vonWolfgang Koch 01.07.2022

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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»Ich habe den alten Carruthers mit dem Spaten erschlagen«. Im ersten Abschnitt des Buches wiederholt der Verfasser diese Aussage gnadenlos 31 mal. Da rutscht jedem Tik-Toker garantiert das Herz in die Hose. Allemann macht den Obersatz zu einer unbestreitbare Prämisse, die dann entweder wie ein Syllogismus weiter zu einer reflexiven Conclusio oder zu einer Kürzestgeschichte in Pillenform führt.

Allemanns Ich-Erzähler antwortet auf den Satz »Ich habe den alten Carruthers mit dem Spaten erschlagen« zum Beispiel mit: »In Staub mit allen Feinden Allemanns«. Bei Lesungen dreht der Autor an dieser Stelle die Stimme zu voller Saallautstärke auf. Das Publikum weiss gar nicht wie ihm geschieht. Alle sinnvollen Gesichtspunkte, die Spitze des Kegels, die Gesamtheit der Variationen hüllen den Geist mit einem Schlag ins Dunkel und befreien ein Lachen in der Brust.

Allemanns fulminantes Spiel mit dem Obersatz erinnert mich daran, dass Lewis Carroll, der Autor des berühmten Kinderbuchs ›Alice im Wonderland‹ in seinem bürgerlichen Leben als Tutor für Mathematik gewirkt hat. Carroll hat – neben seinen literarischen Werken – nicht weniger als zehn didaktische Schriften zu Mathematik, Geometrie und Logik verfasst. In seiner Einführung ›The Game of Logic‹ von 1896 lernt man anhand von Sätzen wie »Alle neuen Kuchen sind nett« oder »Keine ereignisreiche Reise wurde jemals vergessen« das richtige Schliessen.

Allemann legt mit ›Carruthers-Variationen‹ natürlich kein didaktisches Werk vor. Doch um das richtige Schliessen geht es auch bei der erschreckend faszinierenden Zerrissenheit seine Erzählfigur: und zwar um das Schliessen auf ein zusammengefaltetes Leben. Sexualität, Körper, physische Schwerkraft, die Beziehung des Einzelnen zum gesellschaftlichen Ganzen, »das kontrolliert Vage« und die »Daseinspower« – der Denk- und Sprechvirtuose Allemann macht seine Texte zu einer unerschöpflichen Quelle geistreicher Unterhaltung.

Die Anzahl der Argumente, die der Erzähler mit sich, und die Anzahl der Argumente, die der Autor mit dem Ich-Erzähler diskutiert, ist theoretisch unendlich. Es besteht darum keine Gefahr, dass ein moralisierender Zeigefinger auftaucht in diesem ordnungsfähigem Labyrinth. So oft wir uns beim Mitdenken in Sicherheit wählen, packt die Burleske Quark und Quatsch aus, Allemann verschont nichts, und schon gar nicht sich selber, also den Allemann-Kosmos samt Kreuzigung und Selbstkreuzigung. »Ich schandudle Sauglinge, Säuglinge. Hatte den / alten Säugling mit dem Spaten niederschandudelt.«

Carruthers-Variationen‹ erweitert unseren von Krieg und Tik-Tok verseuchten Wortschatz mit absolut überzeugendem Humor: Aussenscheiss, Brüllsargkonzept, Fleischcrash, Flensaft, Fremdkugelkontakt, Gendersachverständige, Langzeitfazit, Luststrolch, Nachdenkbedürfnis, Reindringlichkeit, Verwesungspleite, Zungenverächter. – Was um uns ist und was wohl noch kommen wird, es braucht das gute Gewissen und das Beispiel von Menschen, die konzentriert zu sprechen verstehen.

