vonWolfgang Koch 18.08.2022

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Über Nacht ist an der Fassade des frisch renovierten Georg-Emmerling-Hofs – benannt nach einem verdienten sozialdemokratischen Vizebürgermeister – ein großes Loch entstanden. Die Täter sind auch zu sehen: zwei Arbeiter, einer hammerschwingend, der andere rastend. Man kann auch dies auf unterschiedliche Weise interpretieren: Der Zerstörungsakt könnte als Metapher auf einen sozialen Wohnbau gelesen werden, der seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann oder als Kritik an den ständig steigenden Mietpreisen, die eine menschenwürdige Existenz für viele ins Reich der Unmöglichkeit verbannen.

Auch die Tatsache, dass der Geist im Gemeindebau in den Jahren des Rechtsaufschwunges sich ebenfalls dorthin orientiert hat und der sozialdemokratische Spirit mit dem Vorschlaghammer zertrümmert wurde, könnte im ästhetischen Hintergrund der Arbeit mitschwingen. Aber wie gesagt: Die Werke von Steinbrener/Dempf & Huber sind ja kein Agitprop-Arbeiten mit der Absicht, die Betrachter auf welche Weise auch immer, zu indoktrinieren, sondern offene Deutungsangebote, die sich in bestimmte Gestaltungstraditionen, vor allem, was Werke im öffentlichen Raum betrifft, einschreiben und sie gleichzeitig ad absurdum führen, respektive sie subversiv unterminieren.

Deshalb ein kurzer Blick auf die Art und Weise, wie das Werk hergestellt wurde. Die Künstler haben mich belehrt, dass es sich bei ›Themroc‹ nicht um ein Relief handelt, sondern um eine sogenannte Halbplastik – ein Begriff, der mir bislang unbekannt war. Ein klassisches Relief ist übrigens direkt darunter zu sehen. Die Figuren sind im Stil jenes Sozialistischen Realismus hergestellt, der die Epoche des Stalinismus künstlerisch definierte, und wurden, zumindest, was die Grundform betrifft, von ungarischen Bildhauern hergestellt, die noch einschlägige Ausbildungen genossen haben. Wobei Steinbrener/Dempf & Huber betonen, dass sie die Oberflächen noch nachbehandelt und dem aktuellen Verputz angepasst haben.

Wir haben es dabei, und hier begebe ich mich weit hinaus aus meiner handwerklichen Komfortzone,mit einem sogenannten Silikon-Kratzputz zu tun. Die Betonung von professioneller Expertise kommt nicht von ungefähr, denn das Handwerkliche spielt in den Arbeiten dieser Künstler seit jeher eine grosse Rolle. Und im Lauf der Jahre, man kann fast schon sagen: der Jahrzehnte, hat sich rund um den kreativen Kern ein ganzes Netzwerk von beruflichen Können gebildet, ohne das ein Grossteil der künstlerischen Visionen gar nicht umsetzbar wären.

Im Falle von ›Cliffhanger‹ beispielsweise arbeitete man mit Industriekletterern zusammen, die in der Lage waren, in grosser Höhe und unter schwierigen Bedingungen Montagearbeiten zu leisten. Im Falle von ›Themroc‹ nun war es das Bauunternehmen Obenauf, das mit Trost, Rat und Tat zur Seite stand.

So kann man aktuell sagen: Es ist vollbracht. ›Themroc‹ ist, nach ›Sign of the Times‹ an der Fassade des Hotels Intercontinental, wieder eine grosse Arbeit an einem zentralen Ort der Stadt. So viel ich weiss, soll sie längere Zeit an diesem Ort verweilen – zur Freude oder zum Ärger von Passantinnen und Passanten. Und mit welcher semantischen Energie sie sich auflädt in politischen Umbruchszeiten wie diesen, wo man nicht wissen kann, welche Razzia am nächsten Tag stattfinden wird, und wer mit Handschellen ins graue Haus wandert, bleibt abzuwarten.

Am Donaukanal kann das offene Kunstwerk situationselastisch sein. Und man darf möglicherweise darauf hoffen, dass ein Befund der Band Attwenger, den Steinbrener/Dempf & Huber zum Pressematerial gegeben haben, bald nicht mehr stimmt:

(…) Proleten und Proletinnen jeglichen Geschlechts

Früher habts die Linken gwählt und jetzt wählts ihr rechts

 

© Thomas Miessgang 2021

Fotos (teils Auschnitte): Steinbrener/Dempf & Huber

Steinbrener/Dempf & Huber – Themroc, Georg-Emmerling Hof, 1020 Wien, Obere Donaustraße 97–99

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