vonDarius Hamidzadeh Hamudi 18.04.2026

Zylinderkopf-Dichtung

Essays, Glossen, Kommentare und Neuigkeiten aus der Menagerie der kleinen Literatur.

Mehr über diesen Blog

Vorlesezeit: ca. 25 Minuten

Die fünfte Stadtmusikantin

Was die Gebrüder Grimm vergessen haben

Zuallererst möchte ich die beiden Grimm-Brüder in Schutz nehmen. Dass ich, die Fledermaus, bei der offiziellen Geschichte der Bremer Stadtmusikanten unter den Tisch gefallen bin, war kein böser Wille und hatte auch nichts mit Nachlässigkeit von Jakob und Wilhelm zu tun.

Ja, die beiden Brüder hießen tatsächlich Jakob und Wilhelm. Sie waren – jeder für sich genommen – wirklich angenehme Zeitgenossen. Wenn sie sich nicht … ja, wenn sie sich nicht dauernd und über jeden Satz gestritten hätten.

Die beiden waren einfach sehr unterschiedlich. Jacob war übertrieben ordentlich. Wenn er sich im Wirtshaus einen Braten bestellte, musste er vor dem Essen auf dem Teller Ordnung schaffen. Vor allem das Gemüse war ihm viel zu chaotisch. Darum landeten feinsäuberlich die Erbsen links und die Möhren rechts.

Wilhelm wartete geduldig. Er kannte es nicht anders. Bis sein Bruder den Teller fertig aufgeräumt hatte, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Vögel. Manchmal notierte er auch ein paar Verse, denn er mochte Poesie. Leider schrieb er kaum einen Text zu Ende. Und wenn doch, dann klangen seine Gedichte ungefähr so:

Was ich auch sing und sage,

es bleibt doch ohne Klang.

Die Amsel singt am Tage

– mit leisem Überschwang.

Ich habe Jacob und Wilhelm oft belauscht. Als sie die Stadtmusikanten-Geschichte ausformuliert haben, hing ich kopfüber im Dachstuhl und lauschte. Das Fenster stand offen. Ich habe gute Ohren und bekomme mehr mit, als ihr euch vorstellen könnt.

Jacob hätte am liebsten jedes Wort haargenau so aufschrieben, wie die Leute es ihm erzählt hatten. Ohne seinen kleinen Bruder Willi würden Grimms Märchen wie eine Steuererklärung klingen. Jacob war obendrein ein Dickkopf, darum gerieten die Brüder ständig aneinander. Die Wortgefechte schaukelten sich schnell hoch.

»Schreib doch deine Märchen alleine, du Spinner!«

»Dann werden sie wenigstens fertig, du Möchtegern-Poet«

»Wenn ich ein Möchtegern-Poet bin, dann bist du ein Erbsenzähler!«

»Hör mir damit auf, du Fantast!«

Es ist mir ein Rätsel, wie die beiden sich am Ende doch noch zusammengerauft haben.

Doch das führt weg von der eigentlichen Geschichte. Ich hatte nämlich mit den glorreichen Vier – Esel, Hund, Katze und Hahn – abgesprochen, dass ich in der offiziellen Stadtmusikanten-Geschichte auf keinen Fall erwähnt werden möchte.

Ich habe das damals genau so kommen sehen: Dieses Märchen hatte von Anfang an das Zeug dazu, die vier zu Stars zu machen. Und das wollte ich um jeden Preis vermeiden. Deshalb bin ich inkognito geblieben. Der Punkt ist, dass ich mir tagsüber am liebsten irgendwo ein schattiges Plätzchen suche, um mich kopfüber hinzuhängen und auszuruhen. Mein Leben findet nachts statt. Tagsüber bin ich zu gar nichts zu gebrauchen.

Heute denke ich, dass ich es mir damals vielleicht ein bisschen zu einfach gemacht habe. Ich hatte tatsächlich geglaubt, den Menschen aus dem Weg gehen und einfach in Ruhe Nacht für Nacht mein Leben leben zu können.

