vonDarius Hamidzadeh Hamudi 05.05.2026

Zylinderkopf-Dichtung

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Wie oft hatte Scott Joplin sich in St. Louis ein sauberes Bett gewünscht – eine anständige Pension für »Colored people«, fern von Häusern, in denen Unterkunft und Vergnügungsbetrieb ineinander übergingen. Natürlich war es kein Problem, bei Freunden, Kollegen oder in irgendeiner Absteige unterzukommen. Alle waren hilfsbereit und sogar stolz, den jungen Meister aus Sedalia zu beherbergen. Dennoch hätte er sich meist für ein ordentliches Boardinghouse entschieden, wenn er die Wahl gehabt hätte. In dieser Großstadt gab es einfach nicht ausreichend ordentliche Übernachtungsmöglichkeiten.

Er hatte mit seiner Frau Belle eine Weile suchen müssen, bis sie das Haus in der Lucas Street gefunden hatten. Es lag halbwegs zentral und eignete sich als Pension. Trotzdem gab es noch sehr viel zu tun. Sie wollten den Ort schaffen, den Scott selbst in St. Louis oft vermisst hatte.

St. Louis: Hot Piano im Chestnut Valley

Tagsüber unterrichtete Scott und kümmerte sich um die Lucas Street. Inzwischen war Belle hochschwanger, so dass alles an ihm hängenblieb. Hin und wieder trat er auf. Im »Maple Leaf Club« in Sedalia war Scott als »Master« und »Entertainer« gefeiert worden. In St. Louis gab es mehrere schwarze Clubs. Es wehte ein rauher Wind. Die Hot-Piano-Player im Chestnut Valley spielten schneller, lauter und mit mehr Bass. Sie lieferten non-stop groovige Tanzmusik. Scott hingegen ging es um fein gesetzte Synkopen und kunstvoll komponierte harmonische Modulationen. Nicht umsonst sprach Joplins Verleger John Stark von »klassischem Ragtime«. Seine Kollegen in St. Louis hatten dafür wenig übrig. Sie spielten gegen die Uhr und hielten sich dabei für Virtuosen. Einmal hatte Scott tatsächlich ein paar Takte gebraucht, um seinen eigenen »Maple Leaf Rag« wiederzuerkennen.

The Easy Winners

Nachts schrieb Scott Zahlen in die Bücher, listete Einnahmen und Ausgaben auf und rechnete. So sah es aus, das anstrengende und mühevolle Leben, das Theodore Roosevelt gepredigt hatte: Disziplin, Maß und Strenge. Scott war sich nicht zu schade dafür. Als werdender Vater musste er schließlich für stabile Einkünfte sorgen. Tantiemen und Gagen kamen und gingen. Damit konnte er keine Familie ernähren. Stark hatte ihn zu Werbezwecken zum »King of Ragtime« gekrönt. In den Registern der Stadt wurde er als Arbeiter geführt. Kaum jemand hätte geahnt, wie karg es in seinem Königreich zuging.

Scott hätte nicht erwartet, dass es so hart werden würde. Vor der Hochzeit hatten Belle und er sich ihre Zukunft in hellen Farben ausgemalt: Kinder und Kompositionen, Familienleben im Boardinghaus. In dieser Zeit hatte er »The Easy Winners« geschrieben und von Gewinnern erzählt, die mühelos von Sieg zu Sieg tänzelten. Das Stück hatte er zunächst auf eigene Rechnung herausgegeben, weil er gehofft hatte, selbst dazuzugehören.

The Strenuous Life

Wenn Scott sich nicht mehr konzentrieren konnte, begannen die Zahlen zu verschwimmen. Melodienlinien tauchten vor seinem inneren Ohr auf. Die Töne klangen mühselig und hart. Doch schon bald hellte die Musik sich auf und die Zahlen begannen zu tanzen. Der schwere Marsch verwandelte sich in einen Ragtime. Scott begann, mit den Fingern den Takt zu klopfen und setzte sich vors Klavier. Dann trat er auf das Dämpferpedal, um Belle nicht zu stören, und experimentierte mit den Motiven herum.

»The Strenuous Life« – so würde er seinen neuen Rag nennen. Das war seine Antwort auf Roosevelts Rede.

Joplins Stück

2021 haben John Michel (Cello) und Duane Funderburk (Klavier) im Konzertsaal der Universität Washington in Ellensburg (CWU) eine Bearbeitung von »The Strenuous Life« aufgeführt (YouTube). Das warme Timbre des Cellos tut dieser Komposition Joplins gut. Wenn es gegen Ende des Stücks in die hohen Lagen geht, sieht man am Gesicht des Cellisten, wie anstrengend das Leben manchmal sein kann.   

Über die Serie: Ragtime Stories – Variationen über Scott Joplin

Ragtime Stories erzählen kurze Episoden aus dem Leben von Scott Joplin. So entsteht nach und nach eine literarische Biografie des US-amerikanischen Komponisten und seiner Zeit. Die einzelnen Folgen tragen Titel von Scott Joplins Musikstücken und ergeben zugleich eine kleine Werkschau des bedeutenden Musikers.

 

Links und Literatur

  • The Strenuous Life/The Easy Winners: Cover der Sheet Music Ausgabe (1899), gemeinfrei/ US public domain via WikimediaCommons und Edward Berlin.
  • Edward A. Berlin: King of Ragtime, Oxford University Press 2014, Chapter 8/9.
  • The Strenuous Life in einer Bearbeitung für Klavier und Cello, Konzert an der CWU (2021).
  • Das Artikelfoto ist eine eigene Bildcollage:
    • Foto von Scott Joplin (1903) in der Wikipedia (gemeinfrei),
    • Seite 1 der Partitur von The  Strenuous Life mit der Vortragsbezeichnung: »Not fast«,
    • Typografie teilweise mit künstlicher Intelligenz generiert.

 

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