Wir fliegen bei Allemann mit ein paar wenigen Buchstaben aus der Kurve und landen in einem bayerisches Bierzelt (Gerhard Polt kann sich nach Japan schleichen), oder in einem deutschen Polizeifilm: »Als ich versuchte, die Leiche des Toten zu untersuchen / kriegte ich einen Herzschlag« (Gerhard Polt kann wieder zurück kommen). Bei Allemann wird doppelt gemoppelt, improvisiert, die Faust donnert auf den Tisch, falls einer da ist. Von Altersmorschheit ist bei diesem Wüstling nichts zu merken. (Dafür haben wir jetzt die Kriegsherren Olaf Scholz und Robert Habeck).

Wir erfahren viel über den Erzähler, und zwar von ihm: dass er sich nie etwas träumen liess. »Ich träume selbst oder gar nicht«. Dass man von Sätzen behaupten kann, dass sie ein Gedicht sind. Oder: »Anders als der Taschenspiegel, den ich zur Abwehr von / Strahlenangriffen bei mir trug, war ich nie gut im / Reflektieren gewesen.« Aber auch, dass man selbst in den entrücktesten Momenten des Lebens noch rational sein kann, erfahren wir in diesem schmalen Buch. »Kurz bevor ich wahnsinnig wurde, war ich wahnsinnig geworden«.

Harmlos sind ›Carruthers-Variationen‹ an keiner Stelle. Der Autor äusserte sich in Richtung einer »gar nicht erinnerbaren traumatischen Kindheitsgeschichte«, in der ein Opfer pädosexuelle Gewalt um den Ausdruck von Wut, Rache und Komik ringt. »Wunderbar, wie es mir immer wieder gelang, gleichzeitig / mich an alles und an nichts zu erinnern.«

Kannibalismus wird in dem Text geschildert, eine Operation am Penis (Schwanzerl). Und wie alle Greise in den Tagen ihrer Betrübnis hadert auch Allemanns Erzähler-Ich, das mehr als sieben Jahrzehnte auf dem Buckel hat, mit dem Tod, und zwar, indem es den eigenen Leichengang antizipiert:

»Meine Bestattung fand in aller, fand an der Aller, fand auf / einer von einer Schleife der Oberaller umflossenen und auf / der anderen Seite von Bäumen umfriedeten kleinen Wiese bei / Dannenbüttel in aller ppp jetzt alle fortissimo: STILLE statt.«

Mit zartester Musikalität haben wir es hier zu tun, mit lockend verspielter Kahlheit, und doch wäre dieses stotternde Wort auch perfekt als Epitaph geeignet, falls wieder einmal irgendwo eine Grabsteinplatte so viele Buchstaben verträgt wie die des einst jugendgefährdenden Guillaume Apollinaire de Kostrowicky am Pariser Cimetière du Père-Lachaise.

Der grösste Freund von Allemanns Erzähler: der Schreibtisch. Der wartet zu Hause auf ihn. »Schreib, Tisch! Würde ich zu ihm sagen. Liebevoll mit den / Fingerknöcheln bisschen rumtrommeln auf ihm. Spässchen!«. – Was für eine unglücklich-lebensfrohe Figur! Was für ein verzweifelter menschlicher Optimismus! »Schon beim Einschlafen freute ich mich auf die Vorfreude, / die ich beim Aufwachen beim Gedanken an das nächste / Einschlafen empfinden werde.«

Sagen wir so: Wieder einmal schlägt die burleske Literatur eines alten weissen Mannes Hekakomben von Literaturbetriebsliteratur auf der ganzen Länge, wieder einmal stript Allemann als Realdefinition des Schreibens in den Falten der Athene, wieder einmal lässt der Kopf eines geheimnisvollen Kartells den Geheimdienst MI6 alt aussehen. »Was tun?« – »Ask the moon!«

Lediglich die Frage, ob es ein Phantomlachen gibt, die stellt der Erzähler an sich selbst. Ein Fehler! Hier wäre der Wiener Philosoph und Löschkultur-Kritiker Robert Pfaller der richtige Seelenarzt gewesen. Der weiss das.

© Wolfgang Koch 2022

Foto: Bolle-Bovier 2021, Archiv Klever

Urs Allemann: Carruthers-Variationen, 107 Seiten, Klever Verlag: Wien 2022, 18,- EUR, ISBN 978-3-903110-78-6

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