Dabei wäre die Sache mit den Stadtmusikanten wirklich gut für das Image von uns Fledermäusen gewesen. An Esel, Hund, Katze und Hahn sieht man ja, wie hilfreich es ist, wenn die Menschen ein positives Bild von einer Art haben. Nicht umsonst werden Hunde und Katzen als Haustiere gehalten und verwöhnt. Auch Esel und Hahn haben von dem Bremer Märchen profitiert.

Davon können wir Fledermäuse nur träumen. Stattdessen erzählen sich die Menschen die wildesten Geschichten über uns. Wir würden uns in Vampire verwandeln oder selbst Blut trinken. So ein Quatsch! Aber das ist nicht nur Unsinn, sondern auch brandgefährlich für uns Fledermäuse. Hätten wir ein besseres Image, wären wir wahrscheinlich nicht vom Aussterben bedroht.

Vielleicht kann ich ja noch ein bisschen was retten, indem ich jetzt die wahre Geschichte der Bremer Stadtmusikanten erzähle. Schließlich war ich von Anfang an dabei.

Einen Versuch ist es wert.

Das Problem der gemeinsamen Mahlzeiten

Wo soll ich anfangen? Das ist gar nicht so leicht. Die Geschichte der Grimm-Brüder ist ja nicht falsch, sondern nur unvollständig. Und ich kann ja nicht alles auf einmal richtig stellen … Was völlig klar ist: Ohne mich wären die vier niemals in Bremen angekommen. Damals gab es noch keine Navigationsgeräte, und in Oldenburg oder Osnabrück hätte die Geschichte bestimmt nicht funktioniert. Bremen macht den Unterschied. Es ist einfach eine sehr besondere Stadt mit einem Herz für Fledermäuse. Grüße gehen raus an den Bremer Arbeitskreis Fledermausschutz.

Nicht nur die Orientierung der vier war eine Katastrophe. Auch der permanente Streit bei der Ernährung sorgte dafür, dass sie sich ständig im Kreis drehten. Ich möchte mich nicht selbst loben, aber ohne mich wären sie in Sachen Essen nie auf einen Nenner gekommen. Der Esel ist ja vom Naturell ein Veganer durch und durch: Gras, ein paar Kräuter und Zweige, vielleicht mal ein bisschen Laub. Viel mehr würde ihm gar nicht gut tun. Der Hahn lag im Prinzip auf derselben Linie, aber war schon schwieriger satt zu bekommen. Gras, Kräuter und kleine Insekten gab es natürlich überall. Aber nach Getreide musste er ständig die Augen offenhalten. Nebenbei bemerkt: In Bezug auf den Hahn gibt es nichts zu beschönigen: Das Futter war noch das geringste Problem. Musikalisch waren seine Fähigkeiten überaus begrenzt. Er konnte und wollte sein markantes Kikeriki weder vom Takt noch vom Rhythmus der Musik abhängig machen, sondern krähte einfach dazwischen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es ihm insgeheim sogar Freude bereitete, die anderen zu erschrecken. Obendrein hielt er sich trotz dieses schrecklichen Mangels an Taktgefühl für den heimlichen Star und Frontmann des Ensembles …

Aber ich war beim Thema Ernährung. Hund und Katze mochten beide Fleisch, aber konnten sich nicht gut leiden. Die Katze war sehr wählerisch, während der Hund alles fraß. Jedenfalls ging es beim Thema Essen hoch her. Gemeinsame Mahlzeiten kamen so gut wie gar nicht zustande. Während Esel und Hahn sammelten, gingen Katze und Hund auf die Jagd, aber nicht gemeinsam, sondern gegeneinander.

»So fängst du nie was!«, fauchte die Katze. »Du bist viel zu langsam!«

»Und du viel zu eingebildet«, erwiderte der Hund. »Überhaupt: Wenn ich jage, fange ich immer was.«

»Was du fängst, esse ich aus Prinzip nicht. Weil du es gefangen hast!«, giftete die Katze.

