vonoliverkrueger 06.06.2020

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Es ist schon bald ein halbes Jahrhundert her, dass die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch eine breite Leserschaft mit ihren gewitzten Glossen darauf aufmerksam machte, dass es Frauen gibt. Und sogar mehr und in weitaus vielfältigeren Rollen, als dies der deutsche Sprachgebrauch bis dahin anzeigen wollte. Mit scharfsinnigem Humor entblößte sie das Bedeutungswörterbuch des Duden als recht banalen Männerroman, in dem Frauen meist nur als Gattinnen, Hausfrauen und Mütter in Erscheinung traten.

Seitdem ist viel geschehen und das Bemühen um gendergerechte Sprache prägt heute Gesetzestexte, öffentliche Ansprachen, die Wissenschaft und Schulbücher sowie den politischen Diskurs. Offenbar hat sogar die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei inzwischen verstanden, dass ihr Slogan „Schweizer wählen SVP!“ ein Schuss ins Knie war – denn was sollten dann die Schweizerinnen tun?

Erstaunlicherweise ist diese Botschaft im Bereich des Wissenschaftsjournalismus noch nicht angekommen. So berichtete das Magazin Geo jüngst über die große Arktis-Expedition der Polarstern: „Hunderte Wissenschaft­ler erforschen die Umwelt in der Nordpol­region – unter härtesten Bedingungen … In Kälte und Dunkelheit wagten sich Hunderte Forscher auf die größte Arktisexpedition aller Zeiten … ein Jahrzehnt Planung, 20 Nationen, 900 Experten an Land und an Bord“ (ähnlich die Bild Zeitung und Spiegel Online; die Zeit Online zeigt, dass es auch anders geht). Stören die vielen beteiligten Frauen etwa das Narrativ von verwegenen Abenteurern, die sich entbehrungsreich durch Schneestürme kämpfen und Eisbären bezwingen?

Schwerwiegender als diese Kurzsichtigkeit einiger Printmedien ist jedoch die fast durchgehende Maskulinität von Forschung in der Berichterstattung der täglichen, ausführlichen Wissenschaftsmagazine des Deutschlandsfunks (Forschung aktuell) und von WDR5 (Quarks). Auf der radiophonen Bühne erscheinen Forscher, Genetiker, Mediziner, Bauern, sogar Angler und natürlich Wissenschaftler – Frauen existieren nur als konkrete Einzelexemplare. Es ruft dann einige Verwunderung hervor, wenn z.B. im DLF Studien von zwei Professorinnen präsentiert werden und die entsprechende Textmeldung trotzdem titelt: „Experten sehen keine Gefahr für frühkindliche Entwicklung.“ Wenn es sprachlich bisher keine Expertinnen geben darf, dann kann man den Tagesmedien auch nicht vorwerfen, in der aktuellen Corona-Krise überwiegend (männliche) Experten zu Wort kommen zu lassen. Wie soll man(n) denn auf die Idee kommen, dass es auch Medizinerinnen oder Virologinnen geben könnte?

Alles nur belanglose Sprachspiele? Im September 2018 präsentierte der Teilchenphysiker Alessandro Strumia in einem Vortrag über den Zusammenhang von theoretischer Physik und Gender vereinfacht die These, dass es insgesamt weniger hochintelligente Frauen als Männer gebe und damit auch weniger Frauen, die für anspruchsvolle Spezialgebiete der Physik geeignet seien. Daraus schloss er, dass real gar keine Diskriminierung von Frauen in den MINT / STEM-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) bestehe, sondern im Gegenteil sogar die Männer (insbesondere er selbst) in der aktuellen Gleichstellungspolitik benachteiligt würden.

