vonWolfgang Koch 23.09.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Unmöglich dieses Messe-Feuerwerk summarisch zu überschauen, alle oben in dem Gewölbe explodierenden Körper zugleich in den Blick kriegen: die Professorenrhetorik und die Rabulistik der Jugend, die Spurensuche in Avantgarden und Retrogarden, in Comics und Fantasy, das aufgeregte Aufsteigertum und das unaufgeregte Auch-Malen und Auch-Zeichnen.

Es gibt im Kulturgeflecht eine Menge Gegenwarten – ihre Zahl gleich der Zahl der Vergangenheiten und der Zahl der Zukünfte. Die Kunst hat es im generalisierten Sprachenwirrwar der Gegenwart nicht leichter als, sagen wir, Politik, Religion oder Medizin. Vieles, was über Generationen selbstverständlich war, bricht heute vor unseren Augen weg. Warum zum Beispiel existieren Druck- und Acryfarben überhaupt auf Erdölbasis? Sie existieren nur, weil irgendwann einmal die Entscheidung getroffen wurde, dass wir Autos mit Verbrennungsmotor fahren.

Warum leben wir in einer überkontrastierten visuellen Welt der feinkalibrierten Farben? Wollen wir wirklich, dass sich immer häufiger kontrafaktisches Wissen, also das Meinen und Behaupten ohne Überprüfungsbedingungen, gegenüber dem Kompetenzprinzip durchsetzt? Und wie ertragen wir in Stadt und Land Umgebungsbedingungen, unter denen ein Mensch der Antike augenblicklich wahnsinnig geworden wäre?

Hundert Stunden im Jahr basteln Berufstätige in der computerisierten Arbeitswelt an den Folien für Powerpointvorträge herum, nach denen sich kein Mensch erinnern kann, was der Vortragende gesagt hat. Die Erbauer von Eigenheimen erscheinen heute mit Farbfächern für Lacke bei den Baufirmen und entscheiden ohne Prüfung bei verschiedenen Lichtverhältnissen auf dem Putz in zehn Minuten, mit welcher Fassadenfarbe sie die nächsten dreissig Jahre verbringen wollen.

Unter diesen Voraussetzungen von visueller und intellektueller Senilität werden die Arbeiter*innen der Kunst zu den Hütern von Stille und Handwerk, von Zurücknahme und von Ökonomie, von Qualität und Bewusstheit, sie bewahren das Angemessene, den vernünftigen Konsens gegenüber den Schönheitsbildern einer individualisierten Gesellschaft, und es hat unter diesem Blickwinkel nichts Harmloses, es hat absolut nichts mit Geschmack oder Spass zu tun, Freundschaften mit ihnen zu teilen.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Anna Attar, Atomares Ballett (2020), Öl auf Leinwand; Rudi Cotroneo, Midnight Ride (2020), Öl auf Leinwand; Iddo Markus, Al together now (2019), Öl auf Holz; Eva Wagner, Indian White (2020), Gouache auf Papier; Osmama Zatar, I smelled this (2020), Mixed Media, © EstherArtNewsletter 2020

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/23/der-ueberbegriff-freundschaft-in-der-kunst-3-3/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.