»Dann verhunger doch!«, gab der Hund zurück.

»Bevor hier jemand verhungert … Das Gras ist wirklich saftig und lecker. Und da vorne stehen sogar feine Kräuter«, meinte der Esel schmatzend.

»Kräuter sind ja schön und gut«, rief der Hahn, »aber gibt es hier auch Körner?«

»Wenn du unbedingt Körner magst, dann such dir halt welche!«, rief die Katze.

»Ich weiß schon selbst, was ich suche!«, erwiderte der Hahn, »und von dir lass ich mir gar nichts sagen!«

So ging es immer weiter. Ich hing kopfüber in einem Baum und dachte nach. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich rief die vier zusammen und präsentierte ihnen das Stadtmusikanten-Menü:

Vorspeisen (Auswahl):

  • Körnermischung vom Feld mit jungen Trieben und frisch geschnittenen Waldkräutern oder

  • Zarte Insektenvariation aus heimischen Obstbaumwiesen

Hauptgericht zur Wahl:

  • zarte Filetstücke und Innereien vom frisch erlegten Kleinwild oder

  • kräftige Zweig- und Wurzelvariation der Saison mit feinen Waldpilzen

Dessertangebot:

  • Frische Geflügelhappen, verfeinert mit Kräutern oder

  • Waldbeeren auf einem Bett aus wilden Gräsern.

Die Katze sah sich die Speisenfolge an und tat so, als ginge sie das alles nichts an.

»Zweig- und Wurzelvariation … Igitt!«, maunzte sie.

»Klingt doch nicht so schlecht?«, sagte der Esel.

»Naja …«, erwiderte der Hund.

»Du kannst ja auch Filet vom Kleinwild nehmen«, versuchte ich ihn zu überzeugen.

»Und Innereien«, ergänzte die Katze knapp.

»Körner gibt es also nur bei der Vorspeise?«, fragte der Hahn vorwurfsvoll. »Das ist doch keine ausgewogene Ernährung!«

»Die Zweige klingen aber sehr vernünftig«, meinte der Esel, »und die Waldkräuter auch«.

»Du würdest auch einen Baumstamm abnagen«, bemerkte die Katze.

»Kommt drauf an, wie er gewürzt ist«, entgegnete der Esel trocken.

Nach einer kurzen Pause, meldete sich der Hund zu Wort: »Also gut, ich probiere mal Insekten als Vorspeise, als Hauptgericht nehme ich Kleinwild und Geflügelhappen zum Dessert.« Er tippte mit der Pfote auf die genannten Gerichte.

»Was für eine Überraschung!«, spottete die Katze, »ich auch.«

»Und ich nehme immer das andere«, merkte der Esel an.

Der Hahn war allerdings noch skeptisch: »Wie groß ist die Vorspeise? Sind da auch reichlich Körner drin?«

»Wenn es dir zu wenig ist, kannst du meine Vorspeise haben«, meinte der Esel gutmütig. »Satt wirst du bestimmt.«

»Dann lasst es uns doch mal versuchen«, sagte der Hund und alle nickten.

Am nächsten Tag ging es schnurstracks voran in Richtung Bremen. Tagsüber wurde marschiert, gejagt und gesammelt. Abends wurde gegessen. Der Esel war ein guter Koch. Der Hund war seine Küchenhilfe. Die Katze dekorierte die Tafel.

Und der Hahn, ja der Hahn aß natürlich mit und beschwerte sich, dass alles zu lange dauerte.

Aber sie aßen zum ersten Mal gemeinsam.

Die Sache mit der Musik

Auf die Idee mit der Tierpyramide ist der Hahn gekommen. Esel und Hund konnten sich gut damit anfreunden, sich so aufzustellen. Lediglich der Katze gefiel es ganz und gar nicht, wenn der Hahn ihren Rücken als Landeplatz benutzte.

