vonDarius Hamidzadeh Hamudi 20.09.2026

Zylinderkopf-Dichtung

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🎧 Auch als Audioglosse: »Probier’s mal mit Verdrießlichkeit«

»Links ist vorbei!«, tönte der heutige Kanzler am Vorabend der Bundestagswahl und gewährte anschließend einen Einblick in sein politisches Koordinatensystem. Merz mache Politik für die Mehrheit der Menschen, die »noch alle Tassen im Schrank haben«, nicht jedoch für »irgendwelche grünen und linken Spinner«. – Inzwischen ist viel passiert: Merz fiel im ersten Wahlgang durch und auch Die Linke machte in Sachen Geschäftsordnung den Weg dafür frei, Merz trotzdem noch am selben Tag zum Kanzler zu wählen. Die viel geschmähten Grünen, damals noch mit dem »Kinderbuchautoren« Habeck in ihren Reihen, verschafften Merz nach zähen Verhandlungen sogar die nötige Zweidrittelmehrheit für sein gigantisches Finanzpaket. Tja, und kürzlich verfehlte die AfD in Sachsen-Anhalt nur knapp die absolute Mehrheit der Sitze. Diese Ereignisse sind nicht spurlos an Merz vorbeigegangen. Am 9.9.26 erklärte er im Bundestag: »Das Wort Remigration ist nichts anderes als ein Synonym für ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe.« Ist das ein Fall für das Sprichwort vom blinden Huhn? Oder dämmert dem Sauerländer inzwischen tatsächlich, dass das alte Links-Rechts-Lagerdenken in der  gegenwärtigen Situation zu kurz greift, dass die politischen Schlachten spätestens seit Trump 2.0  in erster Linie zwischen den Freunden und den Feinden der weltoffenen liberalen Demokratie geschlagen werden? Mithin, dass Grüne, SPD und … ja sogar Die Linke die CDU – im Gegensatz zur AfD – nicht »zerstören« wollen?

Die Lernkurve zeigt nach oben

Obwohl Anlass zur Hoffnung besteht, dass die Lernkurve des Bundeskanzlers nach oben zeigt, ist Merz sich natürlich auch treu geblieben. Von Kinderärztinnen bis zu kleinen Paschas, »eigentlich gibt es doch kaum eine Bevölkerungsgruppe, die er nicht schon kritisch eingeordnet hat«, stellt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte fest. Daniel Günther bringt es in der Heute Show trocken auf den Punkt: »Das ist dann auch ne gewisse Konsequenz. Wenn man die Leute schon durchbeleidigt, dann muss man (…) auch konsequent bleiben, denn ich finde, sonst ist man nachher auch beliebig. (…) Mein ehemaliger Chef hat mal gesagt: ›Wenn der Wohnwagen hinten schlingert, Gas geben!‹ Das ist so ein Lebensmotto, da kommt man in der Politik echt weit.«

Fragwürdige Spekulationen

Die mediale Kanzlersturzmaschine ist schon abgehoben: DIE ZEIT taucht die Zukunft in ein schauriges Schwarz: Alles »könnte (…) einstürzen. Die Regierung. Das alte Parteiensystem. Am Ende die ganze schöne Republik, wer weiß das schon.« Muhahaha. ZEIT ONLINE legt noch einen drauf und titelt »Operation Kanzlersturz«. Ein paar Absätze später müssen sich die »potenziellen Verschwörer« allerdings erst einmal »zusammenfinden«. So weit scheint die »Operation« also noch nicht gediehen zu sein. Egal. Aufmerksamkeit ist eine harte Währung. Wie sich eine solche Debatte selbst verstärken kann, ist schnell erklärt: Medien fragen CDU-Politiker, ob Merz noch lange Kanzler bleibt. CDU-Politiker ziehen ein bisschen vom Leder, was man halt so macht nach einer verkorksten Wahl. Daraus entsteht die Nachricht, in der CDU werde über Merz‘ Zukunft gesprochen. Daraufhin müssen andere CDU-Politiker erklären, dass sie Merz den Rücken stärken, zum Beispiel die acht CDU-Ministerpräsidenten. Und ist dieses Statement nicht der beste Beweis dafür, dass die Iden des Merz kurz bevorstehen? Wie schlecht muss es um den Kanzler bestellt sein, wenn sogar acht Landesfürsten höchstselbst sich bemüßigt sehen, dem Chef öffentlich den Rücken zu stärken? In einer ZDF-Talkshow erhält ein Politikexperte die Gelegenheit, seine reißerischen Schlagzeilen in die Welt zu trompeten: Nach den Landtagswahlen sei in der CDU »D-Day«. Dann heiße es nur noch: »Stützen oder Stürzen«. Törööö.

Behalten wir ihn lieber

In der Geschichte der Bundesrepublik hat meistens die Union den Kanzler bzw. die Kanzlerin gestellt. Ab und zu durfte auch mal ein Sozi ran. Natürlich freut sich kein »linker Spinner« darüber, dass Friedrich Merz Kanzler geworden ist. Aber man kann nicht immer gewinnen. Gerade die progressiven Kräfte scheinen am besten zu verstehen, was die Stunde geschlagen hat. Sind Merz‘ verbale Breitseiten nicht irgendwie auch recht lustig? Drücken wir ihm einfach die Daumen, dass sein Wohnwagen trotzdem in der Spur bleibt. Schließlich kann sich jede:r ausrechnen, wer von einer Regierungskrise am meisten profitieren würde.

Merz hatte in seiner Zeit als Oppositionsführer beinahe Ton in Ton mit der AfD die meisten Reformvorhaben der Ampelregierung lauthals madig gemacht, vor Deindustrialisierung gewarnt, gegen das Heizungsgesetz gewettert und die Lieferung des Taurus zur Staatsaffäre aufgeblasen. Ende August 2026 tritt er allen Ernstes vor die Presse und erklärt: »Wir müssen raus aus dem Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses. Wir müssen den weit verbreiteten Missmut abschütteln, der unser Land seit langer Zeit lähmt.«

Merz-Song

Versuch’s mal / mit Verdrießlichkeit / mit Missmut und Verdrießlichkeit / denn hier im Land sind alle viel zu faul.

Und wenn du stets verdrießlich bist / weil Lifestyle so verbreitet ist / rollst du der AfD den Teppich aus.

Im Westen geboren / was hatt‘ ich ein Glück.

Und du streng dich an hier / du faules Stück.

Auch wenn das Stadtbild nicht gefällt / leb’n wir im schönsten Land der Welt.

Die Ossis sind nicht ganz verkehrt / wenn man ihnen die Welt erklärt / und das tue ich sehr gern.

Denn mit Verdrießlichkeit / kommt auch die Wut zu dir / sie kommt zu dir.

Versuch’s mal mit Verdrießlichkeit / mit Missmut und Verdrießlichkeit …

Denn mit Verdrießlichkeit / kommt auch die Wut zu dir / sie kommt zu dir.

 

Artikelfoto

Eigene Bildcollage unter Verwendung und Bearbeitung der folgenden Bilder:

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