vonDarius Hamidzadeh Hamudi 31.08.2026

Zylinderkopf-Dichtung

Essays, Glossen, Kommentare und Neuigkeiten aus der Menagerie der kleinen Literatur.

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Ein alter Tisch, der kippelt, lässt sich mit einer Goethe-Komödie leicht stabilisieren. Nicht alle Klassiker sind dick. Die Reclam-Ausgabe eignet sich deshalb gut, um kleinere Längenunterschiede von Tischbeinen auszugleichen. – Druckerzeugnisse werden seit jeher zweckentfremdet. Kürzlich wollte Der Spiegel über die rechtsextremen Netzwerke im Umfeld des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt aufklären. Das reißerische Cover zeigte diesen AfD-Politiker und adelte ihn zum »gefährlichste[n] Mann Deutschlands«. Die publizistische Warnung aus Hamburg stärkte Ulrich Siegmunds bundesweite Prominenz und verwandelte die Spiegelausgabe in einen AfD-Werbeträger. Am Rande seiner Kundgebungen signiert Siegmund das Spiegel-Cover inzwischen wie eine Autogrammkarte. Unterschriebene Exemplare werden bei Online-Auktionen für drei-, vereinzelt sogar vierstellige Beträge gehandelt.

Die AfD punktet mit Retrotopien

Über das Geheimnis des AfD-Erfolgs wurde schon viel geschrieben und geforscht: Die Du-darfst-Partei verheißt die Rückkehr in eine Vergangenheit, die es so nie gab. Krisen, Probleme und Herausforderungen wie Klimawandel, Fachkräftemangel und hohe Energiepreise werden geleugnet, ihre Ursachen umgedeutet und anderen in die Schuhe geschoben. Das zum eBay-Kultobjekt gewordene Spiegel-Heft macht handgreiflich, dass viele AfD-Sympathisanten keine Lust mehr auf die Zumutungen und Härten der krisengeschüttelten Gegenwart haben. Ihre Strategie ist einfach: Sie stöpseln sich aus.

Das schwarz-weiße, rassismusgetränkte AfD-Weltbild macht Einwanderung zur Wurzel allen Übels. »Remigration« und Braunkohle werden als Wunderwaffen angeboten. Auch die veränderte Sicherheitslage ist in dieser Welt kein Grund zur Beunruhigung. Putins Russland stellt keine Gefahr dar, sondern wird als verlorener Freund verklärt. Dass russische Desinformationskampagnen zugleich Erzählungen verstärken, von denen die AfD politisch profitiert, gehört zu den sich selbst verstärkenden Mechanismen dieser Wirklichkeitsflucht. In ihrem »Regierungsprogramm« für Sachsen-Anhalt legt die AfD ohne Gegenfinanzierung milliardenschwere Wahlgeschenke ins Schaufenster. Sie verspricht das Blaue vom Himmel: zusätzliche Leistungen und Steuersenkungen. Gleichzeitig pocht sie darauf, auf neue Schulden verzichten zu wollen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle hat eine jährliche Finanzierungslücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro errechnet.

Der sanfte Nebel schöner Lügen

Die AfD inszeniert ihre Wirklichkeitsflucht in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf. Ulrich Siegmund unternimmt mit seinen Anhängern »Simson-Ausfahrten«. Man knattert im Moped-Schwarm über die Lande, ist stolz auf die ostdeutschen Kleinkrafträder und berauscht sich am Gemeinschaftserlebnis. – Die möglichen Folgen der Politik, für die hier geworben wird, treten in den Hintergrund. Dabei lässt sich anderswo längst besichtigen, was passiert, wenn aus rechtsextremer und rechtspopulistischer Agitation gegen »die anderen« und »die da oben« Regierungshandeln wird.

Großbritannien. 2016 wollte Tony Rutherford die britische Fischerei retten. England ohne Fisch? Das wäre genauso undenkbar wie Sachsen-Anhalt ohne Simson-Schwalben. »Hol dir dein Land zurück«, sagt die AfD. »Take Back Control« lautete der Slogan der Brexit-Befürworter, unter ihnen Tony Rutherford. Der Gegner war klar. Er bestand aus zwei Buchstaben: EU. Nigel Farages UKIP nahm den Fischhändler sogar auf eines ihrer Plakate. Damals verkaufte Rutherford Fisch innerhalb des europäischen Binnenmarktes. Seit dem Brexit exportiert er in die EU. Und das ist gar nicht so einfach. Gleich die erste Fuhre, vor allem Seezungen und Rochen im Wert von 47.000 Pfund wurde an der Grenze gestoppt. Rutherford musste einen französischen Buchhalter beauftragen, sein Unternehmen für die Umsatzsteuer zu registrieren. Die erste Ladung wurde fünf Tage aufgehalten, danach war sie verdorben. Seither wird für jede Fuhre ein Gesundheitszeugnis fällig, außerdem muss sich ein Transportunternehmen um die Papiere kümmern. Pro Ladung entstehen so Kosten von 330 Pfund. Rutherford exportiert dreimal pro Woche, andere Kosten kommen hinzu. Er beziffert die zusätzlichen Kosten auf 70.000 Pfund. Der französische Zoll kennt keinen Spaß und prüft die Formulare genau. Seit dem Brexit hat Rutherford etwa acht Fischlieferungen verloren. Von den zusätzlichen Fangmöglichkeiten, die die Brexiteers den britischen Fischern versprochen hatten, ist wenig übrig geblieben. Rutherford bereut sein Votum zu einhundert Prozent. Für ihn ist es ein absoluter Albtraum!