»Wenn wir in Bremen Erfolg haben wollen, muss nicht nur die Musik stimmen, sondern auch die Show!«, beharrte der Hahn auf seiner Idee und die Katze willigte ein.

Der Esel sorgte mit seiner tiefen Stimme für das Fundament des Gesangs. Er war nicht einfach für ihn, seinen charakteristischen I-A-Ruf zu kontrollieren. Doch mit der Zeit lernte er, gekonnt zwischen rhythmischem Ein- und Ausatmen und lautem Rufen hin- und herzuschalten. Der Hund setzte mit seinem Bellen rhythmische Akzente. Die Katze gestaltete die Stücke maßgeblich, indem sie schnurrte und fauchte. Und der Hahn? Nun ja, der saß ganz oben auf der Pyramide und plusterte sich imposant auf. Hin und wieder …, nun ja, ich sage mal … , setzte er gesangliche Akzente. Meine Rolle als Fledermaus bestand darin, genau hinzuhören und aus den vier ein Ensemble zu formen.

Ich zählte den Takt vor: »Eins, zwei, drei, vier und …«

Der Esel begann mit seinem recht regelmäßigen I-A.

Der Hund setzte viel zu laut ein. Und einen Moment zu spät.

Die Katze fauchte so wild, dass ich erschrak und instinktiv fast davon geflogen wäre.

Ich rief: »Zu früh!«

»Wieso?«, fragte der Hund.

»Ich war genau richtig«, entgegnete die Katze.

Der Hahn krähte.

Der Esel unterbrach: »Klingt doch schon ganz gut, oder?«

Ich wäre fast verzweifelt. Irgendwann habe ich sie einfach musizieren lassen und mir in ausreichender Entfernung ein schattiges Bäumchen gesucht, um mich kopfüber hinzuhängen und nachzudenken. Wir Fledermäuse haben ein empfindliches Gehör. So durfte es natürlich auf keinen Fall weitergehen.

Dann hatte ich eine Idee. Ich bat den Esel einfach darum, beim Marschieren leise, aber kontinuierlich vorzuzählen.

»Links – zwo – drei – vier und – links – zwo – drei – vier …«

Der Hund war sofort hellauf begeistert, lief schräg versetzt hinter ihm her und kommentierte den ersten Schlag mit einem: »Wuff – zwo – drei – vier …«

Der Katze gefiel das natürlich überhaupt nicht. Sich dem Kommando unterzuordnen, das der Esel vorgab, lag unter ihrem Niveau. Und doch konnte sie den Takt nicht ignorieren. Manchmal preschte sie elegant ein paar Schritte vor, dann erstarrte sie auf einmal und zögerte effektvoll, nur um den kleinen Vorsprung der Gruppe mit ein paar flinken Sprüngen wieder einzuholen. Nebenbei maunzte und miaute sie melodiös.

Der Hahn flatterte voraus, setzte sich auf einen Baum oder Strauch und wartete, bis die Gruppe zu ihm aufgeschlossen hatte. Manchmal hatte ich tatsächlich den Eindruck, dass er dazu neigte, auf der Drei zu krähen. Oder war das Wunschdenken?

Das Zusammenspiel verbesserte sich nur langsam. Ab und zu versank die Musik im Chaos. Es begann oft damit, dass der Esel zu laut i-ahte. Dann versuchte der Hund ihn mit seinem Bellen zu übertönen. Die Katze setzte alles daran, trotzdem noch irgendwie dazwischen zu kommen und der Hahn begann so laut und so oft zu krähen, wie er konnte.

Auch wenn nicht immer alles klappte, waren die vier immer leidenschaftlich bei der Sache. Noch immer waren sie wild entschlossen, in Bremen Stadtmusik zu machen. Nebenbei perfektionierten sie das akrobatische Kunststück, sich innerhalb weniger Sekunden als Pyramide zu formieren.

