vonoliverkrueger 17.04.2020

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Wie ein gewaltiges Memento mori erinnert uns die gegenwärtige Corona-Krise an die Fragilität des menschlichen Lebens. In gewöhnlichen Zeiten präsentieren sich Tod und Leid als kurzgehaltene Medienschnipsel mit Bildern aus Syrien, dem Jemen oder dem Mittelmeer zwischen der Lindenstraße, GNTM und DSDS. Jetzt aber ist das Sterben der Anderen zu unserem eigenen geworden: Media vita in morte sumus – mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.

Dort aber, wo der Tod sich zeigt, wächst ebenso die Sehnsucht nach dem ewigen Leben, das nach dem Bedeutungsverlust von Religion nun auch als große technische Utopie in Erscheinung tritt. Schon 1988 verkündete der Robotiker Hans Moravec, dass es in wenigen Jahrzehnten möglich sei, den menschlichen Geist in einen Computer zu transferieren. Angefangen mit Erzählungen von Stanisław Lem und Arthur C. Clarke geisterte diese Idee seit den 1950er Jahren durch die Science fiction-Literatur und setzt sich dystopisch in Fernsehserien wie Altered Carbon fort.

Moravec aber verbindet seine Utopie mit der Verkündigung vom Ende der Menschheit: „What awaits us is not oblivion but rather a future which, from our present vantage point, is best described by the words ‘postbiological’ or even ‘supernatural’. It is a world in which the human race has been swept away by the tide of cultural change, usurped by its own artificial progeny.” (1988, 1).

Andere Futuristen wie der Physiker Frank Tipler und der IT-Unternehmer Ray Kurzweil stimmten euphorisch ein und riefen den Beginn des posthumanen Zeitalters aus. Die kommenden künstlichen Intelligenzen der Computer und Roboter würden nämlich den Menschen als Höhepunkt der Evolutionsgeschichte ablösen. Kurzweil geht gar davon aus, dass in wenigen Jahrzehnten fast alle Menschen nur noch virtuell existieren werden, da man auf diese Weise Krankheit, Schwangerschaften, unerwiderte Liebe, Alter und Tod überwinden könne. Im virtuellen Dasein frohlockten dagegen Allwissenheit, freie Körperwahl und die Unsterblichkeit.

Der Trick, den die Posthumanisten anwenden, um den Menschen mit einem Computer verschmelzen zu lassen, besteht darin, dass der Mensch bereits vor seiner erhofften Verwandlung als Computer definiert wird, wie z.B. durch Frank Tipler: „I therefore regard a human being as nothing but a particular type of machine, the human brain as nothing but an information processing device, the human soul as nothing but a program being run on a computer called the brain.“ (Tipler 1995, XI).

Wenn der Mensch nichts anderes als ein Computer ist, dann ließe sich nach dieser posthumanistischen Logik das Programm „Mensch“ auch auf einen Computer transferieren. Weder die Neurowissenschaften noch die jüngere Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz würde diese These heute unterstützen.

Seit über 20 Jahren befasse ich mich mit dem technologischen Posthumanismus und man kann sehr schön beobachten, wie nun zwei Strategien verfolgt werden, um mit dem Nichteintreffen der technischen Prophezeiungen umzugehen. Um Hans Moravec ist es still geworden und er hat die Prognose einer menschengleichen künstlichen Intelligenz zeitlich immer weiter nach hinten verschoben. Tipler und insbesondere Kurzweil dagegen steigern ihre Prognosen unentwegt mit noch grandioseren Utopien: Es sei nun das gesamte Universum, dass durch die irdischen künstlichen Intelligenzen am Ende der Zeit gerettet werde.

Ob all diese Visionen realistisch sind, ist für die genannten Autoren vollkommen unerheblich. Die Zukunft ist für die Posthumanisten eine unerschöpfliche ökonomische Ressource, mit der man Träume, Hoffnungen, Ängste und Vitaminpillen wunderbar vermarkten kann. Ein Song der Scorpions bringt es auf den Punkt: The future never dies.

 

Literatur:

Oliver Krüger (22019) Virtualität und Unsterblichkeit. Gott, Evolution und die Singularität im Post- und Transhumanismus. Freiburg i.Br.

Ray Kurzweil (2005): The Singularity is near. When Humans transcend Biology. New York. = Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Berlin 2013

Hans Moravec (1988): Mind Children. The Future of Robot and Human Intelligence. Harvard = Mind Children. Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Hamburg 1990

Frank Tipler (1995): The Physics of Immortality. Modern Cosmology, God and the Ressurection of the Dead. New York = Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten. München 42007

Bildnachweis: ALMA Correlator, Wiki-Commons (https://en.wikipedia.org/wiki/Supercomputer#/media/File:Wide-angle_view_of_the_ALMA_correlator.jpg)

 

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