Der Fall stieß in der Wissenschaftsgemeinschaft auf massive Kritik und der Physiker Tommaso Dorigo traf den Nagel auf den Kopf: „The writing is on the wall: during their education female students are as good as or better than males in STEM disciplines; however, society is geared up to convince them since their birth (and us with them) that they are less good than males, and that they should seek different paths in their careers. The outcome is in front of us all.“

Es geht hier nicht darum, eine „Sprachpolizei“ zu installieren (wie es der lautstarke Anti-Genderismus suggerieren will). Aber wenn es noch nicht einmal gelingt, die genderdiverse Wirklichkeit der heutigen Forschungslandschaften in den populären Medien angemessen wiederzugeben, dann wird es noch ein langer Weg sein, bis Ingenieurinnen, Elektrotechnikerinnen, Astronautinnen und Arktis-Forscherinnen zu selbstverständlichen Vorbildern für alle jungen Menschen werden.

Dass diese Anpassungen einigen so schwerfallen, hängt mit persistenten kulturellen Deutungsmustern zusammen. Über Jahrhunderte wurde – von Leonardo da Vinci bis Stephen Hawking – das Bild der ausschließlich männlichen Genies gepflegt, die in Momenten höherer Erkenntnis bahnbrechende Entdeckungen machen. Das wissenschaftliche Genie des 19. Jahrhunderts geht dabei aus dem künstlerischen Genie der Renaissance hervor, das seine Erleuchtung dem göttlich inspirierenden Kuss von Apollons Musen verdankt. Und die Musen küssen bekanntlich keine Frauen!

In den letzten Dekaden vor der Jahrhundertwende war man bemüht, diese Ideen zu rationalisieren und mit der besonderen Form und Größe von Gehirnen zu begründen. Während sich auf diese Weise so mancher Geist posthum seine Genialität per Sektion des Gehirns bestätigen ließ – dazu gehörten illustre Gestalten wie Carl Friedrich Gauß, Walt Whitman und Franz Schubert – wurden Frauen und anderen Rassen ihre intellektuelle Unfähigkeit wissenschaftlich erklärt (bevor dann um 1900 die ganze Theorie als Unfug verworfen wurde). Stefan Zweig (*1881) schildert in seiner Autobiographie, wie er noch in seiner Jugend unhinterfragt davon ausging, dass man mit Frauen überhaupt kein intellektuelles Gespräch führen könne… (während gleichzeitig Marie Curie in Paris die „Radioaktivität“ entdeckte).

Die Frage der gendergerechten Sprache ist daher keine Banalität. Es geht darum, ob eine Gesellschaft Frauen in anderen Rollen als denen des tradierten „hübschen Püppchens“ (danke an GNTM), des allzeit verfügbaren Beiwerk des Mannes und der Kinderhüterin, sichtbar und möglich machen will. Es täte dem deutschen Wissenschaftsjournalismus daher gut, sich um etwas mehr sprachliche Ausgewogenheit zu bemühen. Für die schreibende Zunft sind es nur ein paar Wortendungen, für eine Hälfte der Menschheit kann es jedoch Anerkennung und Ermutigung bedeuten.

 

Epilog

Ja, einige Varianten für gendergerechtes Schreiben und Sprechen sind stilistische Herausforderungen. Ich selbst bin kein Freund von schwer lesbaren Gendersternchen und Binnen-Is, vor allem, weil ich fürchte, dass sich die Alltagssprache dadurch kaum ändert. Aber selbst, wenn jemand nicht wie der schnellsprechende Gregor Gysi mit aller Konsequenz stets die weibliche und männliche Form verwendet, könnte man auch beide Formen alternierend nutzen und mit neutralisierenden Ausdrücken kombinieren.

Als Fazit aus 13 Jahren als Professor, in denen drei Viertel meiner Doktorierenden Frauen waren und sind, muss ich allerdings resümieren, dass – so wichtig diese sprachliche Nivellierung auch ist – die Chancengleichheit in der Wissenschaft noch viel stärker von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt. Sprache allein verändert keine sozialen Wirklichkeiten. Stipendien, Stellen mit angemessenen Gehältern, gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten, emanzipierte Partnerschaften und Flexibilität in der Arbeitsgestaltung tun es schon.

 

Literatur:

Michael Hagner (2004): Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung. Göttingen.

Luise F. Pusch (1984): Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt am Main.

 

Bildnachweis: Mount Polley bei Pixabay

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