Genaueres über den Räuber

Mich hat es schon immer gewundert, wie die Brüder Grimm die ruhige und schöne Geschichte der Stadtmusikanten derart verhunzen konnten. Sie haben sich die Sache mit dem Räuber rausgegriffen und fast alles andere ausgeblendet. Als wären Esel, Hund, Katze und Hahn ein Sonderkommando zur Vertreibung von Intensivtätern im Bremer Umland. Ganz falsch ist das zwar nicht, aber doch sehr verkürzt und reißerisch. Es war kein lauter Krimi, den Esel, Hund, Katze und Hahn erlebt haben, sondern Solidarität. Und Solidarität ist leise und mindestens so tragfähig wie der Rücken des Esels.

Die vier Tiere sollten verstoßen, ersäuft und abgeschlachtet werden. Deshalb zitieren die Grimms den Esel mit den Worten: » »Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden!« Das stimmt. Sie machten sich auf den Weg und wurden allmählich zu einem Team. Nicht auf einmal, aber mit der Zeit.

Als sie fast in Bremen angekommen waren, meinte der Hahn: »Wann treten wir endlich auf?«

Die Katze bremste: »Ich würde meinen Gesang gerne noch verfeinern, um die Akzente besser zu setzen.«

»Das Zusammenspiel mit dem Esel klappt schon gut«, sagte der Hund. »Aber ich würde gern versuchen, mein Bellen ab und zu ein bisschen zu verzögern. Das klingt einfach spannender.«

»Unsere Repertoire ist noch zu schmal«, stellte der Esel fest. »Wir wollen den Menschen in Bremen nicht nur zwei, drei Lieder vorsingen. Wir wollen Konzerte geben wie echte Musikanten!«

Also entschieden wir, nicht schnurstracks nach Bremen hineinzumarschieren, sondern im Umland herumzustreifen.

Dort hatte sich ein alter Seeräuber niedergelassen. Er war bei Bremen sesshaft geworden, um für seinen Neffen zu sorgen. In der Erziehung hatte der Pirat sich sehr verändert. Früher hatte er Kopf und Kragen riskiert, Schiffe geentert und mit fremden Matrosen gekämpft. Aber im Umgang mit seinem Neffen war er sehr besorgt und behütete ihn ängstlich.

Inzwischen war der Neffe ein junger Mann geworden. Abends saß der Seeräuber in seinem Schaukelstuhl, der bei jeder Bewegung knarzte. Sein Papagei hockte auf einer Stange und beobachtete alles mit schief gelegtem Kopf.

»Ich möchte nach Hamburg gehen und mir eine Arbeit suchen. Im Hafen«, sagte der Neffe.

»Im Hafen? Das ist doch viel zu schwer für dich«, antwortete der alte Seeräuber. »Am Ende tust du dir noch weh.«

»Aber ich möchte auch etwas von der Welt sehen, Onkel.«

»Ja, früher bin ich auch zur See gefahren. Wir waren überall«, entgegnete der Seeräuber. »Es war schön, aber gefährlich. Jetzt bin ich hier in Sicherheit.«

»Hier ist nichts sicher«, rief der Neffe. »Die Menschen in Bremen haben nicht vergessen, wer es war, der ihre Schiffe ausgeraubt hat.«

Der alte Pirat dachte nach.

»Ich habe nicht alles richtig gemacht in meinem Leben«, gab er zu.

»Feigling, Feigling«, krächzte der Papagei.

»Glaubst du, sie sind mir auf der Spur?«, fragte der alte Seeräuber beunruhigt.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht kommen sie. Wenn, dann in der Nacht.«

»Vielleicht sollte ich noch etwas in Ordnung bringen«, überlegte der alte Seeräuber.

»Kurs halten«, rief der Papagei.

Der Neffe sagte: »Nur weil du untertauchen musst, kannst du nicht von mir verlangen, auf mein eigenes Leben zu verzichten.«

Der Seeräuber antwortete nicht. Stattdessen knarzte sein Schaukelstuhl.

