geheimnis sucht er in der Opazität des Faltenkörpers, Farben borgt er bei Luis Barragán.

Hubert Scheibl 

Bekennender Psychonaut, ritzt Tapeten, spachtelt Träume, spannt das Sehen in Flächen auf zwischen Einschreiben und Einfrieren der Zeit. »Letztlich werden wir Sternenstaub«. Die Durchlässigkeiten zerfransen sich in farblichen Absplitterungen und Verwerfungen. King-Kong-Ratten, Pappmachebäume. – »ln der Alchemie des Sehens ist die Grenze unsere Bilder die Grenze unserer Welt.«

Stylianos Schicho 

Nein, dieser eindringliche Augenauftritt! – Man meide diese Elevatorparty. Viel zu eng stehen alle Personen herum, treten einander auf die Füsse. Aussagelose Mimik, Verkürzungen, Durchleuchtungen der Körper. Schicho zeichnet immer dasselbe Bild, so einer ist das, zerteilt es in Fragmente, in das Wenigste dessen, was vom Gezeichneten übrig bleibt. Das Fragment lässt sich kaum zeichnen.

Karen Höllander Schnur

Selbstbildnis mit Fön, mit Apfel, mit Schamhaar, müde, als Hampelfrau, die Revolutionsarchitektur des Narrenturms als Rock um die Hüfte, eine entspannte Position suchend, unter der Rettungsfolie, im Labyrinth der Unsicherheitsnadel. Lichtblick- und Fallstudien, Eisblumen-Gesichter, wie Gemüse wartende Menschen, Fluchtwege. Das Wollknäuel im Schlosspark, die Plastiktüte vor dem Fenster.

Martin Schnur

Rabiatcollagist und Display-Artist, der im Outback fliegende Spiegel installiert, Orientteppiche unter schroffe Felsen legt, Models Schatten platzieren oder auf Treibholz schlafen lässt. Sein Bild von der Frau: quecksilbrig muss sie sein, dann darf sie sich auf das Spiegelbild des Himmels legen und bei Apfelmus mit einer tödlichen Dosis Phenobarbital darauf warten, dass sie ein UFO besteigen kann.

Felix Theile  

Erzähle es den Bäumen, dass da ein Hamburger in Wien das Erzählen in Illustrationen simuliert, die nichts ausserhalb des Kopfes bebildern. Der Siebdruck-Virtuose zeigt nostalgisch comicshafte Szenen, die den Höhepunkt eines unbekannten Ereignisses anzeigen. Mal frisst Alltägliches, mal versteckt Mysteriöses die Pointen. Alles kommt in Fahrt, aber immer bleibt die Geschichte aus.

Martin Veigl

Der Maler des urbanen Flows spricht den Bann über eine konstruierte Masse, er setzt sie dem Swimmingpool-Blau aus, verhängt Lebenslänglich für falsche Gesichter. »Ich habe mich dem Grundcharakter des Malens verschrieben«, sagt Veigl. Noch so einer, der uns eine intergalaktische Mitfahrgelegenheit zur nächsten Stufe, zum Next Level, anbietet. Haben wir denn Besseres zu tun?

Eva Wagner

Nein, nicht die Urenkelin des Komponisten. Ein Strassenkompagnon in Dakar,… am Rad, vor der Nacht, bei den Fischern. Der Morgen am Wasser und die fliegenden Schönheiten im Garten der Erinnerung. Kontakt mit verstorbenen Wiesenstücken, wie in Geisterfotografien der Spiritisten. Bildimpressionen, vorsätzlich durch einen Schleier. Verletzliche Seele, bandagiert mit Transparentfolien.

Nazim Unal Yilmaz

Fahnen zerrinnen, Samen verwirbelte umher, die Starken verleihen Heiligenscheine an die Schwachen, und die blondgelockte Justizia schlummert den Schlaf der Ungerechten. Klare Aussagen mit figurativer Malerei will er machen, dieser Fundamental-Ethiker einer besseren Welt. Noch ist er kein Volkstümler, doch die Abstrakten sind degeneriert, die Avantgarden ebenso. Utopia erwache.

Osama Zatar

Er kommt aus seiner Mutter Wosama. Schön, dass er das ist. Ziehen deine Flipflops aus Schwermetall an den Beinen, geh besser barfuss. Palästinas Zukunft ist die Hypothek, Israels Gegenwart: mischehen-feindlich. Die Provokationskunst-These, dieser verwesende Leichnam des 20Cs, gebiert unverhofft ein Kind, das noch in der unmöglichsten Lage zu spielen vermag. Mit MNS am Gesicht.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Anna Attar, Atomares Ballett (2020), Öl auf Leinwand; Rudi Cotroneo, Midnight Ride (2020), Öl auf Leinwand; Iddo Markus, Al together now (2019), Öl auf Holz; Eva Wagner, Indian White (2020), Gouache auf Papier; Osmama Zatar, I smelled this (2020), Mixed Media, © EstherArtNewsletter 2020

Performance-Tipp: SA, 26.9, 14.30 – 15.30 Uhr. Die in Paris geborene und in Wien lebende Künstlerin Nicole Malbec ist ausgebildete Sängerin und besingt im Auditorium ihre Arbeiten.

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/22/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-kunst-2-3/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.