vonoliverkrueger 24.07.2021

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Deutsche lieben Hunde. Sehr sogar. In jedem 5. Haushalt lebt einer der knuddeligen Vierbeiner. Ob die Tiere jedoch zu knuddeln sind oder gefährlich werden können, ist für Außenstehende nicht ohne Weiteres erkennbar. „Der macht nix, der will nur spielen…“ ist daher einer der häufigsten Sätze, der bei Begegnungen mit Hunden, die auf Unbeteiligte zustürmen, hinterhergerufen wird.

Mit der Kür von Armin Laschet zunächst zum CDU-Vorsitzenden und dann zum Kanzlerkandidaten  der Union folgt die Partei einem Kurs, sich in Wahlkämpfen möglichst ohne Kanten und Angriffsflächen zu präsentieren. Persönlich hätte ich mich auf Friedrich Merz oder Markus Söder als Spitzenkandidat gefreut: Es wäre spannend geworden mit Merz, einem Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden des weltweit größten Finanzinvestors BlackRock, der sich mit nur zwei bescheidenen Flugzeugen in seinem Besitz zur „gehobenen Mittelschicht“ zählt und der gesellschaftspolitische Vorstellungen der späten 1970er vertritt. Oder mit Söder als Fähnchen im Wind, dessen neuerdings grünblumige Worte man klar an seinen bisherigen Taten hätte messen können.

Ähnlich wie die Schweizer Christdemokratische Volkspartei CVP, die sich kürzlich schlicht in „Die Mitte“ umbenennen ließ, wählte man in der CDU das Unbestimmte. Dass jede Klarheit partout ausgeschlossen werden soll, verkündet nun in allen Kanälen das aktuelle Wahlmotto der CDU: Deutschland gemeinsam machen.

Wow! Grammatikalisch ist der Satz im Prinzip korrekt. Nur inhaltlich hakt es. Das Verb „machen“ erfordert in dieser Konstellation stets ein Objekt, das „gemacht“ werden soll: Autos, Gesetze oder – für alle Freunde der Maulwurfsbücher – einen Haufen. Ein Objekt, das – wie Deutschland, das Meer oder die Erde – schon existiert, erfordert stets eine Qualität in Verbindung mit dem Verb „machen“. Einige Beispiele?

Deutschland gemeinsam glücklich machen.

Deutschland gemeinsam gerechter machen.

Deutschland gemeinsam klüger machen.

Deutschland gemeinsam grüner machen.

Deutschland gemeinsam fertig machen.

All dies unterlässt das CDU-Wahlkampfteam ganz bewusst und nicht zufällig. Die erste Ebene von Normativität, von Wertungen, ist stets die Selektion: Was thematisiere ich? Was blende ich aus? Die CDU steht hier allerhöchstens nur noch für ein „Wir machen mal so weiter wie bisher…“ – selbst angesichts der verheerenden Fluten in meinem Heimatkreis Ahrweiler als schmerzlich spürbare Folge des Klimawandels. Auch wäre es ein Leichtes gewesen, den Slogan in „Gemeinsam Deutschland gestalten“ zu variieren (hier sogar mit peppiger Alliteration). Aber dies hätte wohl unweigerlich die Gegenfrage „Wie denn?“ provoziert.

Und konkrete Projekte wie die Digitalisierung, Lohngerechtigkeit oder angemessene Kinderbetreuung, die „gemacht“ werden müssten, zu erwähnen, erschiene wie die Mängelliste dieser langjährigen Regierungspartei (dies bemerkte Mely Kiyak jüngst in der Zeit-Online). Konservative Medien bemühen sich nun unermüdlich, eine inhaltliche Debatte zu vermeiden – ich fürchte gar, Markus Lanz wird in Kürze auch noch die Grundschulzeugnisse von Annalena Baerbock in einer Expertenrunde sezieren lassen. Ist die Angst so groß, die Wählerschaft könne erkennen, dass der vermeintliche Kaiser-Ahne Armin ohne Kleider dasteht?

Der erste Beispielsatz für das Verb „machen“, das der Duden aufführt, belehrt uns: „Du hast mich lachen gemacht.“ Ja, wenn wir ein Bürgermeisterwettrennen eines deutschen Provinznestes beobachten würden, könnte man tatsächlich ein „Lachet unbeschwert!“ in die Welt hinausrufen und Laschets amüsanter Wahlkampf wäre nicht mehr als eine willkommene Lippengymnastik. Nur ist Deutschland keine Aachener Printenbäckerei, sondern eine der größten Volkswirtschaften dieses Globus. Politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die hier getroffen werden, haben Einfluss auf Europa und weltweite Politikfelder.

Vielleicht wird ein inhaltsloses Profil der CDU nutzen, die stärkste Partei in Deutschland zu bleiben. Keinesfalls jedoch wird dies ausreichen, um die absehbaren Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Die politische Krise der Europäischen Union wird sich unter dem Druck rechtspopulistischer und autokratischer Regierungen verschärfen, die direkten und indirekten Folgen der Klimakrise in der Landwirtschaft, durch Extremwetterlagen, Ressourcen-Kriege und vermehrte Flüchtlingsbewegungen werden uns über Jahrzehnte beschäftigen.

Die CDU agiert hier als somnambulische Nebelkerze: Wie eine Schlafwandlerin, da sie sich dafür entscheidet, weiterhin von Ereignissen getrieben zu werden, anstatt vorausschauende und nachhaltige Strategien zu entwickeln. Wie eine Nebelkerze, da die CDU dort, wo sie die Existenz von Problemen anerkennt, den Anschein erweckt, als ob alles so weiter gehen könne, wie bisher, dass weder höhere Kosten oder klarere Konsumregeln, noch Verzicht drohen, um der anstehenden Krisen Herr zu werden.

Nur leider ist es mit der Politik so, wie – laut Paul Watzlawick – mit der menschlichen Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren bzw. man kann sich nicht nicht entscheiden. Eine Vogel-Strauß-Mentalität des Wegduckens erhöht am Ende die Kosten für alle Beteiligten. Schlimmer noch: Wer keinen klaren Plan vorlegt, verhindert schließlich eine politische Debatte und den notwendigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, das gemeinsame Ringen um die besten Lösungen.

„Gemeinsam Lösungen gestalten“, das wäre doch was.

 

 

Bildnachweis:

Grundsteinlegung für das „MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“ Wiki Commons, © Raimond Spekking https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Grundsteinlegung_MiQua-7004_(cropped).jpg

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kommentare

  • Oder auch:
    Ein Bild von einem Auto, von dem nur noch Fenster und Dach aus den Fluten herausgucken; verbunden mit dem Spruch „Gemeinsam in der Klimakrise untergehen“.
    Ein Bild von einem Tornado (hat es ja in den vergangenen Wochen mehrere in Europa gegeben); dazu der Spruch: „Gemeinsam vom Winde verwehen lassen“.
    Ein Anzugträger von hinten, dem auf Höhe des Allerwertesten ein Strohhalm aus dem Anzug ragt; mit dem Spruch: „Gemeinsam den Reichen den Staubzucker in den A**** blasen.“

    Das Ganze im Design der CDU-Wahlkampfplakate; also schwarz-weiß mit dem „Deutschlandkreis“….

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