Kleine Nachtmusik für einen Seeräuber

Was ich mit Esel, Hund, Katze und Hahn erleben durfte, grenzte an ein kleines Wunder. Die Musik des Quartetts war kaum noch wiederzuerkennen. Die Einsätze wurden immer genauer und das Zusammenspiel harmonierte. Besonders die Aufstellung als Pyramide erwies sich als hilfreich. Musikalische Akzente übersetzten sich durch minimale Bewegungen in körperliche Impulse. Die vier probten hochkonzentriert, experimentierten und schufen unterschiedliche Klänge. Sie kamen hervorragend ohne mich klar. Ich hängte mich in einen Baum und erfreute mich an ihrer Musik, die immer besser wurde.

Der Seeräuber wachte seit einiger Zeit nachts auf und konnte nicht mehr einschlafen. Dann stand er auf, öffnete das Fenster und dachte über das Leben nach, das er seit vielen Jahren mit seinem Neffen führte. Er war nicht mehr jung. Aber auch zu jung, um nichts mehr zu erwarten. Sein Neffe war inzwischen groß geworden und brauchte ihn eigentlich nicht mehr …

Wenn der Seeräuber nachts so am Fenster stand und nachdachte, bemerkte er in letzter Zeit immer öfter Tierstimmen. Mal waren sie weiter entfernt und kaum zu verstehen. Mal hörte er sie lauter und näher. Er meinte, eine Katze zu erkennen und das Bellen eines Hundes. Ab und zu i-ahte ein Esel und manchmal krähte ein Hahn. Es klang melodisch und groovte. Der Seeräuber fragte sich, um was für eine merkwürdige Musik es sich wohl handelte.

Eines Nachts stand der ehemalige Seeräuber wieder schlaflos am offenen Fenster. Bei Vollmond schlief er immer besonders schlecht. Einen Steinwurf von seinem Haus entfernt lag eine Waldlichtung. Und dort ereignete sich vor seinen Augen ein besonderes Schauspiel:

Vier Tiere traten aus dem Wald: ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn. Sie bildeten einen Kreis und i-ahten, bellten, miauten und krähten kurz – als müssten sie sich aufeinander einstimmen. Dann gingen sie in Position. Der Esel stellte sich in die Mitte der Lichtung. Der Hund setzte sich auf den Esel und nahm eine stabile Position ein. Die Katze sprang mit zwei Sätzen auf den Rücken des Hundes. Der Hahn flatterte in die Luft und landete wie ein Hubschrauber auf der Katze.

Nach einem Moment der Stille begannen sie. Zunächst war nur das tiefe Ein- und Ausatmen des Esels zu hören. Dann fielen Hund und Hahn ein: Der Hund bellte rhythmisch, der Hahn gluckerte und gurgelte, so dass ein stabiles Klangbett entstand. Nach einer Weile setzte die Katze ein. Ihr Gesang ließ sich kaum beschreiben. So etwas hatte der Seeräuber noch nie gehört: Ihr schnurrendes Miauen ging manchmal in ein samtiges Maunzen über. Hin und wieder setzte sie Akzente, indem sie feurig fauchte. Der Hund übernahm an manchen Stellen mit einem weichen Jaulen die zweite Stimme. Auch der Esel schaltete sich gelegentlich durch einen angenehm temperierten I-Ah-Ruf in die Melodie ein. Der Hahn setzte hin und wieder ein Kikeriki als hellen Akzent.

Die Pyramide bewegte sich, wippte im Takt und begann beinahe zu tanzen. Die vier Tiere schienen zu einem Wesen zu verschmelzen. Alles griff ineinander.

Der Seeräuber hätte ihnen stundenlang zuhören können. Fremde Klänge kamen ihm in den Sinn, denen er auf seinen Reisen durch die Karibik gelauscht hatte. Auf hoher See hatten sie auch zusammen gesungen und gerufen. Beim Ziehen am Tau. Beim Reffen der Segel. Vor dem Entern eines fremden Schiffes hatten sie ihre Säbel geschwenkt und gebrüllt. Sie wollten den anderen Angst einjagen. Tatsächlich hatten sie sich selbst Mut gemacht.

