vonDarius Hamidzadeh Hamudi 01.06.2022

Zylinderkopf-Dichtung

Essays, Glossen und Neuigkeiten aus der Menagerie der kleinen Literatur.

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Olaf Scholz hat sie Ende Februar im Bundestag ausgerufen: «Die Zeitenwende». Annalena Baerbock hatte den Ton gesetzt: «Wir sind heute morgen in einer anderen Welt aufgewacht». Auch die CDU stimmt mit ein. Unter der Überschrift «Zeitenwende in der Sicherheitspolitik» setzt Friedrich Merz in bester Cowboy-Manier nicht ohne Pathos noch einen drauf: «Genug ist genug. Das Spiel ist aus!»

Der Marktforscher Stephan Grünewald beschreibt am 24. Mai 22 im DLF Kultur, was die Zeitenwende für die Menschen in Deutschland bedeutet:

«Also langfristig fangen die Leute an zu realisieren, dass es nicht die baldige Rückkehr in diesen geliebten Auenland-Zustand gibt, den man jahrelang in Deutschland versucht hat zu konservieren.»

Die Geheimnisse des wundersamen Auenlands

Erinnern wir uns: 2017 war Merkel auf großen Plakatwänden zu sehen: «Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben» Ihr Lächeln sah so aus wie in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Es darf bezweifelt werden, dass Merkels  «Wir» tatsächlich alle Menschen einschloss; immerhin leben wir in einem Land mit einer der höchsten Niedriglohnquoten Europas. Der Slogan verfing trotzdem. Angie gewann die Bundestagswahl haushoch. Wann immer sich ihre Fingerkuppen berührten, entsprang eine Quelle satter Behaglichkeit und schwappte über die Lande.

«Jemand» hat Alexander Graf Lambsdorff das Geheimnis des Auenlandes verraten. Freundlicherweise hat er es im Interview mit dem DLF am 2. April 22 freimütig ausgeplaudert:

«Wir haben unsere militärische Sicherheit an die USA outgesourct. Wir haben unsere Energieversorgung an Russland outgesourct und wir haben unser exportgetriebenes Wachstum an China outgesourct.»

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

2014 hatte Russland die Krim annektiert, 2015 Aleppo bombardiert, Grosny wurde bereits in den Neunzigern zerstört. Ach, da waren ja noch die Tiergartenmorde, man kommt ganz durcheinander. Unser Leben im Auenland wurde davon nicht beeinträchtigt. Denn zum ignoranten Wegschauen kam die wohlige Gewissheit, zu den Guten zu gehören.

Robert Habeck resümiert am 31.März 22 bei Markus Lanz:

«Wenn wir unseren Alltag leben, wenn wir unsere Autos tanken, wenn wir unser Hack aufs Mettbrötchen draufschmieren, immer sind wir auf der Seite der Guten. Das können nur Leute glauben, die noch nie im Schweinestall waren. (…) Wir ziehen mit unserem Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde.»

Das Ende des Schlummers?

Obwohl die Zeitenwende nicht über uns gekommen ist wie ein Naturereignis, hat Russlands Angriffskrieg uns aufgeschreckt. Damals im Auenland hatten wir Putin auf seinem Pferd einen guten Mann sein lassen. Tempi passati. Die Ampel ist da. Jetzt blicken wir empört auf die Ruinen russischer Hegemonialpolitik in Butscha und Mariupol. Wir kaufen Panzer. Kampfbomber und Kriegsschiffe. Wir freuen uns über den Tankrabatt und die Neun-Euro-Tickets und fahren über den Sommer zurück ins Auenland. Vielleicht besichtigen wir sogar einen Schweinestall.

Hauptsache, wir drehen (uns) nicht um.

 


Bildnachweise:

Efraimstochter: „Flusswindung“ via Pixabay.

Armin Linnartz: „Angela Merkel 2010“ mit CC BY-SA 3.0 de-Lizenz via Wikimedia Commons.

Jakub Hałun: Three wise monkeys, Tōshō-gū Shrine, Nikkō mit CC BY-SA 4.0-Lizenz via Wikimedia Commons.

 

 

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