Das AfD-Paradox

In der Sendung  Markus Lanz wurde Siegmund auf Herz und Nieren geprüft. Der AfD-Posterboy verwies dabei auf die Bedeutung der Bundespolitik. Eine gewonnene Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sei nur ein erster Schritt, erst eine »Kanzlerin Weidel« könne die Dinge umfassend verändern. Das ist kurios. Denn die Umsetzung zentraler bundespolitischer AfD-Forderungen würde ausgerechnet strukturschwache AfD-Hochburgen wie Sachsen-Anhalt besonders hart treffen. Der Ökonom Marcel Fratzscher spricht vom »AfD-Paradox«: Sachsen-Anhalts Bevölkerung ist älter als der Bundesdurchschnitt. Das Land ist strukturschwächer, seine Wirtschaft stärker von kleinen Unternehmen geprägt. Gerade deshalb, so Fratzscher, sei das Bundesland »verwundbarer als der Bundesdurchschnitt«.

West-Virginia, USA. 2024 hatte Jennifer Piggott eine Fahne der Trump-Kampagne in ihrem Vorgarten aufgehängt. Der Endvierzigerin gefiel das große Bild, das Trump zeichnete: Angesichts von »Verschwendung«, »Missbrauch« und »Betrug« müsse der Staatsapparat gründlich umgebaut werden. Und Piggott war mit ihrer Begeisterung nicht allein. Auch im Bekanntenkreis der Kirchgängerin war klar, wem man seine Stimme geben würde. 70 Prozent holte Trump in West-Virginia, ein Triumphzug. Jennifer Piggott arbeitete im öffentlichen Dienst, genauer gesagt im Bureau of the Fiscal Service des Finanzministeriums. Im BFS, davon war sie überzeugt, gab es keinen Firlefanz. Schließlich verwaltete man die Buchhaltungs- und Zahlungssysteme der Bundesregierung. Jennifer Piggott erhielt ausgezeichnete Beurteilungen und wurde befördert. Das sollte ihr zum Verhängnis werden. Mit dem internen Stellenwechsel begann eine Probezeit. Damit gehörte sie zu jener Gruppe von Bundesbediensteten mit geringem Kündigungsschutz, die DOGE, das sogenannte »Department of Government Efficiency«, bei der ersten Entlassungswelle aufs Korn genommen hatte. Die Begründung für ihre Kündigung lautete: schlechte Leistung. Keine drei Wochen zuvor hatte Piggott bei ihrer letzten Beurteilung noch die höchstmögliche Bewertung erhalten. Sie verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte der Präsident, für den sie dreimal gestimmt hatte, das Leben hart arbeitender Amerikaner zugrunde richten?

Die Grenzen der Verharmlosung

Lange wurde der Erfolg der AfD gern mit der Formel von der »Protestpartei« erklärt. Das war bequem. Denn es entpolitisierte den Willen der AfD-Wählerschaft und verschleierte die Gefahr, die von der extrem rechten Partei für das demokratisch verfasste Gemeinwesen ausgeht. Extrem rechte Parteien haben eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, ihre menschenverachtende Ideologie und ihren tumben Rassismus mit halbwegs wohlklingenden Begriffen zu verschleiern. Man würde annehmen, angesichts der aktuellen Umfragewerte in Sachsen-Anhalt wäre mit Blick auf die Verharmlosung der AfD das Ende der Fahnenstange erreicht. Doch dem ist nicht so. Richard David Precht stellt in seinem Podcast vom 14. August 26 die rhetorische Frage: »Welche Art autoritärer Agenda befürchten wir für den Fall, dass die AfD in Sachsen-Anhalt regiert?« und verweist auf den vermeintlich geringen Einflussbereich einer Landesregierung. Im Weiteren zählt er »Kirche, Schule, Medien und Polizei« auf, als wäre das ein Pappenstil. Markus Lanz wollte das offenbar so nicht stehenlassen. Er greift das Thema eine Woche später wieder auf und  betont die Gefahren, die von einer AfD-Landesregierung ausgehen würden. Zurecht warnt er eindrücklich über einen Missbrauch der Staatskanzlei zum Kulturkampf. Ergänzend möchte ich den enormen Einfluss eines potenziellen AfD-Innenministers auf die Polizeikultur des Landes Sachsen-Anhalt unterstreichen. Wie konkret diese Sorge inzwischen ist, zeigt die heftige Debatte innerhalb der Gewerkschaft der Polizei: Ihr damaliger Vizechef Sven Hüber erinnerte für das Szenario eines AfD geführten Innenministeriums ausdrücklich an die Remonstrationspflicht von Beamt:innen bei rechtswidrigen Anordnungen.

Debrecen, Ungarn. Judit Szemáns Familienbetrieb liegt nur wenige hundert Meter von der gigantischen neuen chinesischen Batteriefabrik CATL entfernt. Viktor Orbáns Regierung hat das 7,34 Milliarden Euro schwere Werk am Stadtrand der zweitgrößten ungarischen Stadt angesiedelt. Debrecen war lange eine Fidesz-Hochburg. Orbán versprach, die ungarische Heimat und Souveränität vor den vermeintlichen Zumutungen aus Brüssel zu verteidigen. Auch Judit Szemán hatte Orbáns Partei gewählt. Heute klagt sie gemeinsam mit anderen Anwohnern gegen die Genehmigung der Batteriefabrik. Die Kläger werfen der Behörde unter anderem vor, zentrale Umweltfragen nicht ausreichend geprüft zu haben. Früher habe Judit Szemán auf ihrem Hof Ruhe und Frieden gefunden, auch die Luft sei gut gewesen. Davon, sagt sie, sei nichts übrig geblieben. Die Anwohner haben Angst um ihre Gesundheit und befürchten ein Absinken des Grundwasserspiegels. Die zuständigen Behörden weisen das zurück. In der EU wird China mit Skepsis betrachtet, unter anderem als »systemischer Rivale«. Viktor Orbán hingegen erhob die Beziehungen zu China gemeinsam mit Xi Jinping zu einer »umfassenden strategischen Allwetter-Partnerschaft«. Die Zumutungen aus China waren für Orbán offenbar hinnehmbar.

Fatalistischer AfD-Grusel

Es gibt eine besonders billige und bequeme Art, die eigene Passivität und Lethargie im Hinblick auf das Erstarken der AfD zu rechtfertigen. Denn nicht selten geht die Verharmlosung der AfD (»Alles-nur-Protest-alles-halb-so-schlimm«) unvermittelt in Fatalismus über: »Irgendwann kommt die AfD ohnehin an die Regierung! Da kann man nichts dagegen machen.« Leitartikelautoren wie Dietmar Ostermann, der Politikchef der Badischen Zeitung, schwadronieren über Sachsen-Anhalt und zucken unter der Überschrift »Gefährliche Resignation« mit den Achseln: »Zum Aufbäumen, gar zu einem Aufstand der Anständigen reicht es weder bei Parteien noch im krisengeplagten Volk.«

Das ist natürlich gefährlicher Unsinn. Tatsächlich führen die Grünen und die SPD einen sehr engagierten Wahlkampf. SPD-Genoss:innen und Grüne aus der ganzen Bundesrepublik reisen nach Sachsen-Anhalt, unterstützen die Kandidat:innen vor Ort, klingeln an Haustüren, verteilen Informationen und zeigen Präsenz auf den Marktplätzen. Franziska Brantner und Felix Banaszak führen einen engagierten und ideenreichen Wahlkampf (»Taxi Banaszak«). Auch die SPD-Bundesprominenz zeigt Präsenz in Sachsen-Anhalt. Und der ehemalige Ministerpräsident Reiner Haseloff engagiert sich überparteilich für die Kampagne »Wahre Heimatliebe ist …«.

Die Mitschuldigen

Die Hauptverantwortung tragen selbstverständlich rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte, die die Spaltung der Gesellschaft zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben und sich darauf verlegen, vor allem in der digitalen Sphäre Modernisierungsskepsis und Rassismus zu bewirtschaften. Das ist eine schwere Hypothek für eine Gesellschaft, die noch immer damit beschäftigt ist, sich im 21. Jahrhundert zu akklimatisieren.

Mitschuldig machen sich jedoch auch öffentliche Stimmen, Journalist:innen und Medienhäuser, indem sie

  • die AfD verharmlosen,
  • die AfD normalisieren,
  • den AfD-Grusel ausschlachten,
  • einem resignativen Fatalismus das Wort reden oder
  • aus Unachtsamkeit neue Heldenbilder aufbauen.

Politische Mehrheiten sind kein Schicksal und Wahlergebnisse keine Naturkatastrophen. Die Wähler:innen sind verantwortlich für die Folgen ihrer Wahlentscheidung  – gerade dann, wenn nicht sie selbst, sondern andere die Leidtragenden rechtsextremer und rechtspopulistischer Politik sind.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, Goethes Komödie unter dem kippelnden Tisch hervorzuholen. Keine der Figuren kann sich darauf herausreden, nur Opfer oder Zeuge zu sein. Der Titel ist Programm: »Die Mitschuldigen«.

 

Bildnachweis

Eigene Bildcollage

  • Illustration des Simson-Mopeds durch künstliche Intelligenz generiert

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