Nachdem die Musik verklungen war und die vier Tiere ihre Pyramide wieder abgebaut hatten, klatschte der Räuber laut Beifall und rief: »Bravo! Bravissimo!« Die vier Tiere sahen überrascht zu ihm herüber. Hahn und Hund verbeugten sich als erste, auch der Esel verneigte sich. Da der Räuber nicht aufhörte zu klatschen, ließ sich schließlich auch die Katze dazu herab, ihren Kopf zu neigen und seine Ovationen durch einen würdevollen Knicks entgegenzunehmen.

Ankunft in Bremen

Direkt nach diesem Erfolg zogen wir zu fünft ohne Umweg nach Bremen. Im Morgengrauen kamen wir an. Auf dem Marktplatz brach der neue Tag gerade an. Die Händler schnackten miteinander und bauten ihre Stände auf. Niemand nahm Notiz von uns.

Ich hatte die beste Übersicht und wählte den Platz aus, wo die vier fortan immer musizieren würden. Am Rand des Marktplatzes gab es eine geeignete Stelle. Das Rathaus im Rücken bot Schutz und sorgte für eine gute Akkustik. Gleichzeitig gab es an der Ecke des Rathauses genug Platz, wenn Passanten stehen blieben.

Ihr dürft euch das nicht so vorstellen, dass die Bremer Stadtmusikanten von Anfang an begeistert aufgenommen wurden. Das lief eher beiläufig. Die Leute sahen auf und machten ihre Bemerkungen.

»Gar nicht übel, ne?«, meinte der Bäcker.

„Ja, gibt schlechtere“, stellte der Fleischer fest.

„Solang se hier nich alles vollmaken“, meinte die Marktfrau.

„Lass se doch“, sagte der Fischer, „die tun keen wat.“

Ein Ratsherr blieb stehen und schüttelte den Kopf. Dann eilte er weiter zu seinem Kontor. Am nächsten Tag kam er mit seiner Frau wieder. Das war typisch. Ab und zu blieben ein paar Leute stehen, hörten eine Weile zu und gingen dann einfach weiter.

Mittags ging der Markt zu Ende. Alle räumten ihre Waren zusammen. Der Bäcker warf dem Hahn ein Handvoll Körner zu. Der Fleischer legte Hund und Katze Innereien und Fleischreste hin. Sie machten kein großes Aufheben darum. Für den Esel blieb immer etwas liegen: ein paar Blätter, ein Strunk, ein bisschen Stroh. Er brauchte nicht viel.

Dann sahen wir noch einen alten Bekannten. In einiger Entfernung lief der Seeräuber am Roland vorbei. Er zog einen Bollerwagen mit zwei Gepäcktruhen und einem Seesack hinter sich her und war unterwegs nach Bremerhaven. Auf der Schulter saß sein Papagei: »Kurs halten!« Ich kombinierte, dass sein Haus jetzt sicherlich leer stand. Tatsächlich war auch der Neffe verschwunden, so dass wir einziehen und dort wohnen konnten.

Die Stadtmusikanten lebten noch viele Jahre und traten in Bremen auf dem Marktplatz auf. Und als sie gestorben waren, wurden sie von den Leuten auf dem Marktplatz vermisst.

Auf die Idee mit dem Denkmal ist der Bäcker gekommen.

»Das schauen sich die Leute an und kaufen dann was bei uns«, überlegte er.

»Sind ja auch lang genug hier rumgestanden«, meinte der Fleischer.

»Ohne se is hier nich dasselbe«, sagte die Marktfrau.

»Die gehörn hierher. Hier nach Brem’n«, stellte der Fischer fest.

So kam es, dass die Bremer Marktleute den Stadtmusikanten ein Denkmal setzten. Wer nach Bremen kommt, stattet ihnen früher oder später einen Besuch ab, macht ein Foto. Un dat is nich verkehrt.

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/zylinderkopf/zu-viert-nein-zu-fuenft/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert