vonWolfgang Koch 23.07.2022

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Vierzig Jahre vor seinem Tod am Ostermontag 2022 gab der österreichische Universalkünstler Hermann Nitsch unter dem Titel ›die wortdichtung‹ eine Sammlung von Texten in Druck, an denen sich Sinn und Gehalt seines heiter-dramatischen Sechstagspiels leichter erklären lassen, als anhand von Filmdokumenten oder den am internationalen Kunstmarkt mittlerweile mit Gold aufgewogenen Aktionsrelikten.

»Der Geist reinigt sich vom Bewusstsein des Fleisches, reinigt sich vom Bewusstsein des Selbst«, heisst in einer Textpassage, als ihr Autor Nitsch noch ungebrochen an die Kraft des Sagens glaubte. Er beschreibt hier eine Übung sensorischer Wahrnehmung, in der die Physiognomik der Dingwelt wie unter Drogeneinfluss erwacht und am Ende das Selbst des achtsamen Menschen in der Begierdelosigkeit verlöscht.

»Die Wollust (eine dem Nichtempfinden entgegen gesetzten Konzentration) zieht aus dem Geschmack des Fleisches bitteren Zucker«, steht in dem kurzen Abschnitt weiter geschrieben. Symbolisiert wird die seelische Öffnung durch das angeführte Ritualmedikament Sacharinwasser, einem bitter schmeckenden Konzentrat der Süssigkeit, sowie mit lauem Wasser (reiner Geschmack der Hostie), ungesäuertem Brot und ungesüsstem Wein.

Den Höhepunkt findet die Szene in der »desinfizierenden Waschung der Geschlechtsteile mit Alkohol«. Liest man die zwanzig Zeilen, die Nitsch da in den 1970er-Jahren zu Papier gebracht hat, kann man den Drang des Autors zur theatralischen Realisierung der Skizze sofort nachvollziehen.

Wieso sollte ein Künstler sich auf die Erzählarbeit des Schreibens beschränken? Warum nicht mit geschulten Akteuren die fantasierte Szene einfach live realisieren? Der Text wird in diesem Fall zu einer Partitur, und jede an der Performance teilnehmende Person kann das selbsttherapeutische Potential der Handlung frei an sich erforschen.

Nitsch hat insgesamt sechs Jahrzehnte an der Realisierung solcher spielbaren Aktionsdramen gearbeitet. Als Hauptwerk, in dem alle seine Malereien und Kompositionen technisch und ideell bereits enthalten sind, gilt das sechstätige Festdrama, das nur einmal, nämlich im Sommer 1998, in Schloss Prinzendorf und auf den Feldern der Umgebung vollständig ausgeführt worden ist.

Der grösste Wunsch des Künstlers war die Bayreuthisierung seiner dramatischen Ontologie, aber wie im Fall eines Generationskollegen, des Verhüllungskünstlers Christo, wurde auch Nitsch durch eine Serie von Unglücksfällen an einer zweiten Gesamtaufführung des Spiels gehindert.

Christo plante seine Installation ›The Arc de Triomphe, Wrapped‹ seit 1962. Im Jahr 2019, als endlich alle Genehmigungen für die temporäre Installation eingeholt waren, zerstörte ein Brand das historische Bauwerk der Kathedrale Notre-Dame de Paris teilweise und einige Familien von Turmfalken emigrierten von dort auf den Triumpfbogen. Mit Rücksicht auf den Vogelschutz verschob Christo sein Mega-Projekt; und noch zwei weitere Male musste das wegen der Corona-Pandemie geschehen. Schliesslich verstarb der Künstler ein paar Monate vor der Ausführung im September 2021.

Die Familie Nitsch wurde 2013 Opfer eines bis heute unaufgeklärten Einbruchs in ihrem Weinviertler Domizil. Der Raub brachte sie damals um alle Ersparnisse für das grosse Fest. Im Jahr darauf setzte dem Künstler die Steuerfahndung wegen Schwarzgeldverdacht von rund 1,5 Millionen Euro zu. Vier Jahre lang dauerte das Ermittlungsverfahren gegen die geschäftsführende Gattin Rita Nitsch. Als endlich 770.000 Euro Einkommenssteuer an den Fiskus nachgezahlt waren, verhinderten die Corona-Schutzmassnahmen zwei Sommer hindurch die Realisierung von Sechstagespiel Nr. 2.

Am Sterbebett nahm der Aktionsdramatiker seinen Angehörigen und Freunden das Versprechen ab, heuer wenigstens zwei der sechs Spieltage durchzuführen. Am 30. Juli ist es nun tatsächlich soweit, um fünf Uhr früh öffnet sich das Schlosstor für die zahlende Gäste aus aller Welt. Prozessionen mit der Stiertrage, die zuletzt den Sarg des Künstlers befördert hat, Geruchsorgien im Glockenstall, Ausweidungs- und Kreuzigungsaktionen, Fusswaschungen – unter der erprobten Leitung von Regisseur Leonhard Kopp sind Nitschs »ästhetisches Rituale der Existenzverherrlichung« erneut zu erleben.

So hat die Pandemie wenigstens auch ihr Gutes. Denn es ist, wie die Beispiele Christo und Nitsch zeigen, aus der Not heraus möglich geworden, dass Hauptwerke der Kunst auch erst nach dem Ableben ihre Schöpfers in die Tat umgesetzt werden. Man kann nun anhand des exzeptionellen OM Theaters weiter darüber streiten, ob Kunst die Aufgabe hat, das Leben zu verbessern, ob sie ein Vehikel für persönliche moralische Erbauung oder gar für den sozialen Fortschritt ist, indem sie auf Sensibilisierung und auf Güter der Freundschaft abzielt.

Im Zwei-von-Sechstagespiel geht es sicher nicht darum, Kunst in das manchmal anstrengende und immer engstirnige Projekt der Lebensführung einzusperren. Hermann Nitschs Vermächtnis ist auch dazu da, das Böse zu sehen und Wahrheiten auszusprechen. Nicht umsonst sah sich der Verfasser von mehr als 3.000 Seiten theoretischer Erklärungen zu seinem Werk letztlich als ein Philosoph.

Die schönsten graphischen Arbeiten von Nitsch (Christus der Widdergott, 1982; Schlachtfoto der 80. Aktion, 1984) sind übrigens derzeit in der Wiener Galerie Krinzinger zu erwerben.

© Wolfgang Koch 2022

Abbildungen: Sechstagespiel (100. Aktion), 1984, Foto: Heinz Cibulka/ Magdalena Frey, © Nitsch Foundation

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