»Le Gagnant« kam unter den Hammer. Den Titel hatte Félix Vallotton 1898 selbst in den Druckstock geschnitten. Das Bild zeigte eine Menschenmenge hinter einem Sperrzaun beim Pferderennen. Der Gewinner stand halb rechts, etwas abseits, und trug einen weißen Mantel. Im Gegensatz zu den anderen Leuten auf dem Bild ging er nicht aus sich heraus. Er jubelte nicht und freute sich auch nicht. Der Sieg schien ihn hingegen erschrocken zu haben. Die Grasfläche war tiefschwarz.
Ich bin eigentlich kein Kunstsammler. Aber genau an diesem Holzschnitt habe ich einen Narren gefressen. Vor vielen Jahren musste ich im Deutschunterricht eine Kurzgeschichte zu diesem Bild schreiben. Deshalb hatte ich den schwarz-weißen Holzschnitt so gründlich betrachtet wie kein anderes Bild davor und danach. Vor ein paar Monaten bin ich 50 geworden. Darum habe ich tausend Euro dafür reserviert, um aus Spaß ein bisschen mitzusteigern. Die Schätzung lag bei 600 bis 800 Euro.
Der Auktionator arbeitete sich in Zehnerschritten nach oben. Zunächst verlief die Auktion eher schleppend. Ich überbot schlankerhand die zögerliche Konkurrenz und fühlte mich mit meinem Geburtstags-Budget wie ein kleiner Krösus. Daran hätte ich mich gewöhnen können. Bei 380 und 590 hätte ich zweimal fast den Zuschlag erhalten. Der Auktionator hob bereits den Hammer. Nach einem kurzen Innehalten kamen noch Gebote, die die Auktion verlängerten.
Meine Interpretation des Bildes stand fest: Dem Gewinner wurde auf einen Schlag bewusst, dass sein Leben sich soeben von Grund auf verändert hatte. Von jetzt auf dann stand er mitten in der Menge alleine da. Wenn große Beträge auf dem Spiel stehen, ist ein Sieg auch mit Verantwortung verbunden. Vallottons Gewinner wäre nicht die Kinnlade runtergefallen, wenn er gerade einen Franc fünfzig gewonnen hätte. Für mich war die Sache glasklar: Wenn der Gewinner sich von einem Sieg überrumpelt fühlte, hätte er nicht an dem Wettbewerb teilnehmen dürfen. You have to choose your battles. Oder passender: Il faut choisir ses combats.

Ab 700€ ging es auf einmal ganz schnell. Das lag nicht nur an den 50er-Schritten. Vielmehr wagten zwei Profisammlerinnen sich aus der Deckung, die vorher ihr Interesse vollständig verborgen hatten. Eine saß vorne rechts, die andere vorne links. Ein schnelles Ping-Pong-Spiel begann und ehe ich mich versah, rief der Auktionator 1650€ auf. Ich war froh, mit 1700€ dazwischenzukommen.
Hatte ich wirklich 1700€ geboten? – Verrückt. Das Geld würde ich schon irgendwie auftreiben können. »Siebzehnhundert zum ersten …« – Was war los mit den beiden Damen? Hatten sie sich am Ende abgesprochen, um mich reinzulegen? Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Im Auktionshaus ebenfalls. »Siebzehnhundert zum zweiten …« – Die Dame rechts war raus. Die andere starrte auf ihr Telefon. Vielleicht vertrat sie irgendein Museum. Ich hatte gelesen, dass hin und wieder institutionelle Anleger Vallottons frühe Holzschnitte aufkauften.
Letztendlich erhielt die Dame links den Zuschlag. Ich war so erleichtert, als sie die Hand hob und mich überbot. Sofort nach der Auktion bestellte ich mir einen preiswerten Druck des Holzschnitts und freute mich, gerade noch mal verloren zu haben.
Bildnachweis
Félix Vallotton (1865-1925): Le Gagnant, Holzschnitt von 1898 mit CC0-Lizenz via WikimediaCommons.